Heiligenkreuz

Heiligenkreuz ist Apostolat pur

Nach Corona-bedingter Flucht ins Internet fährt die Hochschule im Wienerwald jetzt wieder hoch, nicht ohne Finanz-Sorgen.

Hochschule in Heiligenkreuz ist auf Spenden angewiesen
Die einstige Hauslehranstalt der Zisterzienser mauserte sich zur renommierten Hochschule päpstlichen Rechts. Foto: Baier

Noch ist es recht ruhig in Heiligenkreuz: nur wenige Autos auf dem Parkplatz; der eben wieder zugänglich gemachte Stiftshof fast menschenleer. Fünf Gläubige haben sich mit Nasen-Mund-Schutz hinter den Gittern in der Abteikirche zur mittäglichen Sext der Mönche eingefunden. Nur das Chorgestühl vorn, der seit Jahrhunderten durchbetete Arbeitsplatz der Zisterzienser, ist wie immer prall gefüllt.

Andächtige Stille herrscht auch nebenan in der Hochschule: Immerhin finden – brav mit vielfarbigen Gesichtsmasken und in gehörigem Abstand – die ersten Prüfungen statt. Sonst sind nur vereinzelt Studenten zu sehen, die meisten im schwarz-weißen Habit der Zisterzienser.

Corona als geistige Herausforderung

Pater Wolfgang Buchmüller, der Rektor der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“, strahlt übers ganze Gesicht: Der liebe Gott müsse Heiligenkreuz wohl sehr mögen, so unerwartet und wunderbar wurde die Ausbreitung des Virus hier gestoppt. Ein Wunder, die Erhörung frommer Bittgebete oder doch bloß eine Konsequenz vernünftiger Schutzmaßnahmen?

Etwas von allem, vermutlich: Es gab Corona-Fälle unter den Studierenden, so dass der Rektor am 11. März entschied, den regulären Vorlesungsbetrieb einzustellen. Alle Lehrenden und Studierenden wurden sofort per E-Mail „über diesen schmerzlichen aber notwendigen Schritt“ informiert. Pater Wolfgang, selbst Professor für Spirituelle Theologie und Ordensgeschichte, meinte damals: „Das Ganze ist auch eine geistige Herausforderung für uns alle. Beten wir für alle Betroffenen und für uns selbst, dass diese Zeit der Prüfung zu unserem geistlichen Wachstum beiträgt.“

Den Studierenden so nahe wie möglich

Seitdem laufen alle Vorlesungen und Seminare über E-Learing-Programme weiter, die Professoren stellen ihre Lehrinhalte online zur Verfügung, manche mit eifriger Unterstützung des Sekretariats und des hochschuleigenen „Studio 1133“. Immerhin durfte die Hochschule im Wienerwald dank des glimpflichen Pandemieverlaufs in Österreich ab 1. Mai stufenweise wieder hochfahren: Seit dem Tag, an dem hier „Joseph der Arbeiter“ gefeiert wird, ist die nach Papst Benedikt XVI. benannte Hochschule wieder öffentlich zugänglich. Das Sekretariat, das isoliert immer tätig war, ist wieder geöffnet, die stattliche Bibliothek zumindest zeitweise.

„Wir bleiben den Studenten so nah wie möglich.“

An dem Gittertor, das den vor wenigen Jahren mit Rekordspenden ausgebauten Hochschul-Campus von der Außenwelt trennt, ist ein Schild angebracht: „Betreten der Hochschulgebäude nur mit Mund- und Nasenschutz“. Das Gitter ist offen. Die wenigen anwesenden Studenten und Professoren scheinen sich an die Vorgaben zu halten. „Entschuldigung!“, haucht ein junger Zisterzienser, dem die Maske um den Hals baumelt, als er raschen Schritts das Hauptgebäude betritt. Mit geübtem Griff zieht er das Stofftuch über Mund und Nase.

Kein verlorenes Semester

Vor wenigen Tagen konnten der Rektor und der Generalsekretär der Hochschule, Pater Johannes Paul Chavanne, zufrieden Bilanz ziehen: „Auch wenn das Coronavirus das Sommersemester 2020 ziemlich durcheinander gebracht hat, konnten alle Lehrveranstaltungen über E-Learning-Programme durchgeführt werden. Auch alle geplanten Prüfungen können gemacht werden. Dieses Semester ist ganz anders als alle anderen bisher, aber wir bringen es zu einem erfolgreichen Abschluss.“

Im Interview mit der „Tagespost“ bestätigt Pater Johannes Paul, der neben seiner Tätigkeit als Generalsekretär auch Dozent für Liturgiewissenschaft ist: „Wir konnten alle Lehrveranstaltungen in elektronischer Form durchführen. Jetzt, zum Ende des Semesters, werden alle Prüfungen teils in elektronischer Form, teils – unter den geltenden Bestimmungen – vor Ort durchgeführt. Die Studierenden haben kein Semester verloren. Alle haben die Möglichkeit, das Semester regulär zu beenden.“

Hoffnung auf normalen Lehrbetrieb

Dennoch habe von Anfang an die Devise gegolten: „Wir bleiben den Studenten so nah wie möglich.“ Die Leitung der Hochschule hofft deshalb jetzt, dass mit dem Beginn des Wintersemesters Anfang Oktober „wieder ein ganz normaler Lehrbetrieb an der Hochschule stattfinden kann“, so der Generalsekretär. „Wir werden uns immer an die bestehenden Gesetze halten, aber das Maximale machen.“ Er hofft, dass bald auch Besucher in großer Zahl gefahrlos in die Hochschule, zu Klosterführungen und in den Gasthof kommen können.

Je ein Drittel der rund 300 Studierenden stammt aus Österreich, aus Deutschland und aus dem Rest der Welt. Die vietnamesischen und indischen Zisterzienser, die an der Hochschule studieren, blieben während der Corona-Krise im Wienerwald, ebenso natürlich die heimischen. Andere reisten nach Hause. Und jene jungen Männer, die sich für „Kloster auf Zeit“ angemeldet hatten, konnten Corona-bedingt nicht nach Heiligenkreuz kommen.

Finanzierung durch Spenden

Spannender als die nationale Gliederung der Studentenschar ist eine andere Dimension: „Etwa die Hälfte unserer Studenten ist aktuell auf dem Weg zum Priestertum, ein weiteres Drittel prüft eine Priesterberufung“, so Pater Johannes Paul. Das ist es, was die im Jahr 1802 von vier niederösterreichischen Zisterzienseräbten gegründete Hauslehranstalt, die 1976 zur öffentlich-rechtlichen Hochschule und 2007 zur Hochschule päpstlichen Rechts erhoben wurde, ausmacht: Heute ist die einzige Ordenshochschule der Zisterzienser weltweit zugleich die größte Priesterausbildungsstätte im deutschen Sprachraum.

Dass sie durch die Corona-Krise nun wirtschaftlich in turbulente Gewässer geraten könnte, ist daher keineswegs ein bloß lokales oder regionales Problem. „Die Hochschule finanziert sich fast zur Gänze aus Spenden. Wenn die Spender wegfallen, ist der laufende Betrieb gefährdet“, sagt Pater Johannes Paul im Gespräch mit der „Tagespost“. Und: „Jeder Mensch, der hier arbeitet, wird aus Spenden finanziert. Wenn die Menschen nun weniger Geld haben, werden sie auch weniger spenden.“

Atmosphärisch ist es ein Gesamtkunstwerk

Im Jahrzehnt nach dem historischen Papstbesuch von 2007 boomte die Hochschule: Benedikt XVI. hatte in seiner weithin beachteten Ansprache in der Heiligenkreuzer Abteikirche gesagt: „Fruchtbarkeit zeigt sich in der Förderung und Ausbildung von Menschen, die eine geistliche Berufung in sich tragen.“ Hier wurde die Fruchtbarkeit sichtbar, die Berufungen sprießten, und begeisterte Katholiken öffneten freudig ihr Portemonnaie. Mehr als fünf Millionen Euro wurden allein für den Hochschulausbau eingenommen.

Zuletzt plante die aus allen Nähten platzende Hochschule den Bau eines „Janos-Brenner-Hauses“ als Studentenwohnheim für Priesterberufungen und Priester aus der Mission, in unmittelbarer Nähe zu dem 1133 gegründeten Kloster und dem überdiözesanen Priesterseminar Leopoldinum.

Für 30. April war der Spatenstich geplant. Das Corona-Virus brachte nicht nur den Termin des Baubeginns ins Wanken. „Jetzt sind da natürlich Fragen dazugekommen, die vorher nicht da waren“, meint Pater Johannes Paul diplomatisch.

Sorgen um Finanzierung

Im Klartext heißt das: Die Führung in Hochschule und Kloster macht sich ernstlich Sorgen, ob ausreichend Spenden eingehen, um das auf Priesterberufungen ausgerichtete Wachstumsprojekt zu realisieren. „Die Hochschule muss sich wirtschaftlich selbst erhalten. Kein Cent des Stiftes fließt in die Hochschule, darum betreiben wir ein eigenes Fundraising“, erklärt ihr Generalsekretär. Neben Spenden braucht die Hochschule auch Priesterpatenschaften, etwa für Studenten aus Nigeria, Vietnam, Indien, Weißrussland und der Ukraine.

Atmosphärisch freilich ist Heiligenkreuz ein Gesamtkunstwerk: Das Kloster lebt von der Hochschule – und umgekehrt. Die Attraktivität der „Theologie auf Knien“, die hier gelehrt wird, hat durchaus mit dem Boom des Stifts zu tun, das heute einen zweihundertjährigen Höchststand an Mönchen erlebt. „Wir finden es wichtig, dass Menschen Theologie nicht nur akademisch konsumieren, sondern die ganze spirituelle Atmosphäre erleben“, sagt Pater Johannes Paul Chavanne. „Die Hochschule versteht sich nicht primär als Missionszentrum, aber sie ist Apostolat pur!“

Theologie als Vermittlung des Glaubens

Darum ist ihm die physische Anwesenheit der Studierenden wichtig, eine echte Hochschulgemeinschaft mit Campus-Atmosphäre. Es gehe um eine „gute, intellektuell anspruchsvolle, praxisbezogene und mit dem geistlichen Leben verbundene Theologie“. Angehende Theologen sollen nicht nur online Wissen inhalieren, sondern „Theologie als Vermittlung des Glaubens“ erfahren und weitergeben. So viele junge Menschen fanden und finden dieses Konzept attraktiv, dass die limitierten Wohnmöglichkeiten zum handfesten Problem wurden. Ein Problem, das das geplante „Janos-Brenner-Haus“ – benannt nach einem ungarischen geheimen Zisterzienser, Märtyrer und Opfer der kommunistischen Tyrannei – zumindest lindern sollte.

Nicht nur die Hochschule könnte finanziell in unruhige Gewässer geraten, sondern auch das fast neunhundertjährige Zisterzienserstift. Üblicherweise kommen pro Jahr 185 000 Touristen hierher, um zu beten und zu beichten, aber auch um Führungen mitzumachen, im Klosterladen einzukaufen und im Klostergasthof zu schmausen. Neben zwei Forstbetrieben und einigen Pachterträgen ist der Tourismus die wesentliche Einnahmequelle für das stetig wachsende Kloster, das drei Priorate und 21 Pfarreien seelsorglich betreut.

Mit Maske und Abstand

Doch auch das Kloster blieb von Corona nicht verschont. Der Tourismus fiel plötzlich zur Gänze weg, drei jüngere Mitbrüder wurden positiv getestet, im Gästetrakt entstand eine Isolierstation. Maximilian Heim, der nicht nur ein renommierter Theologe ist, sondern auch ein fürsorglicher Abt, schuf einen eigenen Essens- und Gebetsbereich für die älteren Mönche, einen separaten für das seelsorglich aktive „Außenteam“. Und er hielt jeden Freitag eine eucharistische Anbetung samt Bittprozession und Segen in alle Himmelsrichtungen.

In Summe hat das seine Wirkung nicht verfehlt: Die Ausbreitung von Corona in Kloster und Hochschule wurde gestoppt. Vorlesungen und Führungen sind in Sichtweite, und der Klostergasthof nahm seinen Betrieb wieder auf. Mit Maske und Abstand – und einem vorzüglichen Wildragout!

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