Würzburg

Der lange Weg zur Gleichheit

Das Klischee hat einen wahren Kern: Im Süden lernen die Schüler mehr als im Norden. Doch führt Zentralisierung zu Gerechtigkeit an Deutschlands Schulen? Über ein Zentralabitur wird heiß diskutiert.

Gymnasium
Das Abitur ist die Grundlage für die spätere Karriere. Daher ist es wichtig, hier zu einer Lösung zu kommen, die Vergleiche möglich macht. Foto: dpa

Eltern schulpflichtiger Kinder kennen das Phänomen. Wer sich um einen Arbeitsplatz in einem anderen Bundesland bewirbt, prüft im Vorfeld nicht nur die Mietpreise, sondern wirft auch einen Blick in den Lernplan. Geht die Reiserichtung von Bayern nach Norddeutschland, fällt letzterer entspannt aus. Rund anderthalb Jahre ruhige Kugel sind es, die man dem Nachwuchs einräumen kann. Denn das, was in Bayern längst an Deklinationen, Rechenwegen und chemischen Formeln durchgenommen worden ist, kommt im Norden erst nach und nach auf den Tisch. Die Schere, die sich so in den Köpfen der Kinder bildet, ist auch im Abitur trefflich zu beobachten und so ist es kein Wunder, wenn in manchem Bundesland das Abi eines anderen kaum etwas gilt.

Forderungen nach einer zentral organisierten Prüfung, einheitlichen Standards und daher vergleichbaren Ergebnissen werden deshalb schon seit Jahren immer wieder erhoben. Einer der Befürworter der Chancengleichheit ist Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes. „Wenn wir das Abitur als hinreichende Hochschulzugangsberechtigung erhalten wollen, brauchen wir eine funktionierende Vergleichbarkeit und hohe Qualität“, argumentiert er und plädiert für eine schrittweise Einführung der zentralen Reifeprüfung.

Dass die Einführung von Einheit und Gleichheit in unserem höchsten schulischen Abschluss Zeit braucht, ist einer der wenigen Punkte, in denen Einigkeit in der Debatte herrscht. Die Folgerungen aber, die daraus gezogen werden, sind höchst unterschiedlich. Finn Wandhoff beispielsweise, der Bundesvorsitzende der CDU/CSU-nahen Schülerunion, der ebenfalls für die Einführung des Zentralabiturs ist, folgert aus der aus seiner Sicht notwendigen Angleichung nach oben – ein weiterer Punkt, in dem Einigkeit herrscht, traut sich doch kaum jemand, eine Absenkung desselben zu fordern, wenngleich genau diese von vielen befürchtet wird – dass es zur Überbrückung vom Numerus clausus unabhängige Zulassungstests an den Hochschulen geben müsse.

Ein interessanter Punkt. Denn diese Tests würden etwas offenlegen, was in der Debatte bislang kaum oder selten thematisiert wird. Denn in Deutschland gibt es zwar eine bekannte und viel zitierte Schere zwischen den Bundesländern, was den Lehrplan angeht. Aus dieser aber zu folgern, dass die geistig faktenarmen Schüler aus dem Norden bei unabhängigen Zulassungstests an den Universitäten automatisch schlechter dastehen, ist eine Milchmädchenrechnung. Denn in den höheren Schulen in Norddeutschland wird zwar zweifelsohne weniger auswendig gelernt, dafür wird aber mehr eigenständiges Denken gefordert. Deshalb bekommt man dort für hartnäckiges Verschweigen der eigenen Denkwege auch schlechte Noten. Denn in Deutsch, Geschichte und anderen Fächern beträgt die Bewertung der mündlichen Beteiligung am Unterricht 60 Prozent der Gesamtnote.

„Keine Vergleichbarkeit durch zu viel Pluralität“

Bayerischen Schülern treibt dies durchaus den Angstschweiß ins Gesicht. Denn sie können sich nach der erfolgten, zumeist zweimal im Schuljahr stattfindenden Abfrage eines auswendig gelernten und danach umgehend wieder aus dem Gedächtnis gestrichenen Hefteintrages geruhsam zurücklehnen und sich ihre eigenen Gedanken machen. Bei einer unabhängigen, selbstständiges Denken erfordernden Zulassungsprüfung stehen sie deshalb oft schlechter da als diejenigen, die ihr Hirn regelmäßig auf diesem Felde trainiert haben.

Dass bei der Einführung eines Zentralabiturs das Bildungsniveau in Deutschland weiter sinkt, wie es Susanne Lin-Klitzing, die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes befürchtet, ist deshalb nicht so eindeutig, wie es scheint. Und die Forderungen nach Vergleichbarkeit sind deshalb auch nicht so leichthin, wie Lin-Klitzing dies tut, als populistisch abzuspeisen.

Das Argument, das sie verwendet, um die Forderungen vom Tisch zu wischen und wieder unter den an dieser Stelle schon reichlich ausgebeulten Teppich zu kehren, ist übrigens ebenfalls populistisch. Denn Lin-Klitzing verweist, um das Zentralabitur als bildungsniveausenkend zu diffamieren, auf das nach dem Zweiten Weltkrieg im Osten Deutschlands, der ehemaligen DDR, selbstverständliche Zentralabitur. Es habe dort, so die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, keine Pluralität und wenig Wahlmöglichkeiten für die Schüler gegeben.

Es sollte aber doch wohl selbstverständlich sein, einzusehen, dass zu viel Pluralität und zu viele Wahlmöglichkeiten eine mangelnde Vergleichbarkeit, unterschiedliche Standards und womit letztlich Ungerechtigkeit zur Folge haben. Dass ausgerechnet die Vorsitzende eines Verbandes kritisiert, dass mit dem Begriff des Zentralabiturs zu ungenau umgegangen wird, dies offenbar nicht sieht, ist befremdlich.

Tatsächlich ist der ungenaue Umgang mit Begriffen und die schlicht unsortierte Debatte, die sich nach der Forderung von Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) nach einem Zentralabitur entspann, ein bemerkenswertes Zeugnis eines intellektuell als nicht ausreichend zu bewertenden Zustandes der politischen Beiträge in unseren Tagen. Das fängt schon damit an, dass die meisten Volksvertreter offenbar unfähig sind, wahrzunehmen, was ihre Wähler wollen. Denn wenn laut einer Allensbachumfrage 70 Prozent der Eltern sich eine Angleichung der unterschiedlichen Lehrpläne der einzelnen Bundesländer wünschen, ist das nicht mehr und nicht weniger als ein Auftrag, den die durchaus gut bezahlten Politiker erfüllen sollten, anstatt darüber zu lamentieren, dass, wie Markus Söder behauptet, „Zentralismus immer nur zu einer Schwächung“ führe, weshalb er die Einführung eines Zentralabiturs rundweg ablehnt.

Von Seiten der Politik herrscht Ratlosigkeit

Was bei einer Sichtung der erkennbar auf unterschiedlichen Vorgaben beruhenden, die Beiträge der Vorredner selten grundlegend berücksichtigenden Einlassungen derer, die da öffentlich aneinander vorbeireden deutlich wird, ist: Bei den Fragen rund um die Schulpolitik spielt ein gerütteltes Maß persönlicher Eitelkeiten eine Rolle. Hier wird nicht nach Sachlage sine ira et studio geurteilt, hier geht es um Eigeninteressen und nicht um das Recht der Schüler auf einen einheitlichen Bildungsstandard. Schaut man genau hin, sind viele Probleme übrigens durch das unüberlegt eingeführte und vielerorts schon wieder verabschiedete achtstufige Gymnasium noch verschärft worden. Denn auch wenn dessen Absolventen oft viele Fakten gelernt haben, fehlt es ihnen an dem, was das Abitur eigentlich attestieren sollte: Reife. Und deshalb können Universitäten und Hochschulen nichts mit ihnen anfangen.

Dass von Seiten der Politik Ratlosigkeit herrscht und die eigentlichen Zusammenhänge nicht gesehen werden, zeigt nichts deutlicher als der Vorschlag von Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU), mit Hilfe eines Nationalen Bildungsrates die Vergleichbarkeit der Abschlüsse in den Ländern zu verstärken. Ihre Parteikollegin Eisenmann lehnt dies strikt ab: „Niemand braucht ein zusätzliches beratendes Gremium, das bedrucktes Papier ohne verbindliche Wirkung produziert.“ Stimmt. Was wir brauchen, sind denkende, reife Politiker, die ihre Arbeit tun. Und zwar schnell.