Jerusalem

Der Friede liegt in weiter Ferne

In den Lehrbüchern für palästinensische Kinder wird noch immer Hass gegen Israel verbreitet und Geschichtsfälschung betrieben. Langsam reagiert nun auch Europa darauf .

Feindbild Israel
Israelis kommen in den palästinensischen Büchern als Feindbild vor, als politische Realität existieren sie und ihr Staat in den Unterrichtsmaterialien nicht. In einer Schule in Gaza werden Unterrichtstexte verteilt. Foto: imago images

Nicht Geschichte, sondern Mathematik scheint den palästinensischen Schulbehörden besonders geeignet zu sein, um den Hass der zehnjährigen Kinder in Gaza und im Westjordanland anzustacheln. Viertklässlern wird durch das Zählen von Selbstmordattentätern das Addieren und Subtrahieren beigebracht. Etwas ältere Kinder lernen die Flugbahn eines Steines zu berechnen, der auf israelische Soldaten geschleudert wird und die Wahrscheinlichkeitsrechnung im Mathe-Buch ist mit dem Text unterlegt: „Berechne, wie hoch die Chance ist, einen Juden, der in einem Auto an dir vorbeifährt, mit einem Gewehrschuss zu treffen.“

Ideologisches Unterrichtsmaterial

Die Beispiele stammen allesamt aus einer Untersuchung von 118 palästinensischen Lehrbüchern durch „IMPACT-SE“, einer israelischen NGO, die seit mehr als 20 Jahren Unterrichtsmaterialien aus der ganzen Welt analysiert. Israelis kommen in den palästinensischen Büchern als Feindbild vor, als politische Realität existieren sie und ihr Staat in den Unterrichtsmaterialien hingegen nicht. So sind in der Mehrheit der palästinensischen Landkarten israelische Städte genauso wenig verzeichnet wie der Judenstaat in seiner Gesamtheit. Tel Aviv gibt es also ebenso wenig wie Beersheba oder Ashdod. Um die historisch-religiösen Ansprüche der Juden auf das biblische Land zu negieren, wird in den Büchern behauptet, die Westmauer (Klagemauer), das Rachelsgrab in Bethlehem oder die Patriarchengräber in Hebron seien allesamt heilige Stätten der Muslime. Die „Zionisten“ würden diese nur rechtswidrig für sich beanspruchen.

Geschichtsfälschung als Kampfmittel

Besonders krass kommt die Geschichtsfälschung bei Jerusalem zum Ausdruck. Arnon Groiss von IMPACT-SE erklärt, dass die jüdische Vergangenheit der Heiligen Stadt vollkommen negiert wird, wenn zu lesen ist: „Jerusalem ist eine arabische Stadt, erbaut von unseren arabischen Vorvätern vor Tausenden von Jahren. Jerusalem ist eine Heilige Stadt für Muslime und für Christen.“ So wie man Jerusalem „judenrein“ gemacht hat, hat man dies auch mit den Schriften des Alten Testaments gemacht, die auszugsweise in den Religionsbüchern für Christen abgedruckt sind. Aus ihnen hat man die biblischen Israeliten einfach eliminiert. Geschichtsfälschung gehört im Nahen Osten zum Rüstzeug. Dabei scheut man vor Widersinnigkeiten nicht zurück, etwa jener, die mehrfach von PLO-Regierungsmitgliedern geäußert wurde: „Jesus war ein Palästinenser!“

Erziehung zum Dschihad

Manchmal scheint es grotesk, welchen Aufwand die Schulbehörden der PLO betreiben, um alles Jüdische zu leugnen. So ist in einem Buch der ersten Stufe Grundschule eine Briefmarke aus der britischen Mandatszeit (1917 bis 1948) abgebildet. Diese trug ursprünglich die englische Bezeichnung „Palestine“, die arabische „Falestin“ sowie die hebräische „Eretz Israel“. Den hebräischen Schriftzug hat man in dem Buch einfach wegretuschiert. David Labude vom „Mideast Freedom Forum“ in Berlin, das zahlreiche palästinensische Schulbücher analysiert hat, kommt zum Ergebnis: „Die arabischen Kinder erhalten weder Informationen über die jüdische Kultur oder Religion, noch über die israelische Gesellschaft.“

Den Pädagogen, die die Bücher verfasst haben, und der PLO-Führung in Ramallah scheint die Geschichtsfälschung aber nicht auszureichen. Sie fordern Konsequenzen aus der Ablehnung der Juden und der Israelis. Zwar wird betont, dass sich Jugendliche unter 15 Jahren nicht am „Märtyrertum“ und am Dschihad beteiligen sollen, aber danach sei dies offenbar erstrebenswert. So müssen Fünftklässler die Geschichte eines „Märtyrers“ aus ihrem Heimatdorf erzählen und zudem die „Belohnungen“ beschreiben, die den Dschihad-Kämpfer „auf Allahs Weg erwarten“. An anderer Stelle heißt es, dass „der Dschihad das Wichtigste im Leben“ sei und dass der Tod besser sei als das Leben.

Palästinenser werden häufig in Klischees dargestellt

Es hat Jahre gedauert, bis die Europäer auf diese Hasstiraden reagiert haben. Vorreiter war Norwegen, das im Vorjahr seine Zahlungen von rund 22 Millionen Euro an das palästinensische Bildungsministerium eingestellt hat. Das Europäische Parlament hat im Mai gleich drei Resolutionen verabschiedet, in denen es seine „Besorgnis über problematisches Material in palästinensischen Schulbüchern“ zum Ausdruck gebracht hat. Zudem verlangte die EU, dass künftig Lehrpläne verwendet werden, die den UNESCO-Kriterien für Frieden, Toleranz, Koexistenz und Gewaltlosigkeit entsprechen. Die Autonomiebehörde versprach unter diesem Druck aus Brüssel – immerhin überweist die EU jährlich hunderte Millionen Euro nach Ramallah – eine Überarbeitung der Inhalte. Aber schon werden Stimmen laut, dass die Europäer die „nationale Identität“ der Palästinenser auslöschen und ihren „Kampf“ gegen Israel verzerren wollen.

Die Ablehnung Israels endet in Palästina trotz aller Friedensbeteuerungen nicht an den Schultoren, sondern reicht bis in akademische Kreise. Dies musste Mohammed Dajani Daoudi erfahren, der an der arabischen Al Quds-Universität in Ost-Jerusalem Amerikanistik lehrte. Vor sechs Jahren organisierte er für 27 seiner Studenten eine Fahrt nach Auschwitz. Die Idee war, dass man nur mit einem Gegner einen echten und umfassenden Frieden schließen kann, dessen Ängste und Hoffnungen man nachvollziehen kann. So besuchten die Palästinenser das einstige Todeslager, während die Studenten einer israelischen Universität in die Flüchtlingslager von Bethlehem fuhren.

Zurück von der Exkursion musste Dajani erfahren, dass ihn seine Kollegen von der Fakultät per Mehrheitsbeschluss ausgeschlossen hatten. Zum Freiwild erklärt, wurde der Universitätsprofessor nicht nur als „Verräter“ und „Kollaborateur“ beschimpft, sondern mit dem Tod bedroht. Der Gefahr bewusst, zog sich Dajani aus dem öffentlichen Leben zurück. Als dann auch noch sein Auto in Brand gesetzt wurde, beschloss er, in die USA zu gehen. Angezündete Autos sind im Nahen Osten eine deutliche Warnung: „Das nächste Mal brennt nicht nur dein Auto…“.

Auch auf der anderen Seite gibt es Zerrbilder

Wie aber steht es um die Darstellung der Palästinenser in den Büchern für israelische Schüler? Derart plumpe oder aggressive Inhalte gibt es nicht, aber Nurit Peled, Professorin an der Hebräischen Universität in Jerusalem, deckt in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Palästina in israelischen Schulbüchern“ sehr wohl Zerrbilder und Klischees auf. So werden Araber häufig in Pluderhosen, mit der arabischen Kopfbedeckung Keffiyeh und rabenschwarzen Augen dargestellt. Peled: „Wenn man die Palästinenser als Ingenieure, Wissenschaftler oder Künstler zeigen würde, dann würden sich die israelischen Schüler ja die Frage stellen: Was soll an diesen Menschen so falsch sein? Die sind ja wie wir!“ Zudem würden Palästinenser nie als Individuen, sondern immer als Masse dargestellt, stellt Peled, Trägerin des Sacharow-Preises des Europaparlaments, fest. Auch die Frage, wem das Land gehört, wird in den Büchern wenig korrekt dargestellt. In 76 Prozent aller Landkarten ist die Grüne Linie, die Grenze zum Westjordanland, nicht eingezeichnet, was beim Betrachter suggeriert, dass das ganze Land dem jüdischen Staat untersteht. Aber die Grenzen sind in Wirklichkeit durch die „Trennmauer“ aus Draht und Beton sehr real. Zudem bekennt sich das offizielle Israel noch immer zur Zwei-Staaten-Lösung.

Palästinenser haben noch Hoffnung auf Rückkehr

Zu den strittigsten Themen im politischen Diskurs des Nahen Ostens gehört die Beurteilung der Staatsgründung Israels im Mai 1948, die zur ersten palästinensischen Flüchtlingswelle geführt hat. Israel spricht von seiner „Unabhängigkeit“, die Araber von der „Naqba“ – der „Katastrophe“. Das israelische Narrativ, das sich auch in Schulbüchern findet, erklärt, dass hunderttausende Palästinenser von der arabischen Propaganda mit dem Versprechen aus ihrem Land gelockt wurden, sie würden als Sieger in ihre Häuser zurückkehren, sobald man die Juden ins Meer geworfen habe. Diese Sichtweise, die von jüngeren israelischen Historikern als Verkürzung der Wahrheit kritisiert wird, weist in Schulbüchern den Palästinensern die alleinige Verantwortung an ihrem Flüchtlingsleid zu. Verschwiegen wird, dass auch die Juden massiven Terror gegen die Araber ausgeübt haben. So richteten in Deir Yassin, einem kleinen Dorf nahe Jerusalem, am 9. April 1948 jüdische Untergrundkämpfer ein Massaker an, bei dem über 100 Zivilisten – überwiegend Kinder und Frauen – starben und das zu einer massiven Fluchtwelle in Richtung Jordanien führte.

Die Palästinenser sind nicht siegreich zurückgekehrt. Bis heute halten die nach Gaza, Jordanien und Syrien Geflüchteten oder Vertriebenen die Schlüssel ihrer Häuser in der Hand. Sie sind ein Zeichen der Hoffnung auf Heimkehr. Die Frage ist nur wohin, denn ihre alten Häuser stehen längst nicht mehr oder werden seit Jahrzehnten von Israelis bewohnt. So wie viele jüdische Wohnungen hierzulande an NS-Parteimitglieder vergeben wurden, in denen mittlerweile die Kinder- und Enkel-Generation wohnt. Wie weit kann man die Geschichte zurückdrehen, um Rechtsansprüche geltend zu machen? Die Schulbücher legen nahe: Trotz aller verbalen Beteuerungen beider Konfliktparteien, Frieden schaffen zu wollen, ist dieser doch noch weit entfernt.

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