Fockenfeld

Letzter Schultag in Fockenfeld

Das Gymnasium für Spätberufene schließt seine Pforten.

Bayerns kleinstes Gymnasium schließt
Sie gehörten zu den letzten Abiturienten: Schüler im Gespräch mit Bruder Markus Adelt (rechts), Seminarleiter, und Albert Bauer (2.v.r.), Schulleiter der Spätberufenenschule Fockenfeld. Foto: dpa

Der letzte Schultag ist für viele ein Datum, mit dem sie gemischte Gefühle verbinden. Denn es geht unwiderruflich etwas zu Ende. Als der Lehrer im kleinsten Gymnasium Bayerns, in Fockenfeld im Landkreis Tirschenreuth, am 19. Mai die Unterrichtsstunde schloss, war dies aber weit endgültiger als an anderen Schulen an diesem letzten Tag vor dem Beginn der Abiturprüfungen. Denn die Spätberufenenschule schloss nach 74 Jahren der Ausbildungstätigkeit für immer ihre Pforten.

Geistlicher Fokus

Sechs junge Männer waren die letzten, die das Angebot nutzten, sich, nachdem sie andernorts einen Haupt- oder Realschulabschluss gemacht hatten, in der schönen Lernumgebung auf die Reifeprüfung vorzubereiten. Der Fokus am Gymnasium Fockenfeld lag klar im geistlichen Bereich. Denn das dortige Abitur sollte die jungen Männer auch fit für das von ihnen angestrebte Theologiestudium machen. Allerdings war weder dies, noch der Weg zum Priesteramt verpflichtend. Gleichwohl gingen etwa 500 Priester aus dem Fockenfelder Gymnasium hervor.

Der Grund für die Schließung liegt nicht nur in der Sanierungsbedürftigkeit des Klosters der Oblaten des heiligen Franz von Sales. Er ist auch in der stetig sinkenden Zahl der Anmeldungen begründet. Die Werbung um neue Schüler hatte nicht mehr den gewünschten Erfolg gebracht. Für die Gebäude, deren neuer Besitzer sich auf nicht geringe Kosten für die notwendigen Maßnahmen einstellen muss, wird nun nach einem neuen Nutzungskonzept gesucht. Die Gemeinden im Umfeld wollen dabei helfen. Aus gutem Grund. Denn die Schule St. Josef in Fockenfeld ist ein geistlicher Ort mit einer ebensolchen Tradition. Neben den Oblaten des heiligen Franz von Sales wirkten seit 1955 die Mallersdorfer Franziskanerinnen an der Schule. Aber auch sie sind ebenso wie die Brüder und die Absolventen des Gymnasiums vom Rückgang der Zahlen der Berufenen betroffen, sodass die Verantwortlichen der Deutschen Ordensprovinz nicht zusagen konnten, weiterhin die personelle Ausstattung des Spätberufenenseminars zu leisten.

Schmerzhafter Verlust

Für die betroffenen jungen Männer ist dies ein durchaus essenzieller Verlust. Denn wenngleich es inzwischen in Bayern auch für junge Menschen mit spiraligen Schulbiografien eine ganze Reihe von Möglichkeiten gibt, das Abitur abzulegen, unterscheidet sich die geistig-geistliche Prägung in der Tradition des heiligen Franz von Sales doch in entscheidenden Punkten von einem rein weltlich ausgerichteten Abitur. Auch das Lernen in einem Umfeld von Gleichgesinnten wirkt als Verstärkung auf dem Berufungsweg, kann man sich doch so schon frühzeitig miteinander austauschen und ein Netzwerk knüpfen, das, wie die Lebenswege jener Absolventen zeigen, die seit Jahrzehnten als Priester und Bischöfe in den Diözesen tätig sind und waren, weit über die Schulzeit hinaus halten und tragen kann.

Trotz der Schließung bleibt die Hoffnung

Das Bistum Regensburg, mit dem der Orden seit 2011 intensive Gespräche führte, um die bestehenden Schwierigkeiten zu bewältigen, hatte ein Maßnahmenbündel geschnürt, um zur Rettung des Standortes in Fockenfeld beizutragen. Finanzielle Unterstützung war eine der Säulen, eine andere bestand in der Idee, indische Sales-Oblaten in Schule und Seminar einzubinden, was sich aber ungeachtet hoffnungsvoller Ansätze letztlich als nicht realisierbar erwies.

Dabei ist ein Satz auf der Homepage der Schule, die den Prozess des Niederganges schildert, der der Schließung vorausging, bemerkenswert, nämlich der, „dass die über 70-jährige typische geistig-geistliche Prägung der Oblaten des heiligen Franz von Sales – sozusagen das Markenzeichen und Alleinstellungsmerkmal von Fockenfeld in Vergleich zu den anderen Spätberufenenschulen – durch ein Bemühen diözesaner Angestellter im Wesentlichen nicht zu ersetzen ist, auch wenn Mitbrüder der Deutschsprachigen Provinz und der Indischen Region für eine gewisse Zeit noch mitwirken.“

Keine monstische Spiritualität mehr vorhanden

Diese Einschätzung ist realistisch. Und sie macht deutlich: In den deutschen Diözesen herrscht mittlerweile ein geistig-geistliches Klima, das keine, auch keine homöopathischen Spuren monastischer Spiritualität mehr aufweist, so dass diese als schlichtweg nicht mehr tradierbar gilt. Genau an diesem Punkt sollten die Verantwortlichen ansetzen. Denn er verweist auf ein Kernproblem, das sich auf vielen Ebenen zeigt. Geistig-geistliche Prägung fehlt nämlich auch an anderen Stellen. Die Folge ist, dass eben jene Inhalte, die eine in diesem Sinne performative Wirkung haben, als nicht mehr vermittelbar gelten und deshalb durch andere, für diesen Zweck ungeeignete oder sogar kontraproduktive ersetzt werden. Ein fataler Prozess, der die Abwärtsspirale des geistlichen Lebens in Deutschland mit weiterem unheiligen Schwung versehen wird.

Entscheidung ist nachvollziehbar

Das Handeln der Verantwortlichen ist nach Lage der Dinge nachvollziehbar und vernünftig. Aber es hat zugleich Folgen, deren „geistliche Kosten“ ebenso unangenehm zu Buche schlagen werden. wie sie der Aufrechterhaltung der Schule in materieller Hinsicht hätten. Gottlob bedeutet die Schließung des Fockenfelder Gymnasiums nicht das Ende der Tätigkeit der Oblaten des heiligen Franz von Sales, die neben ihren schulischen Aufgaben auch in der Seelsorge in den Pfarreien des Umfeldes aktiv waren, wie Pater Provinzial Thomas Vanek und der Seminarleiter und Hausobere Bruder Markus Adelt mitteilten, die in dieser Beendigungs- und Übergangsphase ganz besonders um das Gebet der Gläubigen bitten.

Vielleicht ergeben sich auf diese Weise neue Wege der Unterstützung geistlicher Berufungen, deren Entfaltung ja weniger am regelmäßigen Gebet in diesem Anliegen, als vielmehr am nachlässigen Wegsehen scheitert, wenn sich dessen zarte Pflanzen aus dem intellekt- und aktivitätenüberkrusteten Erdreich kämpfen. In Fockenfeld hat das Wiederbeginnen ebenso Tradition wie das Ende. Schaut man in die Geschichte des Ortes, kann man einige inspirierende Informationen dazu finden.

Bewegte Geschichte

1362 wird das zum Besitz der Herren von Schirnding gehörende Gut Fockenfeld Eigentum des Klosters Waldsassen. 1560 werden die Mönche in der Folge der Reformation ausgewiesen. Aber sie kehren zurück und beginnen 1669 mit dem Wiederaufbau. 1803 bedeutet die Säkularisation erneut das Ende für Kloster Fockenfeld, das vom Staat eingezogen und an den Meistbietenden verkauft wird. Am 16. August 1870 macht ein Brand dann noch die barocke Ausstattung des Klosters zunichte.

Es ist eine einfache Frau, die Mystikerin Therese Neumann aus Konnersreuth, die die Oblaten des heiligen Franz von Sales dazu motiviert, am 31. März 1951 einen Neuanfang zu wagen. Am 15. September 1955 eröffnen sie die Schule für Spätberufene und am 11. Juni 1963 wird das erste Abitur an der Schule abgelegt, die 1966 ihre staatliche Anerkennung erhält. Dabei musste die Schule nicht bei Null anfangen. Denn das Gymnasium basiert auf der Gründung der Spätberufenenschule in Eichstätt, die 1946 entstand. Dass Fockenfeld nach 74 Jahren seine Pforten schließt, ist also ein Einschnitt. Das Ende muss es nicht sein.

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