Wien

Raphael M. Bonelli erreicht Hunderttausende auf YoutTube

Raphael M. Bonelli bringt die Psycho-Szene mit Theologie und Philosophie ins Gespräch. Mit seinem neuen YouTube-Bildungskanal erreicht er Hunderttausende.

Raphael M. Bonelli
Der Wiener Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli ist mit dem YouTube-Bildungskanal seines RPP-Instituts in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Foto: Jerko Malinar

Herr Raphael M. Bonelli, der YouTube-Kanal Ihres RPP-Instituts hat bereits mehr als 60 000 Abonnenten. Wie lässt sich dieses Interesse erklären?

Die Menschen haben die permanente Ich-Erhöhung satt. Sie merken, dass es nicht funktioniert, immer nur sich selbst zu lieben und um sich zu kreisen. Viele Menschen schreiben uns: „Schade, dass ich das nicht früher gehört habe. Jetzt verstehe ich, was in meinem Leben geklappt oder nicht geklappt hat.“ Ich glaube, dass der Mensch die Wahrheit braucht. Die Referenten, die wir auswählen, sagen Wahres über den Menschen.

Auch der Buchmarkt spiegelt ein seit Jahren wachsendes Interesse an psychologischen Fragen und psychischen Erkrankungen. Sagt das etwas über unsere Gesellschaft aus?

Ja, das sagt viel über unsere Gesellschaft aus. Der Mensch ist sich immer mehr zum Rätsel und zum Problem geworden. Das ist typisch für unsere Zeit, weil die Menschen heute sehr verunsichert sind.

Sind YouTube-Videos die optimale Form, Psycho-Themen heute breitentauglich aufzubereiten?

Ich erreiche so viele Menschen in kurzer Zeit, dass es fast Zeitverschwendung wäre, ein Buch zu schreiben. Natürlich hat das Buch mehr Tiefgang, aber jetzt mache ich viele Videos über Themen, die ich früher in Buchform bearbeitet habe. Viele Menschen sind leichter über ein Video erreichbar, das locker wirkt. Wir machen lange Videos, bis zu 90 Minuten, und sehr viele sehen sich das bis zum Ende an. Gleichzeitig haben die Videos auch den Buchverkauf beflügelt. Es heißt immer, YouTube-Seher würden nicht lesen. Das kann ich nicht bestätigen.

Sie haben selbst seit 2013 vier populärwissenschaftliche Bestseller veröffentlicht. Lösen Internet-Videos mehr und mehr die populärwissenschaftliche Literatur ab?

Begonnen habe ich mit Videos über mein Narzissmus-Buch. Das Video ist interaktiver: Wir haben bei manchen Videos fast tausend Kommentare. Wir haben in den letzten Wochen rund 700 E-Mails bekommen, seit wir begonnen haben, Seherfragen per Video zu beantworten. Es ist beeindruckend, wie Menschen bereit sind, sich zu öffnen. Wir sind mittlerweile ein Team von vier Leuten, die sich um Fragen kümmern.

Welche Themen interessieren auf dem RPP-Kanal besonders?

Wie man ein Thema präsentiert, ist extrem wichtig. Unser Publikum ist zu 70 Prozent weiblich, mehrheitlich zwischen 40 und 50 Jahre alt. Das ist bemerkenswert, weil YouTube männlich dominiert ist. Die Themen, die besonders gut gehen, sind Beziehungsfragen, Familie, Erziehung, der Umgang mit dem anderen Geschlecht und Charakter-Themen. Mein Vortrag über Ordnung, den ich bei einer RPP-Veranstaltung über Kontemplation in Heiligenkreuz hielt, ist auf YouTube über 400 000 Mal geklickt worden. Wir machten eine Umfrage unter unseren Sehern: Wollen Sie Psychologie oder Psychologie mit Religion oder nur Religion? Das Ergebnis war eindeutig: Religion fiel total durch; unser Publikum will Psychologie hören, aber eine Psychologie, die nach oben offen ist. Gestern bekam ich ein E-Mail von einer jungen Muslimin, die von unserem Kanal begeistert ist.

Das RPP-Institut hat seit seiner Gründung im Jahr 2007 Psychologie und Psychiatrie mit Religion, Theologie und Philosophie ins Gespräch gebracht. Ist der YouTube-Kanal eine Fortsetzung dieser Intention?

Es ist die logische Fortsetzung und multipliziert unsere Idee enorm. Zunächst hatten wir Filme von unseren Vorträgen und wussten nicht, was wir damit machen sollen. Wir hatten zu wenig Platz auf unserem eigenen Server, da kam unser Techniker auf die Idee, das auf YouTube auszulagern. Dass das irgendwer ansehen könnte, dachten wir gar nicht. Aber es entwickelte ein Eigenleben. Bevor wir begannen, den Kanal von uns aus zu bewerben, hatten wir schon 7 000 Abonnenten! Immer öfter kamen Leute und sagten: „YouTube ist dein Medium! Du hast das Charisma dafür. Mach es einfach!“ Dann bekamen wir eine Spende, so dass wir ein Team bilden konnten und jetzt einen erstaunlichen Erfolg haben. YouTube ist niedrigschwelliger als die RPP-Fachtagungen. Die Tagungen sind dadurch aber größer geworden. Unsere Referenten sprechen nun vor 700 Tagungsteilnehmern, und erreichen dann über YouTube Hunderttausend.

Wie religiös sind die Sendungen?

Meine Seher wissen, dass ich religiös bin. Selbst-Transzendenz, Religion und Gott kommen immer wieder vor, sind aber nicht im Vordergrund. Wir haben auch Priester, Bischöfe und Theologen, die Vorträge halten, aber die Nachfrage danach ist nicht groß. Alle PR-Berater rieten mir, den Kanal auf meinen Namen umzubenennen. Dagegen habe ich mich gewehrt: Es bleibt der RPP-Kanal, denn ich möchte keinen personalisierten Kanal, sondern eine Plattform für Menschen, die etwas zu sagen haben. Die Vision bleibt bestehen, aber wir spüren die Säkularisierung der Welt. Wir können Religion nicht mehr unverdünnt an den Mann bringen. Wir thematisieren die anthropologischen Grundlagen: Wenn einer glaubt, er sei sich selbst der Nächste und müsse sich ständig selbst verwirklichen, kann er nicht offen sein für Gott. Wer bereit ist, dem Wahren, Guten und Schönen entgegenzustreben, der sucht. Und wer sucht, der findet. Wir haben ein Auditorium, das teilweise religiös unmusikalisch ist, und wo sich religiöse Kreise nicht ständig selbst bestätigen. Wir sind mitten in der Gesellschaft angekommen.

Sie haben immer wieder darauf verwiesen, dass betont religiöse Menschen besonders skeptisch gegenüber Psychiatrie und Psychotherapie sind. Ist der RPP-Kanal eine Methode, diese Skepsis zu verringern?

Ich habe den Eindruck, dass diese Skepsis religiöser Menschen geschwunden ist. Allerdings glaubt man innerhalb der Kirche oft in naiver Wissenschaftsgläubigkeit irgendwelchen Psychologen mehr als der eigenen Lehre. Umgekehrt wissen viele junge Psychotherapeuten heute, dass Religion eine wichtige Ressource ist. Das alte Bild einer starren, bösen und beengenden Religion beziehungsweise Spiritualität ist bei jungen Therapeuten weniger dominant. Insgesamt haben sich die beiden Blöcke in den vergangenen Jahren angenähert. Wir erreichen heute im deutschsprachigen Raum Menschen, die mit Religion nichts zu tun haben, aber nachdenklich werden. Viele Menschen aus dem Osten Deutschlands schreiben, dass sie bei uns erstmals den Mensch stimmig erklärt bekamen.

Besteht nicht die Gefahr, breiter Halbbildung? Etwa bei Laien, die sich und andere aufgrund des Gehörten und Verstandenen diagnostizieren? Das passiert ja in allen Bereichen der Medizin, wo Patienten sich nach „Dr. Google“ therapieren und den Ärzten misstrauen, weil sie im Internet etwas aufgeschnappt haben.

Ja, das stimmt. Ich finde das aber nicht schlecht, denn es gab und gibt immer auch schlechte Ärzte. Heute beschäftigen sich die Menschen viel mehr damit. Ich sage in meinen Videos aber oft: „Sie können Ihre Partnerschaft nicht retten, wenn Sie Ihren Partner diagnostizieren.“ Heute kommt fast niemand in meine Praxis, der sich nicht über mehrere Videos bereits mit meiner Lehre beschäftigt hat. Das erleichtert die Arbeit, auch wenn sich nicht alles löst. Ich denke, dass manche Videos eine heilende Wirkung haben. Das Problem ist, dass es viel Blödsinn im Netz gibt – von Menschen ohne Ausbildung, die Einfluss haben und einfach nur sagen, was sie so denken. Es gibt zeitgeistige Prediger, die die Selbstfixierung des Menschen bestätigen. Durch unseren Kanal können wir den Zeitgeist mit guten Argumenten erreichen und das Bewusstsein verändern. Jahrelang das Falsche zu glauben, löst kein Problem. Die Wahrheit dagegen macht immer frei.

Wieviel Bildung hinsichtlich psychischer Phänomene und Erkrankungen sollte der psychologische Laie haben?

Ein Grundverständnis vom Menschen ist für jeden wichtig. Und die Beziehungsfragen: Bei Problemen mit dem Ehepartner oder den Kindern kann unser Kanal helfen. Menschen, die den Eindruck haben, ihr Leben funktioniere nicht, bekommen bei uns Anleitungen, wie es wieder funktionieren kann.

Online-Info

Im Internet findet man den YouTube-Kanal von Raphael Benellis Institut hier.

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