Berlin

„Wir arbeiten mit Hypothesen„

In mühevoller Kleinarbeit edieren Wissenschaftler seit Jahren eine Quellensammlung zum arianischen Streit.

Konzil
I. Konzil von Nizäa (ab 325).

Frau von Stockhausen, Sie edieren Dokumente und bereiten eine Quellensammlung zum arianischen Streit auf. Sind Sie dabei auf Überraschungen gestoßen?

Es gibt sowohl Überraschendes als auch Probleme. Die Textsammlung zum arianischen Streit ist ein Projekt mit einem langen wissenschaftsgeschichtlichen Vorlauf aus den dreißiger Jahren. Das ursprüngliche Ziel war, Dokumente zur Geschichte des Athanasius von Alexandrien zu sammeln, um dessen Biografie und die Auseinandersetzung um die richtige Lehre zu erhellen. Nachdem das Projekt dann auf den arianischen Streit als Ganzen ausgeweitet worden war, war dann geplant, mit dem Jahr 381, dem Jahr des zweiten ökumenischen Konzils von Konstantinopel, zu enden. Das Projekt hat sich 2002, als wir in Erlangen anfingen, gewandelt. Wir haben festgestellt, dass es nicht sinnvoll ist, mit dem Jahr 381 aufzuhören, weil dies ein artifizieller Schnittpunkt wäre. Das war die erste Überraschung.

„Das Bild, das sich die Wissenschaft von Konstantinopel macht, hat sich aus meiner Sicht verschoben.“

Warum war 381 kein endgültiger Schlussstrich?

Mit dem Nicäno-Konstantinpolitanum war nicht alles geklärt. Der Streit ging weiter. Viele Texte bezeugen, dass die Sache damit nicht abgeschlossen war, wie man in den Lehrbüchern liest, nach denen nun die Frage nach der Christologie diskutiert wurde – bis Chalcedon 451. Das Bild, das sich die Wissenschaft von Konstantinopel macht, hat sich aus meiner Sicht verschoben. Erst im sechsten Jahrhundert kann man mehr oder weniger von einem Abschluss des trinitätstheologischen Streites reden. Die Kollegen in Wien arbeiten gerade an Dokumenten aus den germanischen Nachfolge-reichen des Römischen Reiches im Westen aus dieser Zeit, in der der Streit noch weiterköchelte.

Welche Faktoren spielten dabei eine Rolle?

Für die Auseinandersetzung spielt die Zweiteilung des Römischen Reiches in einen lateinischsprachigen Bereich im Westen und einen griechischsprachigen Bereich im Osten eine Rolle. Durch die Völkerwanderung kamen Goten in den Westen des Reiches, deren Verständnis vom Christentum von dem der römischen Bevölkerung abwich. So flammte die Diskussion im Westen noch einmal auf, nachdem sie im Osten beendet war. Hinzu kommt, dass sich ein Großteil der Diskussionen im Osten abgespielt hatte – und das in sehr enger Beziehung zur allgemeinen intellektuellen Diskussion insbesondere der neuplatonischen Philosophie der Zeit. Ein Grund war sicher, dass der lateinischsprachige Westen eigentlich nie richtig verstanden hat, worum es ging. Dazu gehört der Streit um die griechischen Begriffe der „homousia“ – Wesensgleichheit – und „hypostasis“ – realen Existenz – Gottes, der auch mithilfe einer philosophiesprachlichen Differenzierung gelöst wurde.

Wie verlässlich ist die Quellenlage?

Es gibt nie Originale von den spätantiken christlichen Autoren. Die Überlieferung des lateinischen Westens stellt mit Augustinus eine Ausnahme dar: Von ihm haben schon Kopisten derselben Generation Texte überliefert. Im griechischen Bereich stehen in der Regel keine Dokumente aus der Zeit vor dem neunten Jahrhundert zur Verfügung. In dieser Zeit wurde die Art zu schreiben geändert und vieles daher neu abgeschrieben, wodurch die vorherige Überlieferung mehr oder weniger verlorenging. Wir haben in der Überlieferung daher immer einen Abstand von 500 bis 600 Jahren zum Autor. Im Fall der Dokumente haben wir es mit einer doppelt gebrochenen Überlieferung zu tun, weil diese Dokumente nie als solche als Papyrus oder Handschrift aufgetaucht sind, sondern es sind Texte, die von anderen Autoren mit bestimmten Absichten zitiert worden sind.

„Die Texte, die wir veröffentlichen, sind aus verschiedenen Überlieferungen rekonstruiert“

Was ergibt sich daraus für die wissenschaftliche Arbeit?

Wir bieten ein Arbeitsinstrument für die weitere Forschung. Schön ist es immer, wenn Texte von mehreren Autoren überliefert worden sind, weil man dadurch eine größere Chance hat, auf die ursprüngliche Überlieferung des vierten Jahrhunderts zurückzugreifen. Wir arbeiten aber im Prinzip mit Hypothesen. Die Texte, die wir veröffentlichen, sind aus verschiedenen Überlieferungen rekonstruiert, und mit Hilfe eines Variantenapparates werden für die Leser die Überlieferung und unsere Entscheidungen möglichst nachvollziehbar. Aber in der Form, in der wir sie präsentieren, liegen sie nicht überliefert vor. Natürlich hoffen wir, dass ein Original, sollte es je gefunden werden, dann genauso aussieht wie unsere Rekonstruktion.

Mit welchen literarischen Gattungen arbeiten Sie?

Mit Synodalschreiben, Synodalbriefen, mit Rundbriefen an Bischöfe im gesamten Römischen Reich, von denen wir in der Regel ein Exemplar haben. Zum Teil sind es Briefe von Bischöfen an Mitbrüder oder an Synoden, die auf Fragen oder Vorwürfe reagieren. Darüber hinaus gibt es Bekenntnisse, in denen Synoden definieren, was christlicher Glaube ist, und kirchenhistorische Berichte, die die Auseinandersetzungen aus der Perspektive des fünften Jahrhunderts darstellen. Aus dem Westen sind auch Protokolle von Streitgesprächen überliefert.

Bis heute bestimmen die Definitionen der ersten beiden ökumenischen Konzilien den Glauben der Kirche. Das ist für manche, die die Lehre unter dem Vorzeichen der Vorläufigkeit sehen, kaum vorstellbar. War den Christen jener Zeit die historische Tragweite ihrer Beschlüsse bewusst?

Die Bischöfe jener Zeit hatten sicher nicht den Eindruck, dass ihre Beschlüsse vorläufig sind. Auch das Selbstverständnis einer Synode in Antiochien, die nur Bischöfe aus dem engeren Umkreis versammelt, beansprucht, dass hier für die gesamte Christenheit gesprochen wird. Und es gibt auch die feste Überzeugung, dass durch die Synodenväter aus den Dokumenten der Heilige Geist spricht. Allerdings wird auch durchaus deutlich, dass die Zeitgenossen die vielen Synoden mit der Vielzahl ihrer unterschiedlichen Bekenntnisse kritisch beäugen.

Wie ergiebig ist Ihr Projekt für interdisziplinäre Ansätze?

Es ist für alle, die sich mit Theologiegeschichte beschäftigen, interessant, aber auch für die allgemeine Geschichtswissenschaft. Natürlich ist es auch für die Altphilologie wichtig, weil man an den edierten lateinischen und griechischen Texten durchaus sehen kann, dass und wie Sprache sich weiterentwickelt. Interessant ist es sicher auch für die Philosophiegeschichte: mit Blick auf die Einflüsse des Neuplatonismus und wie interagiert wird. Die Christen sind da durchaus nicht auf einer Einbahnstraße unterwegs. Auch die Auswirkungen auf die Kirchenbildung über das Römische Reich hinaus bieten Stoff – etwa mit Blick auf Armenien oder Äthiopien.

Wenn Sie Promotionen über das Thema vergeben könnten – was würden Sie wählen?

Es fehlt ein monographischer Überblick, also die ganze Geschichte zu beschreiben, denn wir haben nur einzelne Punkte herausgegriffen. Jetzt müsste man noch den großen Bogen spannen. Das ist aber natürlich keine Aufgabe für eine Promotion. Mit unseren Ergebnissen könnte man auch noch einmal einzelne Aspekte der Synoden neu erforschen. Es hat sich auch gezeigt, dass einzelne Autoren nicht gut ediert sind. Eine Quelle, die wir häufig verwendet haben, ist eine Dokumenten-Sammlung von Hilarius von Poitiers – die Collectanea antiariana parisina. Sie basiert auf einer Handschrift, die in der Pariser Arsenalbibliothek aufbewahrt wird und in digitalisierter Form gut lesbar zugänglich ist. Die Edition enthält ziemlich viele Fehler, weil die Handschrift oft nicht richtig gelesen ist. Eine Neuedition dieses Textes, der nur fragmentarisch überliefert ist, wäre sicher wünschenswert. Lohnen würde sich auch, Epiphanius von Salamis, der schlecht überliefert ist, noch einmal näher zu erforschen. Er hat ein großes Werk gegen die Häresien geschrieben: Der Text ist größtenteils nur in einer Handschrift überliefert, die in Jena liegt.

Welcher Lerneffekt ist aus Ihrer Sicht bemerkenswert?

Was man aus dieser Entstehungsgeschichte lernen kann, ist, wie die Menschen damals versucht haben, das Problem des einen, dreifaltigen Gottes intellektuell zu bewältigen: Wie sie durch Irrwege hindurch versuchten, weiterzudenken und sich auch eingestanden haben, dass es eine Grenze der menschlichen Erkenntnisfähigkeit gibt. Die Gratwanderung, das Problem zu fassen und verständlich zu machen, sich aber auch im eigenen Erkenntnisdrang zurückzunehmen, ist bemerkenswert.

 

Hintergrund 

Der ursprüngliche Initiator des Projekts „Urkunden zur Geschichte des arianischen Streites“ war Hans-Georg Opitz (1905–41). Als er in den dreißiger Jahren an der dreibändigen Edition der Werke des Athanasius arbeitete, merkte er, dass Athanasius seine Argumentation auf zahlreiche Werke stützt. Das brachte Opitz auf den Gedanken, die Dokumente zu Athanasius zu sammeln. Er kam bis zum ersten ökumenischen Konzil von Nizäa 325 und hat die Vorgeschichte des Arianischen Streites bearbeitet. Mit dem Tod von Opitz und der Teilung Deutschlands kam das Projekt der damals Preußischen Akademie der Wissenschaften ins Stocken. Es wurde 2002 an der Universität Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für Kirchengeschichte unter Leitung vom Hanns Christof Brennecke fortgeführt. Kürzlich ging der Band in Druck, der kurz vor dem Konzil von Konstantinopel endet. Schwerpunkt des nächsten Bandes ist das Zweite Ökumenische Konzil und seine Dokumente. 

www.athanasius.theologie.uni-erlangen.de

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