Sevilla/Spanien

Magellan-Ausstellung: Crashkurs Geschichte

Dem Indienarchiv in Sevilla gelingt mit dem Konzept der Ausstellung „Die längste Reise der Welt“ zum 500. Jubiläum der Weltumsegelung Magellans ein didaktisches Kabinettstück zwischen konservatorischer Pflicht und Schaulust.

500. Jubiläum der Weltumsegelung, Sevilla
Mit fünf Karavellen verließ Magellan 1519 Sevilla in Richtung Sanlúcar de Barrameda und machte sich auf den Weg zu den Gewürzinseln. Nur die unter dem Patronat Unserer Lieben Frau vom Siege segelnde „Victoria“ kam 1522 zurück. Foto: reg

Meterhohe Wellen türmen sich vor erstaunten Blicken auf. Windgeheul übertönt das Geplauder der Besucher im Indienarchiv in der Altstadt Sevillas. In der Jubiläums-Ausstellung „El viaje más largo del mundo“ (Die längste Reise der Welt) 500 Jahre nach der ersten Weltumsegelung lässt sich das Spektakel eines digital entfachten Seesturms trockenen Fußes beobachten. Ehrfurchtgebietend thront der ambitionierte Kaiser Karl V. als jugendlicher Herrscher in einem Saal, in dem unbesetzte lederne Stühle mit den Namen seiner Berater stehen. Der Ehrgeiz des Monarchen, zu zeigen, dass die Gewürzinseln auf spanischem Territorium liegen, paarte sich mit nautischen Kompetenzen erfahrener Seeleute und dem missionarischen Eifer der Ortskirche.

Die wertvollsten Exponate mussen unsichtbar bleiben

Die Weltumsegelung Magellans gehört in jeden soliden Geschichtsunterricht, hat aber für Ausstellungsmacher einen didaktischen Haken: Es ist nicht allzuviel von ihr übrig. Wer nach kostbaren Exponaten aus dem Goldenen Zeitalter Ausschau hält, merkt rasch, welche Gratwanderung die Kuratoren hier meistern zwischen konservatorischen Pflichten und der Schaulust des Publikums. Zwar sind in Sevilla neben den Filetstücken des Indienarchivs erstrangige Leihgaben aus den Madrider und Pariser Nationalbibliotheken, dem Amerikamuseum (Madrid) und dem Orientmuseum (Valladolid) präsent.

Doch wie kann lebendiger Geschichtsunterricht stattfinden, wenn die wertvollsten Exponate in verdunkelten Räumen teilweise unsichtbar bleiben müssen? Lebensgefühl und Lernpraxis der „digital natives“ sind auf die bild- und textintensive Didaktik des 21. Jahrhunderts programmiert. Fast alle Dokumente sind in den Vitrinen als Konvolut aufeinandergestapelt und in schwer entzifferbarem Altkastilisch oder auf Portugiesisch verfasst.

Mit Mühe und Not kann man auf dem Deckblatt der acht schmalen gesiegelten Pergaminblätter des Vertrags von Tordesillas vom 7. Juni 1494 die fett geschriebenen Worte „Em nome de Dios“ – Im Namen Gottes – entziffern. Papier war im sechzehnten Jahrhundert eine Kostbarkeit: Qualvoll eng und teilweise randlos sind die Briefbögen an Kaiser Karl V. beschrieben.

Makellose Chronik der Weltumsegelung von 1536

Im Originalmanuskript der „Allgemeinen Geschichte Indiens“ des Bartolomé de las Casas hat die Tinte dem Zahn der Zeit stellenweise nicht standgehalten. Lediglich das Testament Magellans vermittelt einen Leseerfolg. Ob er die zierlichen, an eine Frauenhandschrift erinnernden Lettern mit eigener Seefahrerhand zu Papier brachte, scheint zweifelhaft. Immerhin hat das üppig vorhandene Kartenmaterial ob seiner Detailfreude und der muntere Mix aus Geografie, Botanik und Zoologie Unterhaltungswert – als frühe Wimmelbücher der Neuzeit faszinieren diese Weltkarten auch heute. Und Antonio Pigafettas für Karl V. verfasste Chronik der Weltumsegelung, erstmals 1526 in Paris erschienen, ist in einer makellos erhaltenen Druckausgabe von 1536 zu sehen.

Herzstück des Ausstellungskonzepts ist das Bordtagebuch. Die Zeugnisse der Kapitäne und die turbulenten Geschehnisse und Widrigkeiten der Seefahrt spiegeln sich in fünf Sälen: Traum, Abfahrt, Forschungsreise, Ziel, Rückkehr, und Verarbeitung. Aus der Vogelperspektive verfolgt der Zuschauer die Reise, deren Route und Distanzen auf den Boden projiziert werden – samt Seemeilen, Reisedaten, Umwegen, Landgängen und getrennten Seewegen. Goldglänzende Schiffsminiaturen leuchten im Dunkel auf dem Boden auf und nehmen Kurs auf schwarze, dicht einander gegenüberstehende Stellwände, in deren Zwischenraum Kartenmaterial projiziert wird – die Entdeckung der Magellanstraße gehört zu den Glanzlichtern der Ausstellung.

Ein Deutscher auf Expedition zur Magellanstraße

 

Erstmals ist die komplette Flotte der Expedition in verkleinertem Maßstab nachgebildet worden. Von den fünf Karavellen, die 1519 in Sanlúcar de Barrameda mit insgesamt 250 Mann Besatzung in See stachen, um eine neue Route zu den Gewürzinseln zu finden, kehrte lediglich die „Victoria“ zurück. Die Chronik weist unter den 30 Männern, die die Expedition überlebten, auch einen Deutschen aus: Hans von Aachen. Sehr gelungen zeigt der Ausstellungsraum „Suenos“, wie sich Sehnsucht, nüchterne Realität und der menschliche Faktor zu einem internationalen Durchbruch für Europa verdichteten. Neben der Gefahr für Leib und Leben dämpften sowohl die geringe Heuer als auch das Misstrauen in den portugiesischen Kapitän die Abenteuerlust potenzieller Kandidaten. Für die Expedition musste die spanische Krone Steuermänner aus Sevilla zwangsrekrutieren und Ausländer in der Besatzung zulassen.

Pars pro toto werden Biografien der Schiffsmannschaft vorgestellt. Vom Profi bis zum Abenteurer leuchtet das weite Feld einer reinen Zweckgemeinschaft auf. An Bord trafen Meister der Schifffahrt auf renommierte Forscher, aber auch auf Schwindler, die falsche Angaben über ihre Herkunft machten. Alle hatten ihr Testament gemacht. Hunger und Entbehrungen, Missionseifer und Wissensdurst, handfeste Kräche, Hinrichtungen, Flucht und Verzweiflung – das Kaleidoskop menschlicher Tragik und Größe leuchtet hier auf.

Auch Grundschüler kommen auf ihre Kosten, wenn der Chronist in einprägsamen Bildern erzählt, wie Schmalhans an Bord Küchenmeister war. Trocken- und Hülsenfrüchte, Knoblauch, Quittengelee, Schiffszwieback und eingelegte Oliven veranschaulichen die karge Schiffskost. Beim Trinken des brackigen Wassers hielt man sich die Nase zu. Ein Hauch von Voyeurismus regt sich spätestens beim Anblick eines zierlichen Rattenschwänzchens auf einem Teller, nebst getrockneten Maden und gekochten Sägespänen.

Zahlreiche Dokkumente die die Schwarze Legende widerlegen

Der Ekel schwindet beim Anblick von Quadranten, Astrolabium, Kompass und anderen für die Schifffahrt des sechzehnten Jahrhunderts unentbehrlichen Instrumenten. Ohne falsche Untertöne wird die missionarische Komponente der Reise berücksichtigt. Schon die Ausgabenliste entpuppt sich als Denkanstoß für die postsäkulare Gesellschaft. 16 513 Maravedies für liturgisches Gerät übertrafen die Ausgaben für Medizin (13 027) und Unterhaltung (2 895 M) bei Weitem.

Ganz nebenbei lernen die Schüler einen Klassiker der spanischen Sprache kennen, den Dichter Lope de Vega. Ein Zitat aus dessen 1598 erstmals erschienenem Epos „La Dragontea“ beschreibt die düstere Gemütsverfassung einer in Nostalgie schwelgenden Besatzung beim Ablegen des Schiffes.

Der Besuch der Ausstellung lohnt sich allein wegen der zahlreichen Dokumente, die die Schwarze Legende widerlegen. Schon aus reinem Geschäftsinteresse verbot sich aus Sicht Kaiser Karls V. ein „Kreuzzug“. Magellan erhielt unmissverständliche Anweisung, friedliche Beziehungen zu knüpfen. „Besser Hundert in Freundschaft bekehren, die Gott und unseren katholischen Glauben kennengelernt haben, als Tausend auf andere Weise.“ Eine Ikone der Missionsgeschichte ist in Kopie zu sehen: Das dem Prager Jesuskind ähnelnde Heilige Kind von Cebú. Magellan schenkte das bis heute hochverehrte Original 1521 der Königin von Cebú. Diese ließ sich taufen und begründete damit die Mission auf den Philippinen.

Die Statue Unserer Lieben Frau vom Siege wartet am Ende

Wie eine Insel des Friedens erwartet die Statue Unserer Lieben Frau vom Siege den Besucher am Ende der Ausstellung. Drei Jahre nach der Abreise erfüllte die stark zusammengeschrumpfte Besatzung der „Victoria“ ein Versprechen, das sie vor der Abreise abgelegt hatten und dankte vor dem in Sevilla verehrten Gnadenbild barfuß für die Heimkehr.

Der gewagte Vergleich der ersten Weltumsegelung mit der Mondlandung von 1969 am Ausgang der Ausstellung wirkt bemüht: Das Konkurrenzverhältnis der portugiesischen und spanischen Krone im Goldenen Zeitalter betraf Macht- und Prestigefragen. Im Gegensatz zu den Großmächten des Kalten Krieges verfolgten die Herrscher aber mit ihrer Expedition keine ideologischen Ziele. Davon abgesehen bringt die zweisprachig spanisch/englisch dokumentierte Ausstellung erstrangige Exponate, Historisches und Unterhaltung so stimmig in Einklang, dass der Katalog den Informationswert nur unwesentlich steigert. Den Klick wert ist das digital erfasste Opus jedoch allemal.

Bis 23. Februar 2020, Dienstag bis Sonntag, Eintritt gratis, Katalog als eBook kostenlos unter

www.accioncultural.es

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