Würzburg

"Einfühlung von Geist zu Geist"

Wie geschieht Bildung? Kardinal John Henry Newman setzte auf persönliche Unterweisung.

Bafög für Studenten
Für Newman ist die persönliche Begegnung zwischen Lehrenden und Lernenden essenziell, denn die Person des Lehrenden verkörpert und personifiziert die Lehre. Foto: Peter Kneffel (dpa)

„Von Anfang an ist Bildung in diesem weiten Sinne des Wortes meine Grundrichtung gewesen.“ So lautet der Eintrag vom 21. Januar 1863 in Newmans Selbstbiografie. Er bezog sich auf die Hebung des geistigen Niveaus der Katholiken in England. Bildung in diesem weiten Sinne bedeutete für ihn „eine sorgfältige Beobachtung ihrer argumentativen Basis und ihrer Stellung zu der Philosophie und dem Charakter der Zeit, durch Mitteilung richtigerer Meinungen, durch Ausweitung und Verfeinerung ihres Geistes“. Zweifellos war Newman ein Experte in Bildungsfragen. Lebenslange praktische Erfahrung verband sich bei ihm mit einem hohen Reflexionsniveau über ein breites Spektrum von Fragen: welches Ziel hat Bildung eigentlich, welche Inhalte sind hierfür bedeutsam, welche institutionellen Formen sind dazu geeignet?

Schon als junger Fellow am Oriel-College in Oxford war Newman mit der wissenschaftlichen Begleitung der Studenten betraut, die er überaus ernst nahm. Gleichzeitig aber verstand er, bereits zum Geistlichen der anglikanischen Kirche ordiniert, dieses Amt auch als seelsorgerische Aufgabe, die die moralisch-religiöse Formung der ihm Anvertrauten umfasste. Später, nach seiner Konversion, war er Gründungsrektor (1851–1858) der neuen Katholischen Universität in Irland, die vor allem jungen Katholiken aus England eine Studienmöglichkeit bieten sollte. Newman kümmerte sich um alles, angefangen von der Planung verschiedener Fakultäten und der Berufung geeigneter Professoren bis zu den Billardtischen in den Freizeiträumen der Studenten.

"keine Fabrik, keine Werkstatt und keine Tretmühle"

Um Interesse für die geplante Universität zu wecken, hielt er 1852 in Dublin Vorträge, in denen er seine Vorstellungen universitärer Bildung generell erläuterte. Einige Jahre später, 1859, veröffentlichte er diese Gedanken in erweiterter Form in dem umfangreichen Werk „Vom Wesen der Universität“ (The Idea of University). Die Herausforderung seiner Konzeption für die heutige Bildungspolitik zeigt bereits ein einziges Zitat: „Eine Universität ist der üblichen Bezeichnung nach eine Alma Mater, die jedes ihre Kinder kennt, keine Fabrik, keine Werkstatt und keine Tretmühle.“ 1854 folgte eine Reihe von Zeitschriftenartikeln, die Entstehung und Entwicklung dieser Institution (Rise and Progress of Universities) im Laufe der Geschichte exemplarisch nachzeichneten.

Ein Gedanke aus diesen Essays, teilweise auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Abendländische Bildung“ (Wien 1959) veröffentlicht, erscheint von besonderer Aktualität. Gegenwärtig werden hohe Erwartungen in digitales Lernen an Schule und Universität gesetzt. Initiativen wie „Schulen ans Netz“ oder „Notebook University“ sind nur zwei Beispiele hierfür. Ganz anders war Newmans Ansatz. Er betonte einen unersetzlichen Faktor im Bildungsprozess, der gerade dort aus dem Blick gerät, wo Bildung auf ein Tete-a-tete mit dem PC-Bildschirm reduziert wird, wie es seit Mitte der 90er Jahre beim sogenannten E-Learning – elektronisch unterstütztes Lernen – die Gefahr ist, wenn dieses als universales Heilmittel aller Bildungsdefizite propagiert wird. „Wozu dem Wissen nachlaufen, wenn das Wissen zu uns kommt?“, fragte Newman im Blick auf die rasante Produktion von Druckerzeugnissen jeglicher Art zu seiner Zeit, die wie nie zuvor „jedes anderen Mittels der Information und des Unterrichts beinahe entraten zu können“ scheint. Wozu dem Wissen nachlaufen, wenn per Mausklick sekundenschnell im Internet Informationen aller Art abrufbar sind, könnte diese Frage heute lauten.

Newman hielt demgegenüber die Begegnung von Person zu Person, den lebendigen Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden für unverzichtbar, soll sich wirklich das vollziehen, was den Namen Bildung verdient: „Ein akademisches System ohne den persönlichen Einfluss von Lehrern auf ihre Schüler ist ein arktischer Winter.“ Für Newman „besteht das Wesen einer Universität vor allem darin, dass sie eine Stätte ist, an der durch persönliche Kontakte Gedanken übermittelt werden“.

Tief in der abendländischen Tradition verwurzelt

In abgestufter Weise gilt dies zweifellos auch für andere Bildungseinrichtungen. Keineswegs wollte Newman die Bedeutung anderer Medien für die breite Volkserziehung, wie er es nannte, bestreiten. Sein Bildungsanspruch war jedoch höher: „Auch in unseren Tagen wird jeder, … der etwas Exaktes, etwas Solides, etwas wirklich Gehalt- und Wertvolles haben will, … in welcher Gestalt auch immer, zur Gemeinschaftsmethode greifen, zur altehrwürdigen Methode der mündlichen Unterweisung, zur unmittelbaren Verbindung von Mensch zu Mensch, er wird statt des Lehrbuchs den Lehrer wählen, das persönliche Verhältnis zwischen Meister und Schüler. … Sobald wir uns genau und gründlich über irgendein vielseitiges, kompliziertes Thema unterrichten wollen, müssen wir uns an den lebendigen Menschen wenden und seine lebendige Stimme hören.“

Mit diesem Ansatz stand Newman ganz in der abendländischen Bildungstradition. Er erinnerte an deren Anfänge im antiken Athen, wo die mündliche Lehre absoluten Vorrang vor der schriftlichen Überlieferung besaß und Philosophen wie Platon in einer Art Lebensgemeinschaft mit den Schülern ihre Lehre lebendig werden ließen. Ganz ähnlich gestaltet war auch im frühen Christentum die Lehrpraxis der von Newman hochgeschätzten Schule von Alexandrien, wo Clemens und Origenes solche am philosophischen Modell orientierte Stätten lebendiger Glaubensunterweisung schufen.

Worin gründet für Newman der Vorzug zwischenmenschlicher Kommunikation im Bildungsgeschehen? Seine Antwort: „Vielleicht vermag kein Buch die ganze Reihe kleinster Fragen durchzugehen, die sich zu jedem größeren Thema stellen lässt, oder auf die individuell bedingten Schwierigkeiten des jeweiligen Lesers einzugehen. Vielleicht liegt es daran, dass kein Buch den Geist und die Feinheiten seines Gegenstandes mit jener Schnelligkeit und Sicherheit wiedergeben kann, die allein der Einfühlung von Geist zu Geist (sympathy of mind with mind) vorbehalten ist, wo Auge, Blick, Ton und Gebärde die flüchtigste Äußerung und die ungesuchte Wendung im Gespräch beleben und erhellen. … Wir mögen uns die Grundbegriffe der Wissenschaften daheim und aus Büchern aneignen; das Detail jedoch, die Farbe, den Ton, die Luft, das Leben, wodurch sie in uns erst lebendig werden, müssen wir von denjenigen empfangen, in denen sie schon lebendig sind.“ In der Persönlichkeit des Lehrenden wird, im Idealfall, die zu vermittelnde Lehre für den Lernenden geradezu verkörpert und personifiziert. An ihm zeigt sich dem Schüler exemplarisch, wie eine Idee im Leben einer Person bedeutsam und wirksam werden kann.

Der Lehrer wird zur Wissenschaft

Die folgende Schilderung, von Newman selbst als „eleganter Panegyrikus auf einen Oxford-Professor“ bezeichnet, lässt sich durchaus auch auf andere Formen des Lehrens und Unterweisens übertragen: „Der Professor ist die Wissenschaft und der Gegenstand, der in Gegenwart des Studenten verlebendigt wird und menschliche Gestalt gewinnt. Dieser sieht, wie er sich für seinen Gegenstand begeistert. Er sieht, wie sich in ihm, in seinem Verhalten und in seinem Ernst, die Macht der Wissenschaft widerspiegelt und darstellt, einen menschlichen Verstand zu beanspruchen, zu erfreuen und zu fesseln. Seine natürliche Sympathie und Bewunderung zielt oder drängt seine Neigungen, Empfindungen und Wünsche in diesem Augenblick in die gleiche Richtung des Empfindens; und sein Geist wird ganz natürlich, schnell und unmerklich auf den Ton der Wahrheit abgestimmt, der ihm dargeboten wird.“

Eine Illustration seiner Prinzipien sah Newman im religiösen Lehren insofern, „als sein großes Werkzeug oder Organ eben das aller natürlichen Erziehung ist: die persönliche Anwesenheit eines Lehrers, oder in theologischer Sprache: die mündliche Tradition. Es ist die lebendige Stimme, die atmende Gestalt, das ausdrucksvolle Antlitz, welches predigt und katechisiert. So wird die Wahrheit, die etwas Subtiles, Unsichtbares, Mannigfaltiges ist, dem Geist des Schülers eingegossen durch Aug und Ohr, sie durchdringt seine Empfindungen und seine Vernunft; sie wird in seinen Geist gegossen und ihm dauernd eingeprägt“.