Bonn

„Theologie ist Christologie“

Der emeritierte Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke erläutert Chancen und Grenzen des Theologiestudiums - Teil I.

Karl-Heinz Menke
Die Frage nach der inneren Einheit der theologischen Disziplinen ist für Karl-Heinz Menke ein Problem im deutschen Wissenschaftsbetrieb, das umgangen wird. Foto: Elisabeth Rahe (KNA)

Herr Professor Menke, seit Goethes Faust seine Theologiestudien bedauert, ist viel geschehen. Dennoch bleibt Fausts Erfahrung aktuell, dass Theologiestudien sich als untauglich herausstellen, um einen wissenschaftlichen Zugang zum Gottesglauben zu eröffnen. Woran liegt das?

Es gibt in der Geschichte des Christentums sapientale und wissenschaftliche Theologie. Bis ins 13. Jahrhundert war Theologie das von Liturgie, Verkündigung und Meditation nicht getrennte Verstehen des kirchlich gelebten Glaubens; also „verstehendes Eindringen in den Glauben“ („intellectus fidei“). Erst im 13. Jahrhundert entsteht eine wissenschaftliche Theologie, die klar unterscheidet zwischen dem gelebten Glauben der Kirche einerseits und andererseits der Verantwortung dieses Glaubens vor dem Forum der philosophisch (später auch historisch-kritisch und naturwissenschaftlich) argumentierenden Vernunft. Durch wissenschaftliche Theologie – dessen wird sich Goethes Faust bewusst – gelangt man nicht zum Glauben.

Was kann wissenschaftliche Theologie leisten?

„In der Regel ist das wissenschaftliche Studium
kein Zugang zum Glauben, …“

Wissenschaftliche Theologie kann den Glauben – falls vorhanden – durch Konfrontation mit allen nur denkbaren Gegenargumenten läutern und vertiefen. Wer ein Theologiestudium mit der Erwartung beginnt, hier könne er oder sie zum Glauben finden, hat das falsche Mittel gewählt. Im Idealfall treffen Studenten auf Professoren, die nicht nur analysieren und bilanzieren, sondern auch Zeugnis ablegen von der Wahrheit der kritisch reflektierten Inhalte. Aber in der Regel ist das wissenschaftliche Studium kein Zugang zum Glauben, sondern die Ausbildung derer, die ihren längst durch Elternhaus, Gemeinde oder Vorbilder geprägten Glauben mit der methodischen Gründlichkeit einer Wissenschaft reflektieren. Sie sollen befähigt werden, den Glauben der Kirche, in deren Auftrag sie tätig werden, zu begründen.

Was ist Theologie? Welche Definition ist aus Ihrer Sicht angemessen?

Das Wort ,Theo-logie‘ kann – wörtlich übersetzt – beides bedeuten: „Rede Gottes“ und „Rede über Gott“. Würden wir über Gott reden, ohne dass er zuerst zu uns geredet hat, dann würden wir Gott zu einem Gegenstand unter anderen degradieren; zu einem Objekt, über das man wie der Mediziner über den Körper oder der Kosmologe über das Weltall reden kann. Aber Gott ist kein Geschöpf und daher kein an Raum und Zeit gebundenes Objekt. Christen glauben, dass Gott nicht nur indirekt – zum Beispiel durch die Geschichte Israels – zu uns gesprochen hat, sondern einmal – vor circa 2 000 Jahren – als er selbst. Gemeint ist das Ereignis der Inkarnation.

Allerdings: Wenn Gott ein Geschöpf – Mensch – „wird“, dann nur unter der Voraussetzung, dass er in der Zeit, in der er Mensch ist, nicht aufhört, Gott – außerhalb von Raum und Zeit – zu sein. Der Glaube an die Trinität Gottes ist immer schon vorausgesetzt, wenn wir von der „Mensch-Werdung“ Gottes sprechen. Nicht Gott-der-Vater wird Mensch, sondern – geistgewirkt – seine Beziehung zum Sohn. Jesus lebt – in allem uns gleich außer der Sünde – dieselbe Beziehung zu Gott-dem-Vater, die der innertrinitarische Sohn ist. Von daher meine Antwort auf die Frage „Was ist Theologie?“: Theologie ist Christologie.

Warum?

„Die Frage nach der inneren Einheit der theologischen Disziplinen
ist eines der heißen  Eisen des theologischen Wissenschaftsbetriebs.“

Nur Christus ist die Selbst-Aussage Gottes. Die Exegese des Alten und des Neuen Testamentes ist nur insofern Theologie, als sie der Christologie dient. Analoges gilt auch von allen anderen Disziplinen einer theologischen (nicht religionswissenschaftlichen oder religionsphilosophischen!) Fakultät: von der Dogmatik und der Fundamentaltheologie, von der Pastoraltheologie, der Liturgiewissenschaft oder dem Kirchenrecht. Die Frage nach der inneren Einheit der theologischen Disziplinen ist eines der heißen – und bisher kaum angepackten – Eisen des theologischen Wissenschaftsbetriebs – vor allem in Deutschland.

Das Spektrum der Fächer hat sich im Laufe der Jahre verändert. Welche Kriterien sind ausschlaggebend dafür, welche Fächer lehrstuhlwürdig sind und welche nicht?

Es gibt kein Faktum ohne Deutung. Es gibt das Christusereignis nicht an und für sich, sondern stets als schon von den zwölf Aposteln und den Schriften des Neuen Testamentes gedeutetes. Deshalb ist Theologie immer bezogen auf einen deutenden Text (Exegetische Theologie), auf dessen innere Einheit und Plausibilität (Systematische Theologie), dessen Überlieferung und Wirkungsgeschichte (Historische Theologie) und dessen Übersetzung in das Handeln des Einzelnen und der Glaubensgemeinschaft (Praktische Theologie). Die vier genannten Perspektiven (exegetische, systematische, historische und praktische) haben sich als unabdingbar erwiesen. Aber es gibt an unterschiedlichen Fakultäten unterschiedliche Schwerpunktsetzungen.

Können Sie das an Beispielen veranschaulichen?

An Päpstlichen Universitäten wie der von Jesuiten geführten Gregoriana ist fast jeder Traktat der Dogmatik durch eine eigene Professur ausgewiesen. In Deutschland gibt es mittlerweile an vielen Fakultäten nicht einmal mehr zwei, sondern nur noch einen Dogmatiker. Bis zum Konzil galt die Dogmatik an katholisch-theologischen Fakultäten als Königsdisziplin. Dieser Rang wurde ihr infolge des Konzils von der Exegese abgenommen. Dogmatik sollte fürderhin weniger die Verantwortung des Glaubens der Kirche vor der philosophischen Vernunft, als vielmehr Theologie des Neuen Testamentes sein. Dogmatische Streitigkeiten sollten durch gründliche Aufarbeitung ihrer historischen Genese relativiert werden. Und besonders stark wurde der Ruf nach einer Umkehrung des „vorkonziliaren“ Primates der Theorie vor der Praxis. Keiner der vier genannten Fachbereiche hat sich nach dem Konzil so stark differenziert wie die praktische Theologie. Vor dem Konzil gab es allenfalls vereinzelt Lehrstühle für Liturgiewissenschaft, Sozialethik, Religionspädagogik, Pastoralpsychologie, Pastoralsoziologie et cetera.

Inwieweit beeinflussen gesellschaftliche Debatten Lehre und Politik an katholisch-theologischen Fakultäten?

Wenn Theologie sich nicht auf den gelebten Glauben der Bekenntnisgemeinschaft bezieht, deren apostolisches Lehramt wahre von falschen Interpretationen unterscheidet; wenn Theologie ohne diese Bindung interpretiert, dann ist sie die Geisteswissenschaft, die am anfälligsten ist für Moden, Trends und Ideologien. Naturwissenschaften sind an empirisch überprüfbare Realität gebunden; sie sind deshalb gegen die Verwechslung von Interpretation und Wirklichkeit geschützt. Psychologen und Soziologen hingegen beziehen sich auf eine Wirklichkeit, die nicht in ähnlich eindeutiger Weise wie ein Mineral oder Körper „vor-handen“ ist. Sie sind stets in Gefahr, die Wirklichkeit nicht erschließen, sondern verändern zu wollen.

Wie macht sich der Einfluss der Ideologie auf Theologie bemerkbar?

„Nur wo Theologie dem gelebten Glauben dienen will,
ist sie gegen die Krankheit der Ideologie gefeit.“

Ideologie ist die Unterwerfung der Wirklichkeit unter das Diktat von Interessen. Nur wo Theologie dem gelebten Glauben dienen will, ist sie gegen die Krankheit der Ideologie gefeit. Joseph Ratzinger – Ende der sechziger Jahre Ordinarius und Dekan in Tübingen – erzählt: „1967 konnten wir noch glanzvoll das 150-jährige Bestehen der Katholisch-Theologischen Fakultät feiern, aber es war auch das letzte akademische Fest alten Stils. Fast schlagartig änderte sich das weltanschauliche ,Paradigma‘, von dem her die Studenten und ein Teil der Dozenten dachten. Hatten bisher Bultmanns Theologie und Heideggers Philosophie den Rahmen des Denkens bestimmt, so brach das existenzialistische Schema fast über Nacht zusammen und wurde durch das marxistische ersetzt. Ernst Bloch lehrte nun in Tübingen und machte Heidegger als einen kleinen Bourgeois verächtlich […]. Jahre zuvor hätte man erwarten dürfen, die Theologischen Fakultäten würden ein Bollwerk gegen die marxistische Versuchung bedeuten. Nun war das Gegenteil der Fall: Sie wurden zum eigentlichen ideologischen Zentrum.“ (Aus meinem Leben. Erinnerungen 1927–1977, Stuttgart 31998, 139.150).

Wie bewerten Sie die Einrichtung interreligiöser Forschungszentren und Lehrstühle für feministische Theologie in Zeiten, da manche Theologieprofessoren Thomas von Aquin nicht mehr im Original lesen können? Stimmen die Prioritäten?

Jede Fakultät ist aus guten Gründen bestrebt, ein bestimmtes Forschungsprofil zu entwickeln. Auf diese Weise entstehen die sogenannten Orchideen-Lehrstühle. Diese sind oft an eine Person gebunden und aus Drittmitteln finanziert. Sie bestehen für eine begrenzte Zeit und realisieren überschaubare Forschungsprojekte. Die meisten deutschen Fakultäten wollen mit ihren Orchideen-Lehrstühlen gegenwärtigen Trends (interreligiöser Dialog; Ökumene; Frauenfrage et cetera) entsprechen. Kaum beachtet wird die Notwendigkeit, gegenwärtigen Trends entgegenzuwirken.

An welche denken Sie da?

Dabei denke ich zum Beispiel an den in Ihrer Frage angesprochenen Verlust ganzer Traditionsfelder der Christentumsgeschichte durch abnehmende Lateinkenntnisse. Die große mittelalterliche Theologie wird zu einem weißen Feld der theologischen Wissensvermittlung. Kaum noch ein Theologe traut sich an eine Arbeit über Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Nikolaus von Kues oder Francisco Suarez. Was die sogenannte Feministische Theologie betrifft, sollte man unterscheiden. Wenn sich ein Lehrstuhl für Frauenforschung der Frage widmet, welche Frauenbilder das Christentum entwickelt hat, wie das Christentum Gesellschaft geprägt oder sich gesellschaftlich bedingten Vorgaben angepasst hat, kann er beitragen zur kritischen Selbstreflexion. Politisch aufgeladener Feminismus hingegen hat mit wissenschaftlicher Forschung nichts zu tun. Wo Feminismus zum Kriterium einer Ekklesiologie oder Exegese wird, ist die Pervertierung von Theologie in Ideologie vorprogrammiert.

Teil II des Interviews erscheint in der kommenden Ausgabe.

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