Regensburg

Die Lesekultur stärken

Der vor 200 Jahren gegründete Pustet Verlag zeigt, wie Erfolg mit Büchern möglich ist .

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Ist die Zeit der Klassiker und wissenschaftlich fundierter Literatur vorbei? Der Verlag Friedrich Pustet bleibt der Liebe zu Büchern treu. Foto: Adobe Stock

Das ganze Buch schafft ihr sowieso nicht, lest lieber gleich die Zusammenfassung im Wikipedia-Eintrag.“ Solche und ähnliche Äußerungen sind im Deutschunterricht kein Einzelfall, wenn es um die Lektüre von Klassikern wie Goethe, Schiller oder Lessing geht, die frühere Generationen intellektuell noch unfallfrei bewältigt haben. Kein Wunder, dass bei solch pädagogischen Glanzleistungen die Motivation, sich den bürgerlichen Bildungskanon anzueignen, drastisch im Sinkflug ist. Auf der anderen Seite aber scheint die Sehnsucht nach den geistigen Wurzeln der Literatur und nach wissenschaftlich gesicherten Informationen nach wie vor ungebrochen. Das zeigen Neuerscheinungen wie „Der Lesebegleiter“ von Tobias Blumenberg, der eine Entdeckungsreise durch die Welt der Bücher anbietet und ähnliche Publikationen.

Drei Standbeine zum Erfolg

Wie aber stellt sich diese Situation für einen renommierten Verlag wie Pustet dar, der auf theologische und geschichtswissenschaftliche Publikationen spezialisiert ist? Dass es für heutige Priestergenerationen nicht mehr wie noch vor dreißig Jahren selbstverständlich ist, ihr theologisches Wissen zu vertiefen oder zumindest das im Studium erreichte Niveau zu halten, kann man, wie Verlagsleiter Fritz Pustet im Gespräch mit der „Tagespost“ berichtet, an einem einfachen Zahlenbeispiel ablesen. Wo von einem theologischen Werk früher fraglos eine Auflage von 1 500 bis 2 000 Exemplaren gedruckt wurde, traut man sich heute allenfalls die Hälfte zu produzieren. Aber auf das breite Spektrum relevanter Themen und die Tiefe von deren Behandlung will der Verlag keinesfalls verzichten.

Das Erfolgsgeheimnis von Pustet ist dabei nach wie vor die Verbindung der drei Standbeine, der Buchdruckerei, des Verlages und der Verlagsbuchhandlungen. Diese Kombination geht auf den Firmengründer zurück und bewirkt eine bis heute wirksame ausgezeichnete Vernetzung von Produktion und Verkauf, die gegenseitig bestärkend wirkt. Denn natürlich bieten die Verlagsbuchhandlungen besonders gerne die Produkte ihres eigenen Verlages an. Und da sie auch an traditionellen theologischen Hotspots wie Freising und Regensburg zu finden sind, wirken sie dort als Multiplikatoren, die eine fundierte Verkündigung wirksam stärken können. Dass die Pustet-Druckerei nicht nur die eigenen, sondern auch Bücher anderer Verlage druckt, stärkt wiederum das Bewusstsein der Kunden, die Pustet ihre Bücher anvertrauen für deren eigene Produkte.

Wurzeln im Friaul

Die Wurzeln des Verlages liegen jenseits der Alpen, denn die ersten Angehörigen der Familie kamen aus Oberitalien, genau genommen aus Friaul und ließen sich in Markt Hals, heute ein Stadtteil von Passau, nieder. Bereits der Vater des Firmengründers hatte beruflich mit dem Metier zu tun, er handelte mit „alten und neuen, mit gebundenen und ungebundenen Büchern“, wie die Firmengeschichte berichtet, die Pustet anlässlich des Jubiläums in einer Broschüre zusammengefasst hat. Die einheimischen Passauer Buchhändler sind nicht entzückt über die Konkurrenz, aber die Familie hält sich mit einer Kombination aus Buchhandel, Papierhandel und einer Lotterie-Annahmestelle über Wasser. Ihr Vorteil ist, dass nach der Einführung der Schulpflicht gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Lesefähigkeit der Bevölkerung enorm anstieg und das Geschäft mit Büchern eine Blüte erlebte. Der Schritt vom Buchhändler zum Verleger ist für Friedrich Pustet dennoch ein Wagnis.

Doch Friedrich Pustet geht das Risiko ein und erhält im Juli 1820 die „uneingeschränkte Concession“ zum Buchhandel. Wenig später wechselt er den Standort und zieht von Passau nach Regensburg, wo er 1826 „Mit hoher Bewilligung einer Sortiments- und Verlagsbuchhandlung nebst Druckerey“ eröffnet. Zehn Jahre später kommt in Alling im unteren Labertal eine eigene Papiermühle hinzu. 1841 kann Pustet stolz berichten, „Dahs meine Buchdruckerey in einer solchen Ausdehnung betrieben werde, dahs sie nach der Druckerey des Schulfonds in München, dann der lutterischen in Augsburg die dritte Größte im ganzen Königreich [Bayern] ist“.

Missale Romanum als Leuchtturm

Fragt man Verlagsleiter Fritz Pustet heute, welche Publikationen er als Leuchttürme in der Geschichte seines bis heute familiengeführten Verlages benennt, steht das Missale Romanum natürlich an erster Stelle.

Und bis heute sind Messbücher, Lektionare und Stundenbücher ein fester Bestandteil des Verlagsprogrammes. An zweiter Stelle nennt Pustet für die zweite Pustet-Generation um 1874 die katholische erbauliche Familienzeitschrift „Der deutsche Hausschatz“, der eine Auflage von bis zu 40 000 Exemplaren erreichte und die Familien mit orientierendem Glaubenswissen, ethischer Orientierung und gehobener Unterhaltung versorgte. Aus der Gegenwart leuchtet aus der zweiten Verlagssäule, der Sparte Geschichte, die umfangreiche fünfbändige Edition „Der Dom zu Regensburg“ hervor. In dieser Buchreihe verbindet sich profunde historische Forschung mit der Vermittlung von Kenntnissen über die Glaubensgeschichte. Das derzeitige theologische Buchprogramm des Verlages umfasst rund 500 Titel. Der Schwerpunkt liegt auf Publikationen zur pastoralen Praxis, aber auch das umfangreiche Sach- und Fachbuchprogramm, das sich thematisch quer durch alle Bereiche der Theologie erstreckt, wird nicht vernachlässigt. Dies garantieren die renommierten wissenschaftlichen Reihen.

Stärkung für die Verkündigung

Wichtige Stärkung für die Verkündigung bieten auch die beiden Zeitschriften Liturgie konkret und die Theologisch-praktische Quartalsschrift. Schaut man sich die Titel an, bilden sie das breite Spektrum und zugleich die Spaltung innerhalb der theologischen Landschaft in Deutschland ab, die auch Verleger Fritz Pustet beobachtet. Der Verlag trägt dem durch die für das Jahr 2020 gewählten Schwerpunktthemen „Kirche heute gestalten“, „Der synodale Weg“ und „Kirchenrecht“ Rechnung. Im Bereich Geschichte, der inzwischen im Verlagsprogramm gleichbedeutend neben der Sparte Religion und Theologie steht, bedient Pustet das nie gesunkene Interesse an Biografien, Stadt- Länder- und Kulturgeschichte. Dass Leserinnen und Leser, die intellektuelle Herausforderungen und Hintergrundwissen, das die Deutung der gegenwärtigen Ereignisse erleichtert, suchen, dieses inzwischen eher im Bereich der Geschichtswissenschaften finden, sagt Vieles und wenig Gutes über den gegenwärtigen Stand der Theologie hierzulande.

Eines aber ist festzuhalten. Pustet reagiert nicht mit einem durch vorauseilenden Gehorsam geprägten Anpassungsverhalten auf das angenommene Desinteresse von Lesern an fundierten Inhalten oder weicht gar auf das sogenannte nonbook-Segment aus, in dem Inhalte durch Nippes ersetzt werden. Der Verlag bietet vielmehr auf mehreren Ebenen fundierte Informationen in ansprechender Präsentation. Und das ist auch gut so. Denn die Lust am Lesen fördert man bekanntlich dadurch, dass man die Begeisterung für Bücher und deren Geist, Herz und Seele bildende Lektüre ausstrahlt. Gut möglich, dass die derzeitige Krise zumindest in diesem Bereich etwas Gutes hervorbringt. Denn wer weniger äußere Ablenkung hat, wird eher verlockt, geistige und geistliche Innenwelten zu entdecken.

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