Eichstätt

Was das Latein noch nützt

Die alte Sprache zu kennen, bringt einen lebenslangen Vorteil.

Latin inscription
Latein ist der Schlüssel nicht nur zur Entzifferung römischer Inschriften. Foto: Adobe Stock

Zugegeben: Eine Pizza wird man sich trotz sehr guter Lateinkenntnisse in Rom nicht bestellen können, nicht einmal im Vatikan. Wenn man den Sinn von Spracherwerb ausschließlich in der direkten Kommunikationsfähigkeit verortet, wird man im Erlernen des Lateinischen keinerlei Nutzen erkennen können, wie dies in einer im vergangenen Jahr vom Berliner Soziologen Jürgen Gerhards zusammen mit Tim Sawert und Ulrich Kohler veröffentlichten Studie behauptet wird (Des Kaisers alte Kleider: Fiktion und Wirklichkeit des Nutzens von Lateinkenntnissen, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 71 [2019] 309–326). Auch die übrigen mit dem Erlernen des Lateinischen häufig verbundenen Effekte, wie ein leichteres Erlernen romanischer Sprachen oder aber eine Förderung logischen Denkens, werden von den Autoren aufgrund einiger angeführter Studien als faktisch nicht gegeben angesehen, so dass der Nutzen des Lateins eine bloße Fiktion sei, die vom Bildungsbürgertum als „symbolisches Kapital“ vor allem zur Abgrenzung von anderen sozialen Schichten aufrechterhalten werde.

Lateinkenntnisse bringen Studierenden klare Vorteile

An diese Publikation sind viele kritische Anfragen zu stellen, von der erfolgten Selektion der angeführten Studien, dem zugrunde liegenden Bild modernen Lateinunterrichts bis hin zum Bildungsverständnis der Autoren, das von einer erdrückenden Enge gekennzeichnet zu sein scheint. Im Folgenden soll die Frage nach dem Nutzen des Lateinischen einmal aus universitärer Perspektive betrachtet werden.

Für Studienanfänger bedeutet die Universität oft eine gewaltige Umstellung: Unter den vielen neuen Erfahrungen begegnet ihnen in ihren Fächern eine sehr häufig aus dem Lateinischen (und Griechischen) abgeleitete Fachterminologie. Studierende, die zumindest über Lateinkenntnisse verfügen, können sich viele Begriffe selbst herleiten. Dozentinnen und Dozenten werden die Fachtermini mit Hinweis auf deren etymologische Herkunft erläutern oder besser noch die Studierenden selbst erklären lassen. Begriffe samt deren Inhalt prägen sich leichter und nachhaltiger ein, wenn die Lernenden sich selbsttätig einem unbekannten Wort analytisch nähern. Dies gilt auch für das Medizinstudium. Auf einer Bahnfahrt konnte ich beobachten, wie beim Repetieren anatomischer Begriffe diejenigen Studierenden, die Latein gelernt hatten, falsche Begriffserläuterungen ihrer Kommilitonen mit explizitem Verweis auf die genuine lateinische Bedeutung mühelos korrigieren konnten.

Hermeneutischer Umgang mit Texten

Die wichtigste Kompetenz für geisteswissenschaftliche Studien ist der hermeneutische Umgang mit Texten, was vielen Studierenden einige Probleme bereitet. In meiner langjährigen Praxis als Hochschullehrer habe ich wiederholt beobachten können, dass Studierende mit Lateinkenntnissen hierin klar erkennbare Vorteile haben; Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Woran liegt das? Der Schwerpunkt in der Vermittlung der Neuen Sprachen liegt auf dem aktiven Sprachgebrauch. Übersetzungen aus einer Fremdsprache in das Deutsche werden hingegen sehr selten angefertigt. Im Deutschunterricht wird – sieht man einmal von der Lyrik ab – häufig die Lektüre recht umfangreicher literarischer Werke in einem hohen Lesetempo betrieben. Im Lateinunterricht dagegen herrscht eine andere Methodik vor, man spricht hier gerne vom „mikroskopischen Lesen“: Nahezu jedes Wort wird analysiert und auf seine Bedeutung und syntaktische Funktion hin untersucht. Die Schüler lernen so bereits früh einen sorgfältigen Umgang mit anspruchsvollen und überdies kulturell bedeutsamen Texten. Wer einen Text von Cicero oder Vergil angemessen übersetzen und interpretieren kann, wird mit der nötigen Anleitung auch mit anderen Texten sicher umzugehen verstehen. Das so geleistete textanalytische Training wirkt sich sogar auf ein juristisches Studium positiv aus, da die Methodik der Auslegung von Gesetzestexten durch die Interpretation altsprachlicher Texte vorbereitet wird.

In sämtlichen Disziplinen, die sich in historischem Interesse mit dem westlichen Kulturkreis beschäftigen, ist Latein überdies eine zentrale Quellensprache. Dies liegt daran, dass das Lateinische bis weit in die Neuzeit hinein als Sprache von Literatur, Dichtung, Recht, Diplomatie und Wissenschaft fungierte, vergleichbar dem Arabischen in der islamischen Welt. Bis heute ist Latein die Sprache des katholischen Kirchenrechts und gemeinsam mit Italienisch die offizielle Amtssprache des Vatikans. Der Bestand an lateinischen Quellen ist gewaltig und nur ein Bruchteil übersetzt. Der häufig erhobene Einwand, man könne sich diese Texte durch eine bloße Übersetzung erschließen, greift folglich zu kurz. Darüber hinaus ist eine Übersetzung immer eine Interpretation und der Rekurs auf diese ohne die Möglichkeit einer kritischen Prüfung bedeutet eine wissenschaftliche Entmündigung: Man ist gezwungen, einer Interpretation zu folgen, deren Berechtigung man nicht beurteilen kann. Für Studierende von Fächern wie Geschichte, Theologie, Philosophie oder Kunstgeschichte sind Lateinkenntnisse unverzichtbar. Aber auch in der Romanistik oder Anglistik benötigt man Lateinkenntnisse, sofern die Sprachen in ihren historischen und kulturellen Dimensionen adäquat erfasst werden sollen.

Nicht die Fächer gegeneinander ausspielen

Diese drei Punkte aus der universitären Praxis sollten genügen, um einen Nutzen des Lateinischen für geisteswissenschaftliche Studien und sogar darüber hinaus aufzuzeigen. Damit sind wir aber bei einem grundsätzlichen Problem angelangt: Wie ist eigentlich der Nutzen von Bildung zu erheben? Nach meinem Abitur habe ich beispielsweise nie wieder eine mathematische Kurvendiskussion durchgeführt, so dass die Fähigkeit hierzu verschüttet ist und der Auffrischung bedürfte. Könnte ich deshalb begründet Mathematik als nutzlosen schulischen Ballast ansehen? Die mit Händen zu greifende Absurdität dieser Frage, die wohl nur oberflächliche Menschen bejahen dürften, offenbart einen wichtigen Aspekt gymnasialer Bildung: Sie soll die „Allgemeine Hochschulreife“ sicherstellen und den Abiturienten eine freie Studienwahl ermöglichen. Interessen sind breit gestreut, und dies ist Bedingung einer funktionierenden Gesellschaft.

Keinesfalls darf man einzelne Fächer gegeneinander ausspielen. Englischkenntnisse sind von immenser Bedeutung, naturwissenschaftliche Fächer in vielerlei Hinsicht wichtig, was kein vernünftiger Mensch abstreiten wird. Wer aber später einmal in einer Anwaltskanzlei oder einem pharmazeutischen Forschungszentrum arbeitet, dem wird auch die Beschäftigung mit lateinischen Texten nicht abträglich sein, so wie auch für künftige Historiker und Theologen die schulische Mathematik oder Chemie alles andere als Zeitvergeudung bedeuten. Bildung nach vordergründig wirtschaftlichen Nützlichkeitserwägungen zu beurteilen, heißt sich dem Diktat der Ökonomisierung von Bildung zu unterwerfen. Bildung will aber mehr: Es geht mit Wilhelm von Humboldt darum, die „Geisteskräfte“ junger Menschen zur Entfaltung zu bringen. Hierzu kommt es auf eine Breite von schulischen Angeboten und Fächern an.

Aggressiv-intolerantes Nützlichkeitsdenken

Dass die Alten Sprachen in bildungspolitischen Diskussionen häufiger in Misskredit geraten, hängt neben einem oft aggressiv-intoleranten ökonomisch orientierten Nützlichkeitsdenken auch mit einer sich ausbreitenden Geringschätzung eines historischen Bewusstseins zusammen, das über die Französische Revolution hinausgreift. Vor allem die Antike, aber auch das Mittelalter wird ausgesprochen oder unausgesprochen als irrelevantes Bildungsgut verstanden, das für unsere Zeit bedeutungslos ist, eine Prämisse, mit der auch der Geschichtsunterricht zu kämpfen hat. Dass die griechisch-römische Antike zusammen mit dem spätantik-mittelalterlichen Christentum das kulturelle Fundament für Europa bildet und man die eigene Gegenwart ohne diese Grundlagen nicht verstehen kann, wird dabei achselzuckend ignoriert.

Aus universitärer Perspektive liefert ein moderner Lateinunterricht den Schülern eine Fülle von Kenntnissen und Kompetenzen, die ihnen in verschiedensten Studiengängen zugute kommen. Diesen Nutzen des Lateinischen, der in einer umfangreichen fachdidaktischen Literatur dokumentiert ist, zu ignorieren oder klein zu reden, lässt sich wohl nur aus einer erstaunlichen Naivität oder aber bewussten oder unbewussten ideologischen Vorbehalten erklären, beides Voraussetzungen, die nicht förderlich sind für gedeihliches wissenschaftliches Arbeiten.

Der Autor ist Professor für Alte Kirchengeschichte und Patrologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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