Würzburg

Wunder sollte man akzeptieren

Das digitale Zeitalter verändert das Lernen: Die Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz bescheinigt Bildungstests wie der Pisastudie begrenzten Aussagewert, weil sie den Faktor Selbsterfahrung im Vergleich zum Wissenserwerb nicht ausreichend gewichten.

Digitale Schule
Werden diese Jugendlichen mit derselben Begeisterung zum Buch greifen wie zum Tablet? Foto: Symbolbild: dpa

Frau Fratz, bei den Anfang Dezember veröffentlichten Zahlen der PISA-Studie haben die deutschen Schüler schlechter abgeschnitten denn je. Wie nachvollziehbar ist die Sorge um den Bildungsstandort Deutschland aus Ihrer Sicht?

Die erste Frage, die ich mir nach so einem Resultat stelle ist, ob Pisa wirklich das Maß aller Dinge ist, wenn es darum geht zu ermitteln, ob unsere Kinder durch die Schule gut auf ihre Zukunft vorbereitet werden. Schreiben, Lesen, Rechnen sind außer Frage extrem wichtige Grundkompetenzen, auf denen sich weiterer Lernerfolg aufbaut.

„Es gibt eine große Sehnsucht nach Sinn und den Wunsch, in seinem Leben etwas zu erreichen, was der eigenen Persönlichkeit entspricht.“

Unwahrscheinlich ist aber, dass unsere Kinder dümmer geworden sind, und auch der Versuch, diesen „Leistungsabfall“ durch externe Ereignisse wie Migranten et cetera erschöpfen zu erklären halte ich für nicht ausreichend. Wem oder was sollte dann unsere Sorge gelten?

Junge Menschen werden gegenwärtig ganz anders geprägt als in den Zeiten davor. Es gibt eine große Sehnsucht nach Sinn und den Wunsch, in seinem Leben etwas zu erreichen, was der eigenen Persönlichkeit entspricht. Institutionen verlieren auch deshalb Einfluss über Jugendliche, weil diese nicht mehr das Gefühl haben, dort ihren Lebenssinn zu finden und die Fähigkeiten zu erwerben, die sie für ein erfolgreiches Leben wirklich brauchen. Wissensvermittlung braucht heute vielmehr Bezüge zur individuellen Lebenswirklichkeit, zu Lerngewohnheiten durch digitale Medien, zur persönlichen Neugier und damit zur intrinsischen Motivation der Schüler. Das System, in dem die Grundkompetenzen gelehrt werden, sollte die Sorge sein, weil sich ihre Empfänger, deren Lebensherausforderungen und Sehnsüchte verändert haben.

Nach wie vor gilt die Hochschulausbildung als Ziel vieler elterlicher Ambitionen, obwohl jeder weiß, wie viele Lehrstellen in Deutschland unbesetzt bleiben. Brauchen wir einen Perspektivwechsel auf das Thema Bildung?

Jedes Thema braucht von Zeit zu Zeit einen Perspektivenwechsel. Jedes System dient einem bestimmten Zweck, der sich irgendwann überlebt hat und dann nicht mehr dem Leben dient. Gesellschaft ist progressiv, nur so kann sie lebendig bleiben. Der Perspektivenwechsel im Thema Bildung ist schon längst überfällig. Die „böse“ Digitalisierung und Pisa sind da nicht das Problem, sie decken lediglich auf, dass ein altes System nicht mehr die Antwort auf die Themen der Gegenwartskultur hat.

Ich würde die Frage viel größer stellen als: „Hochschulabschluss für alle versus eine neue Handwerkselite“. Bleiben wir doch bei den angestrebten Grundkompetenzen für alle. Schauen wir uns doch mal da um, wo das Leben nach der Schule dann erfolgreich stattfinden soll – bei der Arbeit, der Selbstverwirklichung, in Beziehungen, beim Aufbau des eigenen Lebens und einer Familie.

Neben speziellen Expertisen für den jeweiligen Berufszweig braucht es dafür Selbstvertrauen, Motivation, Kreativität, Durchhaltevermögen, Courage, Teamgeist, Beziehungsfähigkeit und das Erkennen von seinen Neigungen, Talenten und Potenzialen. Die heutigen Zeitgeist-Teilnehmer fordern für sich eine gewisse Lebensintensität ein.

Und worauf läuft diese Forderung hinaus

Das Gefühl, lebendig zu sein und nicht nur zu funktionieren, ist ein kollektives Lebensziel geworden. Dieses Gefühl kann im direkten Bezug zum Lernen stehen. Nur haben wir in Deutschland noch zu wenig Ansätze, die sich mit dem Gefühl und nicht nur mit dem Testen von neuen Erkenntnissen beschäftigen. In Dänemark springen die Kinder im Klassenraum nach vorne, wenn sie Addition lernen, und nach hinten, wenn sie subtrahieren. Es geht zunehmend um die Erfahrbarkeit von Lerninhalten.

Denn die Erfahrbarkeit des Selbst wird bei der Vorstellung für ein gelungenes Leben in den nächsten Jahren immer mehr zu einem zentralen Zeitgeist-Thema. Sinn, Gefühl, Herzensbildung, Liebe, Nähe, Kreativität und Lebenstüchtigkeit in einer komplexen und digitalen Welt sind die Bereiche, welche in dem alten Systemen ins Defizit geraten sind und für eine gelungene Lebensbalance wieder auf der Agenda stehen. Wir brauchen kreative Problemlöser für die Herausforderungen der Zukunft. Das ist ein ganz anderes und neues Bildungsziel.

Für welche Bildungsthemen würden Sie sich mehr Beachtung von Eltern und Schülern wünschen?

Auch hier würde ich die Frage wieder größer stellen. Um welche Themen geht es in Zukunft, um gut auf das Leben vorbereitet zu sein. Schreiben, Lesen und Rechnen gehören auf jeden Fall dazu. Hier wird die Herausforderung sein, wie es in Zukunft vermittelt wird. Immer wichtiger, um gut durchzukommen, werden auch die Themen Gesundheit, Bewältigung von Stress, Krisenmanagement, Seelsorge, Wagemut, Muße und der Umgang mit Geld werden. Ferner muss man sich die Frage stellen, was ein Mensch in Zukunft besser macht als die Maschine. Effektivität, Fehlerlosigkeit und Anpassung sind es sicherlich nicht.

Vielmehr stehen die Zeitzeichen auf Mensch-sein im Sinne von Kreativität, Werten, Freigeist, Teamfähigkeit, Liebes- und Beziehungsfähigkeit. Wie kann man in Zeiten von Tinder und Co eigentlich eine vertiefende Beziehung aufbauen und halten? Wie traue ich mich Verletzlichkeit, um lieben zu können? Alles Themen, mit denen junge Menschen alleingelassen werden.

Die Sehnsucht, dass einen etwas tief erfüllt, von Bedeutung ist, Freude und Sinn schenkt wird kollektiv immer größer. Wie geht das? Wie lernt man, wie lebt man, um diese Lebensgefühle zu erfahren?

Geduld und Vertiefung gehören zu den großen Kompetenzen für diese Sehnsucht. Damit man mit sich selbst zurechtkommt, Beziehungen aufbauen kann, an Zielen, Visionen und Arbeit dranbleibt und darum weiß, dass die Dinge Zeit brauchen. Daraus starke Bildungsthemen zu machen, würde ich mir wünschen.

Pädagogen und Psychologen haben in der Regel rasch einen Schwarzen Peter zur Hand, wenn es um defizitäre Schulleistungen der digital natives geht: Iphone und Computerspiele, gegen die Eltern kaum noch ankommen. Wie sehen Sie das?

Wir sind Kinder unserer Zeit und die Digitalisierung gehört dazu. Es ist ein Wunder, dass wir die Welt mit einem Smartphone erreichen und steuern können. Dieses Wunder sollte man auch so akzeptieren und verstehen, was für eine enorme Wucht davon in den Herzen und Köpfen der Kinder ausgeht. Nun gilt es diese immensen Möglichkeiten mit Leben und Sinn zu füllen. Statt davor wegzulaufen, sollte man es gestalten. Und zwar viel stärker und mit noch mehr Empathie als je zuvor. Warum ist Fortnite so ein geniales Spiel? Was erleben die Kinder bei diesen Multiplayer-Spielen? Was erlernen die Kinder für Skills bei Minecraft und anderen Spielen, die vielleicht in der Zukunft wichtig sein werden?

Aber muss man hinter die Zukunftstauglichkeit der Digitalisierung nicht auch Fragezeichen setzen? Schon jetzt gilt Unerreichbarkeit als der Inbegriff der Luxus für viele Berufstätige. Rechnen Sie nicht damit, dass wir uns die lästigen Smartphones in Zukunft stärker vom Leib halten?

Die Digitalisierung wird einen Weg in die Funktionalität und weg von der Intimität der Menschen bekommen. In seiner Schattenseite wird genau das Gegenteil passieren. Und dann wird es Räume geben, in denen sich jeder für das eine oder andere entscheiden kann. Hier wird eine Diversifizierung des gesellschaftlich anerkannten Gebrauchs stattfinden.

Das Buch hat die Digitalisierungswelle bisher bravourös überstanden. Warum ist das Buch so resistent? Wieviel Zukunft hat es?

Das ist – wie bei allen Medienformen, siehe Vinyl, Radio, TV – immer so, dass jedes Medium ein sehr spezifisches Gebrauchsmerkmal hat. Und bei dem Buch ist es der analoge Container für einen Inhalt. Dieser analoge Container ist nicht ersetzbar. Wer sinnlich einen Inhalt aufnehmen möchte, kann gar nicht auf eine digitale Alternative umschwenken. Genauso wie Twitter nicht gleich Instagram oder Facebook ist. Vielfalt ist auch in der Natur ein Zeichen von Entwicklung.

Schlechter sieht es in der klassischen deutschen Hobbydomäne Chorgesang und Instrumentalmusik aus. G8 gilt als größter Feind aller Jugendchöre und -orchester. Unter welchen Voraussetzungen könnten die Deutschen ihre große Musiktradition zukunftssicher machen? Was halten Sie von Vorschlägen, das Musizieren verstärkt in die zweite Lebenshälfte zu verlegen?

Die Musikerziehung und die Musik an sich ist ein großer Schatz. Hier gilt immer: Es muss Räume geben, in denen diese Kultur wachsen kann. Diese Räume müssen gestaltet werden. Städte wie Hamburg (siehe Joachim Mischkes Buch über die Hamburger Musik) haben es vorgemacht, wie eine Stadt als Raum Menschen in verschiedenen Jahrhunderten Musikräume gegeben hat. Dafür gibt es Menschen, mit genau der Begabung dafür diese Räume zu schaffen. Der Vorschlag macht gar keinen Sinn, weil er vergleichbar wäre, dass man erst in der zweiten Lebenshälfte mit der Sprache beginnen sollte. Wir brauchen mehr musikalische Früherziehung, aber andere: Es muss weniger um Vermittlung von großbürgerlichem Herrschaftswissen gehen, sondern um die Vermittlung, wie man mit Musik kommunizieren kann.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .