Freiburg

Zwischen fünf und sechs

Warum das Material über den Synodalen Weg für den Religionsunterricht nicht einmal ein „Ausreichend“ verdient.

Jungengymnasium
Mitmachen beim Synodalen Weg soll Schülern im Religionsunterricht nahegelegt werden. Foto: KNA

Das Institut für Religionspädagogik der Erzdiözese Freiburg hat eine Broschüre mit Unterrichtsmaterialien zum Synodalen Weg für Gymnasien („Synodaler Weg“, Sonderausgabe der Reihe „Themen im Religionsunterricht“ 2020) herausgegeben. Bereits im Vorwort werden Anlass und Ursache der Krise der Kirche „in deren Reihen in den vergangenen Jahrzehnten sexueller und geistlicher Missbrauch in ungeahntem Ausmaß begangen wurde und deren Strukturen den Missbrauch erleichtert und seine Ahndung erschwert haben“ einseitig monokausal begründet und bewertet. Finanziert wurde die knapp einhundert Seiten umfassende Arbeitshilfe (Auflage 12 000 Exemplare) von der Deutschen Bischofskonferenz. Auf einen ersten Teil mit sechs Aufsätzen folgen im zweiten Teil ausgearbeitete Unterrichtsmodelle.

Da die Unterrichtsideen überwiegend aus den vorangestellten Aufsätzen entwickelt wurden, müssen diese zuerst genauer betrachtet werden. Warum nur „Sprachpuristen … über den Ausdruck Synodaler Weg den Kopf schütteln“, da doch der griechische Begriff Synode bereits „gemeinsamer Weg“ bedeutet, fragt man sich. Am Anfang steht ein Beitrag des Bischofs von Osnabrück, Franz-Josef Bode. Man muss ihm danken für ein schönes Zitat von Alfred Delp in seinem Text, das es verdiente, als Motto im Frankfurter Synodenplenum angebracht zu werden: „Die Wucht der immanenten Sendung der Kirche hängt ab vom Ernst ihrer transzendenten Hingabe und Anbetung. Der anmaßende Mensch ist schon in der Nähe der Kirche immer von übel, geschweige denn in der Kirche und gar im Namen der Kirche oder als Kirche.“

Von romantischer Verzückung getragen

Leider geht der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz nicht auf diese prophetischen Worte des Glaubenszeugen Delp ein. Interessant sind die Akzentsetzungen hinsichtlich der Beschreibung der Arbeitsgruppen (Foren) des Synodalen Weges: „1. Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“; „2. Priesterliche Existenz heute“, verbunden mit dem vorweggenommenen Ergebnis der auf zwei Jahre veranschlagten Beratungen: „Lebensform der Ehe oder der Ehelosigkeit für Priester je nach den Erfordernissen einer guten Evangelisierung“; „3. Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ (Ziel der „sakramentalen Würdigung … durch die Diakonatsweihe von Frauen oder durch einen amtlichen Verkündigungsdienst“); „4. Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und (!) Partnerschaft („Grundprinzip der Liebe“ jetzt „menschennäher und lebensnäher angehen“).“ Erstaunlich anzusehen ist, wie sich der Oberhirte von einer romantischen Verzückung davontragen lässt: Heraus aus „Jerusalem, der großen, festen Stadt, dem Ort der religiösen, politischen und gesellschaftlichen Mächte und des Machtgehorsams“. Bode projiziert sich zurück in das „Galiläa des Ursprungs“, in „kleine Gemeinschaften der Eucharistie an Orten des Vertrauens“, zu „eher offene(n) und überschaubare(n) Lebenseinheiten“.

Dogmen werden als Traditionen dargestellt

Höhepunkt ist ein Drewermann-Zitat, mit dem Bode 2000 Jahre Kirchengeschichte meint überspringen zu können, um sich vor der Verantwortlichkeit für die Glaubensüberlieferung in der Gegenwart in die rückwärtsgewendete Utopie zu flüchten: „Bewusst zu leben beginnen, was vor dem in Galiläa in der Unmittelbarkeit der ,Nachfolge‘ Jesu geschah.“ Auch Neutestamentler und Synodenmitglied Thomas Söding arbeitet in seinem Beitrag nach der Methode der pauschalen moralisierenden Entlarvung: „Die Kirche bleibt nicht wie sie ist. Sie muss aufbrechen, weil sie in Tausenden von Fällen Missbrauch begünstigt und gedeckt hat; …“ Zudem wird betont, dass die vier Themen des Synodalen Weges „Macht und Partizipation, priesterliches Leben, Frauen im Dienst der Kirche sowie Sexualethik“ allesamt „aus der Nacharbeit der MHG-Studie entstanden“ sind.

Konsequent wird nicht von Glaubenslehre und Dogma gesprochen, sondern von „Traditionen“ im Sinne von unverbindlichem Brauchtum: Ethik und Kirchenstruktur stünden deshalb im Mittelpunkt, „weil sich auf diesen Feldern die Erwartungen an Selbstbestimmung, die für eine säkulare Welt typisch sind, mit den Traditionen katholischer Lehre (!) am stärksten stoßen“, oder noch deutlicher an anderer Stelle, an der die „Grundsatzfrage“ gestellt wird: „Welche der Traditionen, die durch Dogma und Kirchenrecht geheiligt scheinen, zur Disposition gestellt werden müssen, weil es sich, bei Lichte betrachtet, doch um menschliche Traditionen, nicht aber um göttliche handelt.“

Streit über die Ämter in der Kirche

Söding plädiert für eine „charismentheologische Neubegründung des kirchlichen Dienstes“, beruhend auf dem „Unterschied der Kompetenzen“, was wohl auf eine funktionale Amtsbegründung hinausläuft oder an sich selber scheitert, da eine die Charismen prüfende Instanz abgelehnt wird. Die Aufforderung an die Bischöfe, auf die vom Konzil eingeschärfte personale Ausübung des Hirtenamtes zu verzichten, wird in Frageform gekleidet, „wie sie auf Privilegien verzichten wollen und sich in das Ganze des Gottesvolkes einbinden lassen können …“. Wenig erstaunlich ist, dass auch der Beitrag der Erfurter Dogmatikerin Julia Knop ebenfalls unkritisch dem Verdächtigungsschema folgt: Es sei nun „von externer wissenschaftlicher Seite … ein besonderes Gefährdungspotenzial für sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch identifiziert worden.

„Man darf ihm nicht mehr ausweichen. Das kirchliche Priesterbild, das kirchliche Frauenbild, sexualethische Vorgaben und die Verurteilung beziehungsweise Tabuisierung von Homosexualität müssen auf den Prüfstand. Denn sie stützen ein System, in dem körperliche und seelische Integrität von Jungen und Mädchen und Frauen massiv Schaden genommen hat und weiter Schaden nehmen.“

Reformunfähigkeit wird unterstellt

Folglich werden die klerikalen Machthaber als reformunfähig, weil machtbesessen, abqualifiziert: „Es braucht auch andere als die Entscheider dieses Systems, um die Pathologien des Systems zu identifizieren und eine nachhaltige Reform zu erarbeiten.“ Sachlich und informativ ist dagegen der Text des Münsteraner Kirchenrechtlers Klaus Lüdicke. Er informiert darüber, dass „die Vollmacht zu Entscheidungen über das Leben der Kirche nur dem Papst – für die Gesamtkirche – und den Bischöfen – für ihre jeweiligen Teilkirchen – zukommt. Auf den Bischofssynoden haben nur Bischöfe ein Stimmrecht. Zudem haben die Beschlüsse einer Bischofssynode für den Papst nur beratende Bedeutung.

Im Beitrag von Melitta Menz-Thoma wird darauf hingewiesen, dass der „Verzicht Kardinal Marx' auf eine zweite Amtsperiode als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz“ für Irritationen gesorgt habe. Richtig muss es heißen, dass Kardinal Marx sich kein zweites Mal zur Wahl gestellt hat.

Unterrichtsmodelle für Gymnasien

Im zweiten Teil folgen die Unterrichtsmodelle für Gymnasien. Im ersten Entwurf sollen Schüler die Rolle eines Synodenteilnehmers einnehmen und „in deiner zugeteilten Rolle auf das Gehörte reagieren. Unter den Rollen gibt es die eines Bischofs, „dem die Beibehaltung der kirchlichen Tradition wichtig ist“, und eines Mitbruders, „dem die Zusammenarbeit mit Laien wichtig ist“. Falsch ist die Information, dass der Apostel Paulus mit der Rede vom „Leib Christi” (1 Kor 12, 12–17) nicht Kirche meine.

Besonders ärgerlich sind die herangezogenen Aussagen von Karlheinz Ruhstorfer: „Die Kirche zu gründen, lag Jesus selbst wohl fern.“ Ohne Stiftungswille Jesu wäre die Kirche ohne jede Legitimation und wäre die Rede von Kirche als Leib Christi reine Anmaßung. „Nach und nach bildete sich eine jüdische Sekte heraus, die Jesus als ihren Messias erkannte. Mehr noch, Jesus wurde im Glauben … schließlich zur Inkarnation Gottes. Er wurde selbst als Gott verehrt.“ Damit wird die Gottessohnschaft Jesu zum nachträglichen Interpretament ohne jeden Bezug zum historischen Jesus. Ist das die Weise, wie die heutige Herausforderung, Getaufte „im Glauben zu alphabetisieren“, von der Söding sprach, geleistet werden soll?

Den Schülern wird eine zutreffende Definition des Begriffs der apostolischen Sukzession bewusst vorenthalten. Karikierend wird dieser wesentliche Glaubensinhalt entstellt: „Die Apostel, die Gefährten und Freunde Jesu suchen Menschen aus, denen sie den Geist durch Handauflegung weitergeben. Das ist ja nur die Theorie, die eine Bewegung vom Apostel zum Nachfolger behauptet. Eigentlich (!) ist die Bewegung ja anders herum: Der Nachfolger glaubt sich in der Nachfolge des Apostels. Diese Nachfolge unterscheidet autoritativ, welche Verhaltensweisen Jesus entsprechen.“

Synodalgedanke in der Kirchengeschichte

Im zweiten Unterrichtsmodell wird der Synodalgedanke durch die gesamte Kirchengeschichte nachgezeichnet. Diese anspruchsvolle Arbeit mit zahlreichen Quellentexten eignet sich für ein Proseminar mit Theologiestudenten im Fach Kirchengeschichte, nicht für heutige Gymnasiasten. Für den Auszug aus der Silvesterpredigt des Bischofs von Regensburg (2019) muss man den Herausgebern auch gegen ihre Intention danken. Nur hier wird darauf hingewiesen, dass es beim Synodalen Weg um die Entscheidung für das Bekenntnis zur „Kirche als Stiftung Jesu Christi“ geht. Nur hier wird noch von der „sakramentalen Struktur der Kirche“ im Sinne des Konzils gesprochen. Nicht zuletzt widerspricht Bischof Voderholzer den unhaltbaren Folgerungen aus der MHG-Studie, an der die gesamte „Entlarvungsstrategie“ sich festgemacht hat, mit dem „wissenschaftlich belegten“ Hinweis, dass die Ehelosigkeit um des Himmelreiches von sich aus mit sexuellem Missbrauch nichts zu tun hat und dass die allermeisten Fälle dieses Verbrechens im familiären Umfeld geschehen durch Menschen, die nicht zölibatär leben.

Vorbei an den Zielen von Papst Franziskus

Im dritten Unterrichtsmodell wird die zeitgeistkonforme evangelische Synode dem Synodalen Weg gegenübergestellt, wobei natürlich die evangelisch-parlamentarische dem Zeitgeist näherliegt und die Katholiken in Rechtfertigungszwang versetzen soll. Das vierte Modell besitzt Erkenntniswert, weil es den Beitrag von Lüdicke über die verschiedenen Formen synodaler Prozesse in eine Tabelle überführt.

Sind diese Modelle für den katholischen Religionsunterricht zu empfehlen? Das Fazit ist ernüchternd: Grundaussagen der katholischen Glaubenslehre werden gezielt geleugnet, der Bezug zur Lebenswelt der Schüler fehlt fast gänzlich, methodisch-didaktisch sind die Stundenmodelle sehr textlastig, bei interessanten Inhalten wird deutlich zu viel vorausgesetzt. Weder Evangelisierung noch Sensus Ecclesiae, für Papst Franziskus die „bestimmenden Elemente” der Synodalität, prägen die enttäuschende Publikation. Sie bringt junge Katholiken dem Ziel, von dem der Papst in seinem Brief an die deutschen Katholiken sprach, „dass die Kirche in Verkündigung der Freude des Evangelium, der Grundlage, auf der alle Fragen Licht und Antwort finden, täglich treuer, verfügbarer, gewandter und transparenter wird“ keinen Schritt näher.

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