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Wie wird das Corona-Schuljahr?

Bis zu 400 Unterrichtsstunden sind im letzten Schuljahr pro Jahrgangsstufe ausgefallen. Worauf sich Lehrer und Schüler jetzt einstellen müssen.

Schulstart unter Corona-Auflagen
Ob Maskenpflicht oder andere Konzepte. Auch das kommende Schuljahr unter Corona-Bedingungen wird besonders sein. Foto: Patrick Scheiber/Kegler via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Am Ende der Sommerferien wird es immer spannend. Die Schüler, selbst wenn sie es nicht zugeben, freuen sich, dass es losgeht, weil man wieder mit seinen Klassenkameraden zusammen ist. Die Eltern sind froh, dass die Kinder ab sofort wenigstens vormittags „aufgeräumt“ sind. Die Schulen basteln an Stunden- und Raumplänen, damit alles reibungslos beginnen kann.

Diesmal – beim Start ins Schuljahr 2020/2021 – ist vieles anders, diesmal muss vieles wegen „Corona“ noch exakter oder auch ganz anders geplant werden. Natürlich wünschen sich alle Beteiligten, dass alles regulär läuft, denn von März 2020 bis zum Beginn der Sommerferien gab es kaum noch reguläre Schule. Zwar konnten alle schulischen Abschlussprüfungen durchgeführt werden. Und mit Rücksicht auf „Corona“ sind die Ergebnisse im Schnitt noch einmal besser ausgefallen als zuvor. Es sind auch keine Fälle von Covid-10-Infektion durch Abschlussprüfungen bekannt geworden.

Ein holpriger Schulstart ins Ungewisse

Aber: Je nach Jahrgangsstufe haben die Schüler in dieser Zeit zwischen 300 und 400 Unterrichtsstunden nicht erteilt bekommen. Das ist ein Drittel eines Schuljahres. Mit Hilfe „digitalen Lernens“ konnte das nur zum Teil kompensiert werden. Zum regulären Präsenzunterricht gibt es nun einmal keine gleichwertige Alternative. Deshalb muss der reguläre Präsenzunterricht Vorrang haben, denn dieser Unterricht in der realen Lehrer-Schüler-Interaktion erbringt die besten Bildungs- und Erziehungserfolge.

Nun also müssen sich die 42 000 Schulen in Deutschland mit rund zehn Millionen Schülern für alle Eventualitäten rüsten. Wird es ein Schuljahr „post Coronam“ oder ein schwieriges Corona-Schuljahr? Eine erste Antwort lassen Bundesländer erahnen, die bereits seit zwei bis drei Wochen wieder „Schule“ haben: Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, NRW und Schleswig-Holstein.

Überlagert wird alles durch die aktuelle Entwicklung: Die Infektionszahlen steigen erneut, und die wahren oder die selbsternannten Experten sind sich alles andere als einig, wenn es um die Einschätzung des aktuellen Infektionsrisikos sowie die Notwendigkeit von Maßnahmen und um Prognosen geht. Hier findet sich alles zwischen völliger Verharmlosung und Apokalypse, zwischen strengster Quarantäneregelung, Pflichttestung, Pflichtimpfung und rigorosem Maskenzwang. All dies ist keine verlässliche Basis für die Schulen.

Von der Maskenpflicht bis zum Kohorten-Konzept

Nehmen wir allein die Frage des Maskenzwangs. Zahlreiche Varianten sind im Gespräch oder schon in der Umsetzung. Die niederländische Schulministerin lehnt ein Maskentragen ab. Einzelne Ärzteorganisationen fordern eine Maskenpflicht im Unterricht, andere nur eine auf dem Schulgelände, aber nicht im Unterricht. Manche Ärzte halten das Tragen einer Maske gesundheitlich für ein Risiko, weil der Sauerstoffanteil der eingeatmeten Luft geringer und der CO2-Gehalt größer sei. Einzelne Eltern klagen vor Verwaltungsgerichten, weil sie nicht möchten, dass ihre Kinder zum Maskentragen gezwungen werden. Die Kultusminister ringen um die Frage, ob eine Maskenpflicht generell für ein Bundesland gelten solle, oder ob die Schulen dies vor Ort entscheiden können sollen. Andernorts bastelt man an „Kohorten“-Konzepten, mit denen die Schülerschaft einer Schule in Gruppen geteilt wird, die sich auf dem Schulgelände mit Hilfe unterschiedlicher Zugänge, Toilettenzonen und Pausenbereiche nicht mehr begegnen können. Auf diese Weise soll gewährleistet werden, dass gezielt eine eng umgrenzte Schülerschaft und nicht eine komplette Schule in Quarantäne geschickt werden muss.

Vor diesem Hintergrund stehen die Schulen, auch die 16 Kultusminister, vor der Aufgabe einer Quadratur des Kreises. Es ist jedenfalls ein holpriger Start, ein Start ins Ungewisse. Das zeigen die ersten Erfahrungen der Länder, deren Schuljahr zwischen dem 3. und 12. August begann. Nehmen wir (Stand: 27. August) Beispiele: In NRW – bei wohlgemerkt 5 500 Schulen – kam es bis dato zu zehn Teilschließungen von Schulen, etwa in Dortmund, Viersen, Dorsten. In Hamburg wurden elf Klassen in Quarantäne geschickt. Ähnliches wird aus Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel gemeldet.

Nicht noch mehr Schüler dürfen abgehängt werden

Und die Lehrerschaft? Welche Unterrichtskonzepte auch immer umgesetzt werden, es steht und fällt mit der Lehrerschaft; vor allem hängt vieles davon ab, wie viele Lehrer zur Verfügung stehen und ob es zusätzliche Lehrer für besondere Maßnahmen gibt, etwa zum Zwecke der Einhaltung der Abstandsregeln eine Verkleinerung oder eine Teilung von Klassen. Im zurückliegenden Schuljahr war das etwas schwierig, weil zwischen 15 und 20 Prozent der Lehrerschaft aus Altersgründen, wegen Vorerkrankungen oder wegen Schwangerschaft zu den Risikogruppen zählten, die bestenfalls im digitalen Fernunterricht einsetzbar waren.

Das ist im eben begonnenen Schuljahr anders. Die Länder sind zu restriktiven Maßnahmen übergegangen. Wer von der Arbeit in der Schule befreit werden will, muss ein amtsärztliches Attest vorlegen. Das hat dazu geführt, dass in Schleswig-Holstein nur noch 0,4 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern nur noch 1,5 Prozent der Lehrer vom Unterricht in der Schule befreit sind.

Gewaltiger Mangel an digitalen Konzepten

Gleichwohl sind zumal aufgrund der aktuell steigenden Infektionszahlen Alternativen parat zu halten. Sprich: Lehrer und Schüler müssen für einen Fernunterricht mit entsprechender digitaler Hard- und Software ausgestattet sein. Hier mangelt es zum Teil gewaltig. Vor allem aber mussten und müssen die Sommerferien genutzt werden, um die zuletzt teilweise defizitären, aber notwendigen Hygienestandards zu gewährleisten: Waschbecken, Desinfektionsmittel, Schutzmasken, Lüftungstechnik. Ob CO2-Messgeräte und Raumluftreiniger das Richtige sind, sei dahingestellt.

Ferner müssen die örtlichen Gesundheitsbehörden genügend Kapazitäten schaffen, damit an den Schulen regelmäßig Corona-Testungen stattfinden und Hotspot-Schulen sofort geschlossen werden können. Darüber hinaus arbeiten die Länder an einem 4-Stufen-Plan. Dieser Stufenplan basiert auf jeweils aktuellen Infektionszahlen innerhalb einer Woche je 100 000 Einwohnern in einem Landkreis oder einer Kreisfreien Stadt. Stufe 1 (bis 20 Neuinfektionen je 100 000 Wohnbevölkerung und Woche) wird von einer Normallage ausgegangen. In diesem Fall werden allgemeine Maßnahmen wie beispielsweise Kontaktnachverfolgung vom Gesundheitsamt ergriffen, um einen weiteren Anstieg des Infektionsgeschehens zu verhindern. In der Regel bleiben Kindertageseinrichtungen und Schulen geöffnet. Der Maßnahmenkatalog steigert sich über Stufe 2 (21 bis 35 Neuinfektionen), Stufe 3 (36 bis 50 Neuinfektionen) bis hin zu Stufe 4 (mehr als 50 Infektionen). In letzterem Fall kommt es gegebenenfalls zu Schließungen von Schulen und Kitas/Kindergärten ganzer Städte oder Landkreise.

Eine Frage der Erziehung

Vieles ist im wahrsten Sinn des Wortes ansonsten eine Frage der Erziehung. Schüler und Lehrer müssen die Hygiene-, Abstands- und Gesichtsschutz-Vorschriften einhalten. Eltern stehen hoffentlich hinter all dem und achten darauf, dass ihre Kinder, sofern sie Erkältungssymptome haben, zuhause bleiben. Sie sollten ihre Kinder unbedingt auch für eine angemessene Zeit von zwei Wochen zu Hause lassen, wenn sie unmittelbar aus dem Urlaub in einem Risikogebiet zurückkehren. Die Schulen sollten sich dies konsequent von den Eltern bestätigen oder widerlegen lassen oder aber über die Gesundheitsämter auf einer Testung bestehen.

Corona darf jedenfalls nicht noch mehr dazu führen, dass viele Schüler abgehängt werden und die Bildungsnation Deutschland noch weiter zurückfällt. Aber auch hier gilt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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