Würzburg

Das Gedächtnis braucht Stabilität

Über die neuronalen Unterschiede zwischen Buch und Schirm und warum Vorlesen so wichtig ist.

Mother and Daughters Looking at Children´s Book
Vorlesen ist gut für die Eltern-Kind-Beziehung und fördert die geistige Entwicklung des Kindes. Foto: Adobe Stock

Wer kennt das nicht? Jugendliche versuchen ihre Eltern davon zu überzeugen, dass es reicht, sich über das „Netz“ zu informieren; Eltern wiederum versuchen ihre Jugendlichen zum Zeitungs- oder gar Bücherlesen zu animieren. Beide Generationen haben teilweise recht. Im Netz kann man sich schnell informieren, wenn es um punktuelle, wertfreie, nicht interpretationsfähige Informationen geht, also zum Beispiel Fahrpläne, Altersangaben von Dichtern, Erfindern, Musikern, Politikern, genaue Titel von berühmten Werken, Zitate oder auch Einwohnerzahlen von Städten und Ländern. Aber Assoziationen, Bewertungen und Einordnungen liefern diese Daten nicht. Dafür ist Kontext-Wissen nötig und um das zu erwerben, muss man sich erinnern können, mehr gelesen haben, vor allem Bücher oder Zeitungen, die die einordnende Leistung mehr oder weniger wertneutral vollbracht haben oder aktuell leisten. Es geht nicht ohne (Papier-)Lesen in der heutigen Wissensgesellschaft.

Der traditionelle Zugang ist das Vor-Lesen

Wie können Eltern ihre Kinder zum Lesen von Zeitungen und Büchern anregen? Der traditionelle Zugang ist das Vor-Lesen. Oder das Geschichten-Erzählen. Hier haben Großeltern besondere Gaben. Sie haben oft mehr Zeit als die Eltern, mehr Geduld, mehr Erfahrung. Christa Meves, die großartige Kennerin und Prophetin kindlicher Psyche, schreibt in ihrem sehr empfehlenswerten Büchlein „Großeltern ABC“, der Wert dieses großelterlichen Vorlesens und Erzählens bestehe darin, „dass das moralische Instrument nicht intellektuell, mit moralisierender Direktheit übermittelt wird, sondern in der Bildersprache des Unbewussten, zu der die Kinder einen unmittelbaren Zugang haben und die sich wesentlich tiefer einstanzt – keineswegs allein in die Sphäre flachen, intellektuellen Wissens, sondern in die Schicht gefühlsmäßig unterscheidenden Geistes. Durch das Erzählen von Geschichten aus der Truhe der Mythen, Sagen, Märchen und biblischen Darstellungen geschieht eine emotionale Prägung mit viel nachhaltigerer Wirkung als durch vermittelten Schulstoff“.

Eine Wirkung kann sein, dass für Kinder, wenn sie die emotionale Wärme des Vorlesers spüren, der Wert des Lesens und der Sprache steigt. Sie wollen selber lesen. Natürlich findet man im Netz auch Märchen. Aber sie wirken anders. Denn es gibt außer der emotional verankerten Erinnerung an Bücher auch neuronale Unterschiede zwischen Buch und Schirm. Der Sprachforscher und Literaturexperte Professor Werner Bleyhl benennt einige: „Eine Reihe von Untersuchungen hat zweifelsfrei ergeben, dass Texte auf Papier mit ihrer fixen Plazierung auf der Fläche besser behalten werden als solche auf dem Bildschirm. Bildschirmlesen verlangt weniger Motorik, bewirkt dagegen trockene Augen und ermüdet rascher. Die Augenbewegungen und die Haptik sind beim Bücherlesen ausgeprägter.

Die Macht des fotografischen Gedächtnisses

Offensichtlich spielt hier die Macht des fotografischen Gedächtnisses eine Rolle. Das Gedächtnis braucht Stabilität. Und wer hat nicht die Erfahrung gemacht, dass man sich beim Nachschlagen eines Begriffes, einer Wendung in einem Buch genau an den Ort der Seite erinnert, wo das Gesuchte gestanden hat? Auf dem Bildschirm hingegen rutschen die Wörter laufend rauf und runter, oft noch hin und her. Der Hilfsgeist fotografisches Ortsgedächtnis hat wenig Chancen … Die Bedeutung des Lesens kann nicht überschätzt werden.“ Das Institut für Demoskopie Allensbach bestätigt: 51 Prozent der Deutschen gibt an, dass sie sich gedruckte Texte gut merken können. Nur sechs Prozent fällt es bei digitalen Texten leicht, den Inhalt zu behalten. Für das Gedächtnis ist also klar: Papier schlägt Schirm.

Eine weitere Zahl macht das deutlich: Jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen. Und die Erfahrung sagt: Ein Schüler, der ab der ersten Klasse an der Playstation zockt oder mit dem Smartphone im Netz der Online-Spiele sich verfängt, liest nicht mehr, auch nicht in der zweiten oder dritten Klasse. Das hat Folgen. Nicolas Carr stellt, auch für Erwachsene, fest: Der ständige Umgang mit den Content-Häppchen des Internets verändere auch die Hirnstruktur und schwäche die Konzentrationsfähigkeit. Man verliere die Ausdauer und die Fähigkeit, ein Buch zu lesen. Das mag nicht bei jedem User so krass enden. Aber die Änderung der neuronalen Strukturen, die Konzentrationslücken und Schlafstörungen bis hin zu Suchtsymptomen (jedes Jahr erkranken rund 20 000 Kinder an Mediensucht) sind belastbar nachweisbar. Mehr als 60 Prozent der Neun- bis Zehnjährigen schaffen es nicht, sich länger als dreißig Minuten ohne digitale Medien zu beschäftigen. Trotzdem werden Politiker nicht müde, eifernd nach mehr Digitalisierung in den Schulen und sogar im Kindergarten zu rufen. Sie sollten mindestens genauso viel, besser mehr Energie aufwenden, um das Lesen zu fördern. Das ist gesünder, für die Bildung nachhaltiger und eine Zukunftsfrage für die Gesellschaft.

Leseförderung mit Büchern und Zeitungen dringend geboten

Angesichts der neuesten Nutzerzahlen wird die Leseförderung mit Büchern und Zeitungen immer dringender. Sieben Stunden verbringen die Deutschen im Schnitt jeden Tag mit Medieninhalten, davon eine Stunde mit Lesen von Texten, sechs Stunden mit Videos, Fernsehen, Streamingdiensten, Audioinhalten und Radio. Die Dauer variiert etwas je nach Alter. Zwischen neun und 17 Jahren sind Kinder und Jugendliche rund 2, 4 Stunden online, bei den 15- bis 17jährigen ist es eine volle Stunde mehr und am Wochenende mehr als vier Stunden. 35 Prozent der Sechs- bis Neunjährigen haben ein eigenes Handy und bei den 12- bis 13-Jährigen sind es schon mehr als 95 Prozent. Technik-Entwickler und Programmierer wissen, dass die psychologischen Schwachstellen ausgenutzt werden. Spiele, Apps und Webseiten werden so konstruiert, dass das Hirn den richtigen Cocktail an Belohnungsstoffen ausschüttet. Vor allem Likes und Sternchen in den sozialen Netzwerken fluten die User entsprechend mit Glückshormonen. Auch hier lässt sich sagen: Wer Bücher liest, reflektiert mehr, hat mehr Abstand, lebt selbstbestimmter.

„Wer Bücher liest,

reflektiert mehr,

hat mehr Abstand,

lebt selbstbestimmter“

Das kann und sollte früh anfangen, am besten mit Vorlesen. Immer wieder bestätigen Erzieher: Vorlesen ist eines der Geheimnisse einer guten Eltern-Kind-Beziehung und fördert die geistige Entwicklung des Kindes. Vielfach haben Kinder, denen viel vorgelesen wurde, einen deutlichen Vorsprung vor anderen. Nach einer ersten Untersuchung der Universität Illinois, die später vielfach bestätigt wurde, wurde Kindern, die bei Schuleintritt lesen konnten, von ihren Eltern regelmäßig vorgelesen. Das muss nicht immer die Mutter sein. Wichtig ist:

– dass früh damit angefangen wird, es kann gar nicht früh genug sein, Bücher können so Begleiter durchs Leben werden.

– dass am besten immer zur gleichen Zeit und mindestens eine Viertelstunde vorgelesen wird;

– dass viele vertraute Personen aus dem familiären Umfeld (Mutter, Vater, Großeltern, ältere Geschwister) oder sozialen Umfeld (Babysitter, Betreuer) diese Gewohnheit des Lebens mittragen – und sich nicht mit dem Smartphone beschäftigen;

– dass Bücher griffbereit sind und zwar Bücher, die dem Alter und den Interessen der Kinder entsprechen. Babies und Kleinkinder bis zu drei Jahren mögen einfache Bilder und Geschichten über vertraute Dinge. Kinder im Vorschulalter bevorzugen Märchen und Erzählungen über Tiere und das tägliche, normale Leben. Kinder im Grundschulalter erfahren gern etwas über ihre Hobbies und Interessen, ältere Kinder (neun bis zwölf) hören gern Sagen, Detektiv- und Abenteuergeschichten. Das muss auch keine Kostenfrage sein. Auf Flohmärkten und im Netz kann man heute sehr preisgünstig gerade ältere Kinderbücher erstehen. Und für Großeltern ist es eine Gelegenheit, Kindern zu Festen mal ein Buch zu schenken, entweder mit dazugehöriger CD oder dem Angebot, es gemeinsam zu lesen.

– dass die vorgelesene Geschichte mit Leben erfüllt wird, indem man zwischendurch Fragen stellt („Was meinst Du/Ihr, passiert jetzt?“, „Was kann man da machen?“, „Schau mal, wie der angezogen ist“, etc.). Das regt die Fantasie an und fördert die sprachliche Entwicklung. Aus einer Untersuchung der staatlichen Universität New York geht hervor, dass Kinder, die beim Vorlesen einbezogen wurden, anderen Kindern, die nur passiv zuhörten, bei der Einschulung sechs bis acht Monate voraus waren. Kinder wollen oft dieselbe Geschichte immer wieder hören. Wiederholung verbessert den Wortschatz, schult das Gedächtnis und gibt den Kindern ein Gefühl für den Aufbau einer Geschichte. Pädagogen empfehlen, dass man auch dann noch weiter vorliest, wenn das Kind schon selber gut lesen kann. Und dass man sich selber auch von dem Kind vorlesen lässt. Denn gemeinsames Lesen ist Kommunikation mit allen Sinnen: Sehen, Hören, Tasten, und für die Kleinen Kuscheln inklusive. Das gilt auch für weniger Kleine und auf jeden Fall ist das Vorlesen ein Dauer-Like, das entspannt und Geborgenheit schenkt.