Würzburg

„Coronaferien“: Was nun?

Wenn die Kinder über Wochen zu Hause sind: Anregungen für eine unverhofft geschenkte Zeit.

Coronaferien
Die Corona-Zwangspause bringt eine außergewöhnliche Familienzeit. Auf der Suche nach Wegen, damit gut umzugehen. Foto: Rocco Thiede

Morgens sehen wir uns wochentags nur selten. Denn als Lehrerin muss ich früher los als das kleine Kind. Der Vater muss einspringen. Meist lege ich auf seinem Platz ein Gesicht aus den Lebensmitteln hin, die gerade so da sind, Rosine, Kiwi, Möhren, Kohlrabi, Gemüse, Nüsse. Ein Gesicht als kleinen Gruß.

Geschenkte Zeit

Das wird es jetzt mindestens fünf Wochen nicht geben. Die Zwangspause ist auch eine unverhofft geschenkte Zeit. Wir werden nun jeden Tag zusammen frühstücken. Und wir werden sogar ausgeschlafen sein, falls uns die schrecklichen Nachrichten schlafen lassen. Wie oft wünscht man sich in der Mühle des Alltags eine Auszeit, einmal morgens trödeln und alles langsam angehen. Jetzt ist diese Zeit da und keiner ist froh. Im Moment. Es gilt, diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Sie kann auch ein Geschenk werden. Zur neuen Sicht der Lage gehört zum Beispiel dieser Gedanke: Hat man sonst eine Auszeit, dann wird sofort gepackt und verreist. Jetzt bleiben wir zu Hause und sollten so wenig wie möglich nach draußen. Verrückte Welt.

Das kleine Kind hilft uns, die Fassung zu wahren, nicht immerzu am Handy die neuesten Nachrichten zu lesen, nicht immerzu mit den Großeltern und Urgroßeltern telefonisch in Kontakt zu sein, nicht allzu besorgt zu sein über die unbegreifliche Rasanz der Weltänderung. Es hilft auch zu beten. Kinder haben eine natürliche Art im Umgang mit Gott, ihr Glaube ist oft reiner. Auch das kann man in diesen Wochen lernen: Vertrauen im Gebet entwickeln, das Herz erweitern, nach innen wachsen. Vom gemeinsamen Gebet können alle lernen. Das Kind will spielen, es fordert uns, es will etwas erleben. Im August eingeschult ist es von der Schule noch total begeistert. Nur: Was machen wir jetzt mindestens fünf lange Wochen, wenn es keine Freunde treffen kann, wenn alle Zoos, Museen und Schwimmbäder geschlossen sind?

Aufgaben der Schule: Lernen

Die Schule schickt per Internet Aufgaben. Da können wir ein bisschen rechnen, ein bisschen schreiben und lesen üben und dann? Eine Lehrerin schrieb als Coronaferien-Hausaufgabe, die Kinder sollen mindestens jede Woche ein Bild malen oder zeichnen, wie es ihnen geht, was sie fühlen, was sie machen, Ventile finden für sich in dieser surrealen Zeit.

Vielleicht müssen wir auch Dinge ausprobieren, gegen die wir uns bisher gewehrt haben. Mathematikaufgaben am Computer rechnen mit sechs Jahren, fand ich noch zu früh. Die Lehrerin hat einen Einwahlcode mitgeschickt. Aber was ist mit den Familien, die keinen Computer für ihre Kinder haben? Handys haben fast alle – doch Laptops?

Unser Tag muss eine Struktur bekommen, sonst fließt uns die Zeit davon und wir wissen gar nicht, was wir gemacht haben. Struktur ordnet und vermittelt Sinnhaftigkeit. Das gilt es besonders beim Gebrauch von Handys und Laptops zu beachten.

Spielen

Von den Geschwistern, die schon aus dem Haus sind, haben wir noch LÜK und MiniLÜK, ein Schul-Spiel, mit dem sich das Kind allein beschäftigen und das auch richtig anstrengend sein kann. Es gibt von Vorschule bis Grundschule passende Aufgabenhefte. Das wäre je eine halbe Stunde. Wir haben außerdem noch eine Kindertafel und Puppen, eine halbe Stunde Schule nachspielen, das geht auch. Spielen ist überhaupt das Wichtigste für Grundschulkinder. Oft kommt das an den Wochentagen zu kurz, wenn nach dem Schultag noch Hausaufgaben, einkaufen oder Musikschule anstehen. Jetzt ist der Moment da: Das alte Puppenhaus vom Dachboden holen, alte Spielsachen heraussuchen. Für Jungs das Tipp-Kick-Spiel, jetzt, da die Bundesliga wochenlang pausiert. Das sind Gemeinschaftserlebnisse, die man auch als unvermutetes Geschenk sehen kann.

Bewegung

Neben dem Spielen braucht das Kind Bewegung. Das geht gut, wenn man es am eigenen Frühsport beteiligt. Apps geben Anleitung für ein kleines Workout. Oder mit der passenden Musik fangen Kinder oft von allein an zu tanzen und das hat auch etwas Befreiendes. Das Trampolin im Garten kann vom Restlaub befreit werden und nun eingesprungen werden oder man ordert schnell ein Mini-Trampolin für das Zimmer, sozusagen für den Hausgebrauch. Auch hier fragen wir uns, was wollte man schon immer mal machen und hat einfach nicht die Zeit dazu gefunden?

Basteln und Schmücken

Wir wollten schon immer mal Ketten basteln, haben Perlen gesammelt. Wir haben auch noch etwas Ton und jede Menge Farben. Das Kind möchte für Ostern schmücken. Wir können Eier auspusten, anmalen und aufhängen. Heute habe ich Samen und Pflanzen gekauft und wir spielen damit eine Stunde Gartenbau. Die Balkonkästen werden bepflanzt. Zudem haben wir Holzvorräte aus dem nahen Wald gesammelt, aus denen man etwas bauen kann und schnitzen.

Medien

Die Sendung mit der Maus kommt jetzt täglich, das war unser neues Ritual, um am Freitag auf das Wochenende einzustimmen. Auch die Radiosendungen Kiraka und Kakadu für Kinder rüsten auf. Alte Filme, bei denen noch klar unterscheidbar ist zwischen Gut und Böse und die die Kinder nicht überfordern, werden plötzlich wieder aktuell. Es ist immer besser, sie gemeinsam auf der Couch zu sehen als einzeln auf dem Handy. Da ist Kuscheln inklusive.

Handarbeit

Und wir können uns auf die guten, alten Dinge besinnen. Das Kind hat gerade Knöpfe annähen gelernt und näht kleine Taschen aus Filz. Sie hat eine Häkelliesel und häkelt lange Schnüre. Sie hat Sticken entdeckt, was gerade wieder im Kommen ist. Vielleicht kann sie richtiges Häkeln oder Stricken lernen? Im letzten Sommer haben wir zusammen ihre Schultüte gefilzt.

Musik

Man muss nur den Topfschrank öffnen und die Kochlöffel ausgeben. Schon sind die Kinder animiert, Musik zu machen. Wir haben von Reisen eine kleine Instrumentensammlung in einem geheimnisvollen Schrank gesammelt, der jetzt geöffnet werden kann. Wann kommt man im Wochenalltag zwischen Arbeit, Kita oder Schule schon einmal dazu?

Helfen

Als Eltern können wir größere Projekte angehen, wie das oft Gesagte, aber immer aus irgendeinem Grund Verschobene: zum Beispiel die Garage entrümpeln oder einmal den Keller (oder Speicher, sofern vorhanden) aufräumen. Auch hier können Kinder, je nach Alter, sicher auch gut einbezogen werden und sich dabei freuen, wenn sie alte Dinge wieder entdecken. Der Frühjahrsputz kann begonnen werden. Die Kinder lieben Sprühflaschen. Da ist es angebracht, genau das Etikett zu lesen…

Familienfotos und -filme

Endlich wäre die Zeit, sich alte Fotos anzusehen oder selbst aufgenommene Familienfilme zu schauen. Die Frage ist, ob man die Muße dazu hat. Aber jede Art von Ablenkung tut gerade gut. Alte DVDs kann man ausgraben, Angebote für Film-Abonnements sind so gefragt wie nie zuvor.

Wenn Geschwister im Haus sind, werden die neuen häuslichen Betreuungsherausforderungen leichter. Die Kinder können dann so viel unter- und miteinander machen. Bei uns gab es eine Zeit lang immerzu Zirkusvorstellungen, Buden bauen unter Tischen, Kissenschlachten, alte Brettspiele, Puppentheater spielen, Käferhäuser bauen.

Kochen und Backen

Und gut kann man die Kinder einbeziehen beim Vorbereiten der Mahlzeiten, Kochen und Backen. Dann kann es sogar vorkommen, dass das kleinste Kind, so wie gestern, morgens den Tisch eindeckt und an meinem Platz liegt dann schon ein Essensgesicht aus Bananen und Tomaten …

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .