Wien

Zu den Wurzeln der Kultur

Der enorme Wissensschatz in Klosterbibliotheken lässt viele Fragen bis heute ungelöst. Ein Projekt des Stiftes Klosterneuburg erhofft sich, mit künstlicher Intelligenz neue Einblicke in das Mittelalter zu bekommen.

Kloster Neuburg, Wien
In komplizierten Vorrichtungen werden handschriftliche Unikate in Stift Klosterneuburg für die weitere Forschung digitalisiert. Foto: Stift Klosterneuburg

Es ist eine geballte und jahrhundertealte Sammlung an Wissen und Kultur, die in den Bibliotheken hinter Klostermauern still vor sich hin altert. Das Stift Klosterneuburg, das nur einen Katzensprung von Wien entfernt ist, beherbergt eine Sammlung von rund 270 000 Bänden. Das Herzstück sind die über 1 200 Handschriften, die im Mittelalter in der Schreibstube vor Ort entstanden und bis zum heutigen Tage ohne Umsiedlung im Kloster gelagert sind. Damit zählt die Bibliothek der Augustiner-Chorherren zu den größten mittelalterlichen Bibliotheken Europas und ist die größte Privatsammlung Österreichs.

Die handschriftlichen Unikate sind in letzter Zeit vermehrt in die wissenschaftliche und mediale Aufmerksamkeit gerückt: Am Festtag des Heiligen Leopold, der auch der Stifter des Klosters ist, präsentierte die Niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) das Projekt „Skriptorien-Forschung in Niederösterreich des 12. Jahrhunderts“.

Künstliche Intelligenz hilft Geschichtsforschung

Das Stift Klosterneuburg sei nicht nur „ein Ort der Begegnung“, sondern habe auch „eine große geschichtliche, kulturelle und wissenschaftliche Tradition“, hielt Mikl-Leitner in der Pressekonferenz fest. Das Stift sei „ein wichtiger Teil unserer Forschungspolitik“, zumal Klosterneuburg mit dem Stift und vor allem auch dem IST („Institute of Science and Technology“) Austria „ein wichtiger Forschungsknotenpunkt“ sei.

Die digitale Revolution der letzten Jahre hat den Alltag der Wissensspeicherung verändert. Wo man früher in Zettelkatalogen wühlte und dann tagelang auf die Ausgabe eines Buches warten musste, genügt heute ein Mausklick. Doktoranten müssen nicht mehr in weit entfernte Bibliotheken reisen um dort alte Handschriften zu entziffern. Es ist auch kein Geheimnis, dass Wissenschaftler heute zuerst in Wikipedia und Google nachschlagen.

Handschriften der Mönche kaum zu unterscheiden

Längst sind die wertvollen Kulturerben aus Papier fast allesamt digitalisiert und im Internet abrufbar. Im nächsten Schritt geht es nun darum, neue Forschungsfragen an die frühen Texte zu stellen. Auch hier erhofft man sich, mittels digitalen Fortschrittes die Geschichtsforschung zu erleichtern. Das Pilotprojekt des Stifts Klosterneuburg testet künstliche Intelligenz auf ihre Fähigkeit, die Schreiber der mittelalterlichen Manuskripte ausfindig zu machen. Die Software-Programme sollen Schriftmuster aus den digitalisierten Handschriften automatisch erkennen. Bisher wurden diese Algorithmen hauptsächlich für Verbrechensaufklärung und bei der Analyse von historischen Dokumenten eingesetzt. Jetzt will man testen, ob sie auch fähig sind, längst vergangene Schreiber zu identifizieren. Das soll Rückschlüsse auf die Arbeitsweisen in den damaligen Skriptorien bieten. Die einheitliche Schriftart des Mittelalters war im gesamten Abendland die Karolingische Minuskel.

Da die klösterlichen Schreibstuben auch als Schreibschulen fungierten, wiesen die Schreiber eines Skriptoriums zumeist eine annähernd gleiche Schrift auf, sodass bisweilen in einer Handschrift kaum zu unterscheiden ist, ob ein oder mehrere Schreiber am Werk waren. Jedoch finden sich Abweichungen: Die schreibenden Mönche weisen kleine Abweichungen, wie verschiedene Zeichenabstände, Schwünge oder unterschiedlich schiefe Zeilen auf. Die neu entwickelte Software muss nun lernen, diese Parameter zu unterscheiden. Welche Eigenschaften kann sie verwenden, um zwei Schreiber voneinander zu trennen? Im ersten Schritt wird demnach das „Lernmaterial“ für die Maschine von Bucharchäologen bereitgestellt.

Geisteswissenschaft mit Informationstechnologie

Das Ziel ist, die Organisation der damaligen Schreibstuben, den sogenannten Skriptorien, besser verstehen zu lernen, die Schreiber zu identifizieren und Zusammenarbeit zwischen Klöstern herauszufinden. Professor Markus Seidl von der Fachhochschule St. Pölten dazu: „Durch die Analyse der Schreiberhände versuchen wir, neues Wissen aus den Skripten zu generieren. Im Weiteren geht es darum, Hypothesen mit der neuen Software zu überprüfen und gewonnene Erkenntnisse mit Material aus anderen österreichischen Klöstern zu vergleichen.“

Das Vorhaben, das im März 2020 startet und auf drei Jahre angelegt ist, liegt zwischen der Schnittstelle von Geschichtsforschung und Informatik. Das Expertenteam besteht aus wissenschaftlichen Mitarbeitern beider Bereiche, sowie aus Markus Seidl von der FH-St. Pölten und Martin Haltrich, Bibliothekar der Stiftsbibliothek Klosterneuburg. Das transdisziplinäre Team beschreitet damit Neuland. 40 000 Seiten an mittelalterlichen Handschriften sollen von den neuen Software-Programmen erforscht werden – eine Anzahl, die für einen Skriptorienforscher nahezu unbewältigbar wäre. Die neuen digitalen Techniken erleichtern die Geschichtsforschung also enorm. Die „Digital Humanities“, die digitale Erarbeitung geisteswissenschaftlicher Fragestellungen, kommen in geistes- beziehungsweise sammelwissenschaftlichen Forschungen immer häufiger zum Einsatz. Die Informationstechnologie eröffnet sowohl inhaltlich als auch methodisch neuartige Zugänge. Ein weiteres, beinah abgeschlossenes Projekt unter dem Titel „Kloster- Musik-Sammlungen“ digitalisiert und untersucht die Musiksammlungen der Stifte Klosterneuburg, Göttweig sowie Melk. In Kooperation mit der Donau-Universität Krems erforscht das Unterfangen die Musiksammlungen nach gemeinsamen Kriterien und Fragestellungen und untersucht die zugrunde liegenden musikalischen Netzwerke der Klöster.

In das Skriptorien-Forschungsprojekt der Stiftsbibliothek Klosterneuburg wird große Erwartungen gelegt. Landeshauptfrau Mikl-Leitner spricht gar von einem „Leuchtturmprojekt, das in die Welt hinausstrahlt“. Das Unternehmen wird mit rund 200 000 Eurovom Land Niederösterreich gefördert. Auch Andreas Gahleitner, Wirtschaftsdirektor des Stiftes, freut sich: „Wenn wir erfolgreich sind, können wir Werkzeuge entwickeln, die bisher ungelöste oder auch bislang gar nicht gestellte Fragen nach der Organisation von Schriftlichkeit im Hochmittelalter in Klöstern weit über Niederösterreichs Grenzen hinaus beantworten können und die uns verstehen lassen werden, wie unsere Kultur und Identität entstanden ist.“ In der Tat sticht Österreich im internationalen Vergleich durch die hohe Anzahl aktiver Klöster in ungebrochener Tradition seit dem Mittelalter bis heute heraus. Anders als in Deutschland oder Frankreich sind die meisten vor Aufhebungen während der Aufklärung und anschließenden Neubesiedlungen im 19. Jahrhundert verschont geblieben. Dadurch lässt sich in den österreichischen Klöstern die systematische Wissensorganisation bis in das frühe Mittelalter zurückverfolgen.

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