Rom

"Klerikalismus und Machtmissbrauch"

Die Kritik am Führungsstil des Instituts Johannes Paul II. wächst: Nun werden Rücktrittsforderungen laut.

Papst
Junge Gläubige wollen die Texte von Johannes Paul II. entdecken. Bisher bot das Institut für Ehe- und Familienwissenschaften ihnen einen Zugang. Foto: KNA

Die Sorge um die Zukunft des Instituts Johannes Paul II. für Ehe- und Familienwissenschaften in Rom wächst. Es hatte durch die umstrittene Entlassung mehrerer Theologen und die Änderung seiner Statuten internationale Kritik erregt. Inzwischen fordert der emeritierte Soziologe  Norbert Martin , der 35 Jahre dem Päpstlichen Rat für Ehe und Familie angehörte, in einem Offenen Brief, dass Papst Franziskus selbst eingreift. Man gewinne den Eindruck, so Martin, dass „ein bewusst andere Ziele anvisierender Lenker großen Schaden anrichtet – woraus sich vernünftigerweise nur eine klare Konsequenz ergibt: Man muss ihn entlassen und durch einen vertrauenswürdigen Steuermann ersetzen.“ Das Schreiben ist an Erzbischof Vincenzo Paglia, den Großkanzler des Instituts, an Monsignore Pierangelo Sequeri, seinen Präsidenten, sowie an Kardinal Giuseppe Versaldi, den Präfekten der Bildungskongregation und an Erzbischof Vincenzo Zani, den Sekretär der Bildungskongregation, gerichtet.

Inwiefern ist das Institut zeitgemäßer geworden?

Mitunterzeichner des vom 28. August datierten Briefs sind Martins Ehefrau Renate, die ebenfalls von 1981–2016 dem Päpstlichen Rat für die Familie angehörte, der emeritierte Sozialwissenschaftler Manfred Spieker, Katrin Keller (Universität Koblenz), der emeritierte Sozialethiker Helmut Müller, sowie der französische Philosoph Jean-Marie Meyer.

Martin, der 1981 von Johannes Paul II. als erster Soziologe an das Institut berufen worden war, unterstreicht in seinem Schreiben die Effizienz des Instituts. Es habe unter der Führung seiner Präsidenten Carlo Caffarra, Angelo Scola und Livio Melina „eine enorme Wirkung und Ausbreitung in vielen Ländern der Erde“ erlebt: „Ich kann aus eigenem Erleben bekunden, wie hier in freundschaftlicher Zusammenarbeit ein interdiziplinäres und internationales Institut aufgebaut wurde, in dem in bisher unbekannter Weise verschiedene Disziplinen und deren Professoren und Dozenten (Theologie, Soziologie, Anthropologie, Pädagogik, Spiritualität, Psychologie, NER, Politologie) integrativ in Hinsicht auf das Ehe- und Familienthema zusammen lehrten und forschten.“

Durch das eigenwillige Vorgehen des von Papst Franziskus neu eingesetzten Großkanzlers Erzbischof Paglia und des neuen Präsidenten, Monsignore Sequeri, sei diese Entfaltung abrupt abgebrochen worden. Kritisch wendet sich Martin gegen die „in einer beispiellosen ,Nacht- und Nebelaktion‘“ durchgesetzten Entscheidungen. Die Ersetzung der alten durch neue Statute, die Entlassung aller Professoren und die neuen Studienbedingungen stellten viele vor die Frage: „Kann es sein, dass die von seinem Gründer vorgegebene Linie der Orientierung an der bisherigen Lehre der Kirche (zum Beispiel die Enzykliken und Apostolischen Lehrschreiben „Humanae vitae“, „Fides et ratio“, „Veritatis splendor“, „Evangelium vitae“) den leitenden Personen teilweise obsolet erscheint und man mit allen erdenklichen Mitteln eine „liberalere“ Wende herbeiführen will, was nur gelingen würde, wenn damit die Abschaffung der ursprünglichen Vision Papst Johannes Pauls II. einherginge?“

Klärungsbedarf sieht Martin in Bezug auf die Neugründung des Instituts. Das Argument, diese sei notwendig geworden, weil „bestimmte Aspekte nicht mehr zeitgemäß“ seien, stellt er in Frage: Wörtlich heißt es im Brief: „Welche Aspekte sind das und welche sind jetzt ,zeitgemäßer‘? Die Fragen beziehen sich ganz offensichtlich in erster Linie auf das Fachgebiet der Moral. Es ist bekannt, dass hier in der Kirche seit langem ein erbitterter Kampf zwischen verschiedenen Richtungen tobt. Wurden Professor Livio Melina und allen anderen Entlassenen vielleicht ihre Treue zu ,Humanae vitae‘ und ,Veritatis splendor‘, ihre Orientierung an der Lehrtradition der Päpste von Paul VI. über Johannes Paul II. bis zu Benedikt XVI. zum Verhängnis? Missfällt den aktuellen Hochschul-Autoritäten diese theologische Ausrichtung? “

Es sei offensichtlich, dass im Fall des Instituts in eklatanter Weise gegen Recht und Gesetz der in der europäischen Universitätstradition geltenden Verfahrensregeln verstoßen worden sei.

Was untrennbar zum Erbe Johannes Pauls II. gehört

Angesichts der Summe der Neuerungen könne man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es „hinter den Nebelkerzen und durchsichtigen Intrigen tatsächlich ein verborgenes Ziel gibt: die Zerstörung des Erbes von Papst Johannes Paul II., das Beiseiteschieben der grundlegenden Dokumente seines Pontifikates“, so der Soziologe, der seit vielen Jahren in der Internationalen Schönstattbewegung aktiv ist. Pars pro toto nennt er „Familiaris consortio“, „Fides et ratio“, „Veritatis splendor“, „Evangelium vitae“ und andere Lehrschreiben sowie der Mittwochskatechesen zur „Theologie des Leibes“, deren Lehre und Verbreitung „eben beginnen, europaweit eine segensreiche Wirkung zu entfalten“.

Das Vorgehen der Akteure zeige ein Doppeltes: fehlende Dialogbereitschaft, die von ihrem Vorgesetzten Papst Franziskus immer wieder für alle Ebenen des Vatikans angemahnt wird, und ausgeprägten Klerikalismus als Machtmissbrauch, den der Papst oftmals beklagt habe. Martins Fazit: „Hier offenbart sich nicht selbstloser Dienst an der Sache, sondern kalte Herrschaft.“

Auch die australische Theologin Tracey Rowland, Mitglied der Internationalen Theologenkommission, teilt die Skepsis gegenüber dem neuen Kurs der Institutsleitung. Die Entlassungen seien in mehrfacher Hinsicht problematisch, äußerte Rowland, die an der katholischen Notre-Dame University in Sydney den Johannes-Paul-II.-Lehrstuhl innehat und am Institut Johannes Paul II. in Rom promovierte. Gegenüber dieser Zeitung spricht sie von einer „Rakete auf das geistige Vermächtnis des heiligen Johannes Paul II.“, die abgefeuert werde. Das sei nicht nur deshalb problematisch, weil manches an dieser Lehre lehramtlich verbindlich sei, sondern weil Johannes Paul II. ein Intellektueller von Weltrang gewesen sei. Der Papst habe zwölf Sprachen beherrscht, Gedichte und Theaterstücke geschrieben und sei eine führende Autorität im Bereich der Phänomenologie gewesen. „Auch wenn er niemals Bischof gewesen wäre, geschweige denn Papst, würden die Menschen seine Publikationen kennen“, so Rowland. „Warum sollte jemand dieses Vermächtnis entsorgen wollen, und wer sollte sich als denjenigen betrachten, der – um dies zu tun – über ein entsprechendes intellektuelles Ansehen verfügte?“

Darüber hinaus befürchtet sie einen Schritt zurück in der Diskursfähigkeit der Kirche mit der Jugend. Viele junge Menschen hätten die Katechese über die menschliche Liebe als Alternative zur Banalität und Trivialisierung der menschlichen Sexualität bereitwillig angenommen. Wörtlich erklärte die Theologin: „Sie haben genug davon, bei den Gesellschaftsexperimenten der Achtundsechziger-Generation als Versuchskaninchen zu dienen.

Viele junge Katholiken sind verärgert

Diese Experimente sind nunmehr seit einem halben Jahrhundert in Gang, und sie haben der Gesamtsumme des menschlichen Glücks nicht viel hinzugefügt. So dass die Entlassung zweier Gelehrter, die bei der Darlegung der Anthropologie des heiligen Johannes Paul II. weltweit die besten sind, viele junge Katholiken verärgert. Sie sind schon über die Qualität der Entscheidungen von Typen der Generation '68 ausgesprochen wütend und betrachten die aktuellen Entlassungen als ein weiteres Eigentor im kirchlichen Leben.“ Negative Auswirkungen sieht Rowland auch für das öffentliche Ansehen der Kirche. Weltliche Regierungen hegten gegen katholische Einrichtungen oft den Verdacht, dass sie die akademische Freiheit nicht respektierten. Deshalb seien die Vorfälle am Institut für Führungskräfte von Belang. Letztere seien es, die den staatlichen Stellen beweisen müssten, dass die akademische Freiheit in kirchlichen Institutionen tatsächlich existiere.

Gutgläubige Studenten nicht täuschen

Zudem werfe das Vorgehen Fragen in Bezug auf die intellektuelle Redlichkeit und faire Behandlung im Umgang mit dem Namen von Johannes Paul II. auf. „Das ,Produkt‘, das nunmehr verkauft werden soll, hat das Beste des Gedankenreichtums von Johannes Paul II. beseitigt. Arglose Studenten könnten sich nämlich an der neuen Institution in dem guten Glauben einschreiben, dass sie hier über die Vorstellung des heiligen Johannes Paul II. zum Aufbau einer Zivilisation der Liebe unterrichtet werden. Ehrlicher- und fairerweise sollte die neue Institution umbenannt werden.“ Als neuen Namen kann sich Rowland „St. Gallen-Institut“ zu Ehren des verstorbenen belgischen Kardinals Danneels vorstellen. „Das wäre eine zutreffendere Bezeichnung, und niemand würde darüber getäuscht werden, was hier im Angebot ist.“