Wien

Der religiöse Wink in der Literatur

Die Wiener Poetikdozentur sucht Spuren des Transzendenten in literarischen Werken.

Hanns-Josef Ortheil
Im Rahmen der Wiener Poetikdozentur „Literatur und Religion“ stellen namhafte Autoren ihr Werk im Blick auf den Glauben dar. Im vergangenen Jahr gehörte der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil zu den Vortragenden. Foto: Universität Wien

Nach einem Semester im „Ritardando-Modus“ startet die Poetikdozentur „Literatur und Religion“ an der Wiener Hauptuniversität am 9. November in das neue Studienjahr. Auf Einladung des Dogmatikprofessors Jan-Heiner Tück gewähren Schriftsteller Einblick in ihr Schaffen. Die eigenen Vorstellungen von Werk und Schreiben werden mit großen Fragen vom Mensch Sein verknüpft. Zu den namhaften Vortragenden zählten bereits Sibylle Lewitscharoff, Michael Köhlmeier, Ilja Trojanow, Nora Gomringer und Thomas Hürlimann. Die Thomas Mann-Preisträgerin Nora Bossong, der Schriftsteller und Essayist Karl-Heinz Ott und Josef Winkler setzen die Vorlesungsreihe in diesem Wintersemester fort.

Zusatz „und Religion“ ist Alleinstellungsmerkmal

Die Poetikdozentur in Wien hat sich 2016 zur wachsenden Zahl an Institutionen im deutschsprachigen Raum gesellt, an denen namhafte Schriftsteller auf experimentell-essayistische und ästhetisch anspruchsvolle Weise ihr literarisches Schaffen öffentlich reflektieren. Im deutschsprachigen Raum bildete Ingeborg Bachmanns Frankfurter Vorlesung 1959 den Auftakt für diese öffentliche Art der Auseinandersetzung durch den Schriftsteller persönlich. Heute sind Poetikdozenturen eine fest etablierte und verbreitete Form der Vermittlung und Reflexion von Literatur.

Mit dem Brückenschlag zur Religion wird in Wien ein Akzent gesetzt, der diese Dozentur von anderen Einrichtungen im deutschsprachigen Raum unterscheidet. Die Fragen nach einer transzendenten Dimension und ihren Spuren im literarischen Werk bilden hier den – wenn nicht verbindlichen – so doch verbindenden Horizont, mit dem sich die autonomieästhetische Literarturreflexion der Gegenwart sonst selten konfrontiert sieht.

Das „und Religion“ im Namen der Wiener Poetikdozentur steht für das Bestreben, eine Plattform des Dialogs für Literatur und Religion zu bieten. Autoren, die eine Antenne für Metaphysisches haben, werden gerne eingeladen. Der bewusst offen gewählte Titel der Dozentur setzt keinen offiziell bekundeten oder praktizierten Glauben bei den Vortragenden voraus, sondern fungiert als Gesprächsangebot. Die Poetikdozentur bietet ihnen die Gelegenheit, ihre Literatur im Blick auf Religion zu erschließen und sich dabei bewusst jenen Aspekten im eigenen Werk zu widmen, die von der Literarturwissenschaft meist – mitunter auch aus antireligiösen Affekten – beiseite gelassen werden.

Die Theologie profitiert von der Literatur

In umgekehrter Richtung profitieren Theologie und Pastoral von der Literatur. Literatur, in denen nach Antworten gesucht und in bestimmten Fragen mit Sprachlosigkeit gerungen wird, kann die Theologie wieder an Themen aus dem eigenen Zuständigkeitsbereich erinnern und – in den Worten Tücks – als Fremdprophetie wirken. Die Zeichen der Zeit treten in ihr zutage und erlauben so der Theologie, blinde Flecken wieder in den Fokus zu nehmen. Einer dieser Fingerzeige vonseiten mancher Autoren wäre etwa die Kritik an einer Friede-Freude-Eierkuchen-Pastoral, welche die urmenschlichen Problemfelder von Tod, Leid und Kreuz nicht thematisieren würde. Besonders deutlich etwa im Vortrag von Sibylle Lewitscharoff, die in ihrem Roman „Pfingstwunder“ Anleihen an Dantes Inferno nimmt, oder die Vorlesungs-Tetralogie von Thomas Hürliman zum Kreuz in der modernen Literatur. Im Werk von Christian Lehnert und Thomas Hürliman nimmt das Leiden und Sterben Christi sehr konkrete Züge an, die bis ins kleinste Detail – etwa dazu imaginiertes Fliegengeschmeiß oder die Gerüche des Sterbenden – gehen. Viele Autoren der Gegenwart sind in den großen Fragen zur Metaphysik zurückhaltend und tasten sich im Modus des Suchenden und Indirekten heran. Überall dort, wo entscheidende Fragen des Menschseins durch Sprache ins Spiel kommen, so Tück, wird auch untergründig die Gottesthematik virulent. Manche Fingerzeige sind weniger offensichtlich und treten in der Sprache als Umkreisen des Göttlichen auf.

„Die Kunst umspielt das Geheimnis“

So sind in der Reihe der Vortragenden Autoren anzutreffen, denen der Ausbruch aus der Immanenz erst spät zu einem bewusst gewählten Gegenstand ihres Schaffens wurde. Die Grundsehnsucht des Menschen nach einem transzendenten Gegenüber bringt zum Beispiel Uwe Kolbe zum Ausdruck, dessen Vortrag im April 2019 den Titel „das vermisste Antlitz“ trug. Religiös konnotierte Begriffe, wie etwa „Gnade“ oder „Demut“, kommen in dieser Literatur nicht vor und unter den Figuren gegenwärtiger Romane wird man vergeblich nach einem Christus-Protagonisten suchen. Die Poetikdozentur will auch keine Vortragsreihe literarisierter Katechesen sein, sondern Schnittpunkte der Verständigung zwischen Literatur und Religion offenlegen und vertiefen.

Die Literatur kann auch nicht, so Tück, zu einer „ancilla theologiae“ – zur Magd der Theologie – werden. Vielmehr muss man sich auf die Äußerungen des II. Vatikanums zur Rolle der Kunst und der Literatur berufen. Literatur, die sich mit dem „Woher komme ich, wohin gehe ich“ sowie mit Theodizee-Fragestellungen beschäftigt, kann die Kirche dabei unterstützen, auf gegenwärtige, existenzielle Fragen der Menschen zu hören und neu darauf zu reagieren. Im Gegenzug kann sie nicht als Sprachkorrektur für Theologen verstanden werden. Der Theologie soll die reflektierte Begriffssprache und der Literatur das experimentelle Ausloten vorbehalten bleiben. Der Begründer der Poetikdozentur erhofft sich für den einen Teil der Zuhörerschaft, „dass sie in ihrem Glauben durch das Purgatorium von Fragen hindurch gehen und so ihren Glauben nochmals vertiefen können“ und für den anderen Teil, dass diese „an ihren Zweifeln zu zweifeln beginnen, wenn sie plötzlich Aufbrüche von Literatur ins Transzendente mitvollziehen, die sie nachdenklich machen“. So wäre das Ziel einer Poetikdozentur „Literatur und Religion“ erreicht, die „Begegnungs- und produktiver Verständigungsraum“ sein soll, und der „verhindert, dass sich quasi Fraktionen, Blasen, nicht mehr kommunizierende Röhren ausbilden“.

Die Mitverantwortung am Weltgeschehen

Im November ist mit Nora Bossong eine Autorin zu Gast, die von Literaturkritikern für das gekonnte Verknüpfen von gesellschaftspolitischen Ereignissen und inneren Vorgängen Figuren gelobt wird. Persönliche Entscheidungen und Fragen zur Mitverantwortung am Weltgeschehen spielen in ihren Romanen UN-Angestellte oder europäische Politiker, denen eine akribische Recherche vorausging, eine zentrale Rolle. Im Titel ihres Vortrags – „Vom Trost der Wolken“ – klingen Assoziationen an die Heimatsuche des metaphysisch obdachlosen Subjekts an. Den Interessierten, die dem Abend nicht beiwohnen können, stehen Videoaufzeichnungen und MP3 sowohl auf der Website und im Youtube-Kanal der Wiener Hauptuniversität zur Verfügung.

Zur Vertiefung erscheinen regelmäßig die Vorlesungen in gesammelter Form oder zusätzliche Gespräche mit den Autoren im Herder Verlag. Als Plattform des Austausches zwischen zwei oft getrennt gedachten Bereichen des kulturellen Lebens leistet die Wiener Poetikdozentur „Literatur und Religion“ einen einzigartigen und für die gegenseitige Verständigung beachtlichen Beitrag.

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