Würzburg

Das Trauma überleben

Eichstätt bietet ein kostenloses Online-Training für Psychotherapeuten an.

Traumata
Es dauert, den Traumata zu entkommen: Die Wartezeiten in Praxen für psychotherapeutische Erstgespräche sind lang. Foto: Adobe Stock

Obwohl psychische Störungen aufgrund von Traumata heutzutage als gut therapierbar gelten, klaffen Anspruch und Realität der psychotherapeutischen Versorgung vielerorts auseinander. Können Formate wie das Online-Training für Psychotherapeuten der Katholischen Universität Eichstätt die dringend nötige Abhilfe schaffen?

Traumata-Folgen für Betroffene katastrophal

Traumatische Ereignisse sind so alltäglich wie vielgestaltig. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Meldungen über Autounfälle, Naturkatastrophen, Terror und Gewalt in Krisengebieten oder Fälle sexuellen und körperlichen Missbrauchs vor der eigenen Haustür in den Medien grassieren. Überlebende und Zeugen solcher Ereignisse werden in der Regel psychologisch betreut – denn für Betroffene können die Folgen katastrophal sein. Ein Teil von ihnen entwickelt eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung, die sich durch ein flashbackartiges Wiedererleben des Traumas, die Vermeidung traumabezogener Reize, Konzentrationsstörungen, Angstzustände und Schlafstörungen bemerkbar machen kann.

Auch Kinder und Jugendliche sind vor traumatischen Erlebnissen und der Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung nicht gefeit. Um Ihnen besser helfen zu können, wurde in den USA die sogenannte „Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie“, kurz TfKVT, als Abwandlung der kognitiven Verhaltenstherapie entwickelt, welche sich in der modernen Psychotherapie als wirksamste Behandlungsmethode vieler Störungen etabliert und seit ihrer Entwicklung in den 1960er Jahren der vormals unangetasteten Psychoanalyse den Rang abgelaufen hat. Dennoch – die Schwelle, sich dem komplexen Zusammenspiel von Symptomen zu widmen, das sich nach einem Trauma einstellen kann, ist für hiesige Therapeuten oft hoch.

„Zur Wartezeit speziell für eine Traumabehandlung haben wir zwar keine Zahlen, aber ich befürchte, dass diese deutlich höher liegen könnte.“
Professor Rita Rosner, Lehrstuhl für Klinische und Biologische Psychologie der Uni Eichstätt

Die Störung wird in der Ausbildung aufgrund ihrer relativen Seltenheit im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen wie der „Volkskrankheit Depression“ nur wenig intensiv thematisiert. Und obwohl posttraumatische Belastungsstörungen mittlerweile als gut therapierbar gelten, steht es um die psychotherapeutische Versorgung in der Praxis mehr als schlecht, wie ein Zahlenbeispiel verdeutlicht: Die Landespsychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen gibt die durchschnittliche Wartezeit auf ein psychotherapeutisches Erstgespräch mit 13 Wochen sowie weiteren drei Monaten bis zum Beginn der Behandlung an.

Traumatische Ereignisse aus der Kindheit oder Jugend

Ein Wert, der nach Einschätzung von Frau Professor Rita Rosner, Lehrstuhlinhaberin für Klinische und Biologische Psychologie der Katholischen Universität Eichstätt sowie Leiterin des Projektes zum Onlinelernen der TfKVT, im Kontext der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen allerdings noch zu niedrig angesetzt ist: „Zur Wartezeit speziell für eine Traumabehandlung haben wir zwar keine Zahlen, aber ich befürchte, dass diese deutlich höher liegen könnte.

Die Behandlung kann zusätzlich kompliziert sein, etwa wenn Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und das Jugendamt involviert sind. In diesen Fällen ist intensive Kommunikation und Rücksprache und damit teils nicht erstattbare Arbeitszeit gefordert. Kinder mit posttraumatischen Belastungsstörungen werden deshalb vermutlich weniger häufig in Therapie genommen, insbesondere wenn sie bereits nicht mehr in der Familie leben.“

Eine lange Wartezeit führe zwar bei einem Teil der Kinder, welche von günstigen Umweltbedingungen profitierten, zu einer Besserung aufgrund von Selbstheilungskräften. Die Majorität der Kinder tendiere aber eher zu einer Stabilisierung der beeinträchtigenden Symptomatik und gerate damit in Gefahr einer chronifizierten Störung oder sogar der Entwicklung neuer Folgestörungen, so Rosner: „In der therapeutischen Praxis zeigt sich immer wieder durch retrospektives Erfragen der Lebensgeschichte des erwachsenen Patienten etwa bei einer Borderline-Störung, dass in der Kindheit oder Jugend traumatische Ereignisse geschehen sind, deren psychische Folgen nicht behandelt wurden.“

Kostenloses Online-Training für Psychotherapeuten

Die Zahlen und Fakten eröffnen den Blick auf einen Brennpunkt, dem von staatlicher Seite zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, gewissermaßen einen „blinden Fleck“ der psychotherapeutischen Versorgung.

Umso begrüßenswerter erscheint unter diesem Aspekt der Ansatz der Katholischen Universität Eichstätt, die seit zwei Jahren mit finanzieller Unterstützung der Erzdiözese München-Freising sowie der Deutschen Bischofskonferenz ein kostenloses Online-Training für Psychotherapeuten anbietet, welches dem Lernenden die sogenannte Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie multimedial durch Videodemonstrationen, Anleitungen und Informationsmaterial näherbringt.

Wer möchte, kann sich im externen Münchener Traumainstitut „Train“ unter Leitung des Lehrstuhls für Klinische und Biologische Psychologie der Katholischen Universität bei einem Workshop praktisch erproben und in der Anwendung der TfKVT zusätzlich schulen lassen. Und das Interesse ist groß: Bei einer Gesamtzahl von etwa 6 000 Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Deutschland hat das Projekt in den letzten Jahren nun schon 2 000 Anmeldungen gezählt, wie Rosner stolz berichtet. Zudem hat sich das Team um ihn mit dem „BETTER CARE“-Projekt für junge Geflüchtete, die unter Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, noch eines weiteren „Brennpunktes“ der psychotherapeutischen Versorgung angenommen.

Kulturspezifisches kommt jetzt in den Fokus

„Das Ziel dieses Projektes ist es, möglichst viele Therapeuten dazu zu bewegen, die Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie zu lernen unter der Maßgabe, dass diese für alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von der Traumaart sehr gut anwendbar ist“, erklärt die Professorin. Im Rahmen von BETTER CARE würden etwa Fragebögen in verschiedene Sprachen übersetzt und den Therapeuten zur Verfügung gestellt, um ein diagnostisches Gespräch zu erleichtern oder überhaupt zu ermöglichen. „Die Traumatherapiesitzungen finden dann mithilfe eines Dolmetschers statt, bei dessen Vermittlung wir ebenfalls unterstützen“, führt Rosner aus. „Ab nächstem Monat bieten wir auch ein kostenloses Dolmetschertraining für Therapeuten im Rahmen von BETTER CARE an, unter anderem um zu vermitteln, wie man als Therapeut Elemente der jeweiligen Kultur, zum Beispiel den Umgang mit Emotionen, erfragen kann. Dies kann kein Manual der Welt für jede einzelne Kultur spezifizieren – hier ist Mehrarbeit in Form von Fragen nach den jeweiligen kulturspezifischen Besonderheiten durch den Therapeuten unerlässlich.“

In der Arbeit mit jungen Geflüchteten sieht Rosner derweil nicht nur eine Herausforderung, sondern auch Chancen. Die Sprachbarriere und das zusätzliche Erfragen kultureller Besonderheiten des Herkunftslandes würden den Therapieprozess zwar in gewisser Weise verlangsamen, aber sofern dies eingeplant werde, seien die Verfahren der TFKVT prinzipiell auf alle Kulturen adaptierbar: „Unseren Erfahrungen zufolge brauchen Therapeuten dann etwa bei den Emotionen eine Stunde mehr, aber die Kultursensitivität kann auch ein Vorteil sein – etwa wenn es um Meditation oder das Versenken im Gebet geht, das Patienten aus verschiedenen Kulturkreisen mitbringen. Diese Praktiken können in der Therapie neben der spirituellen Erfahrung auch zur Entspannung genutzt werden.“

www.bestforcan.de

bettercare.ku.de

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