Berlin

Abitur mit Hindernissen

In diesem Jahr sind die Prüfungsbedingungen schwieriger, aber es darf kein billiges Discount-Abitur werden.

GEW: Keine «Luft» für Verschiebung des Abiturs in NRW
Das Abitur wird diesmal zu einer extremen Belastung für die Schüler, weil sie über Wochen die Spannung aufrecht erhalten mussten. Foto: dpa

Die 16 deutschen Schulminister haben sich am 25. März darauf geeinigt, dass die Abitur-Prüfungen und die Abschlussprüfungen anderer Schulformen auch in Zeiten von Corona stattfinden sollen – und zwar bis Ende des Schuljahres, „soweit dies aus Infektionsschutzgründen zulässig ist“. Alle Schüler sollen bis Ende der Sommerferien ihre Ergebnisse haben.

Einstimmige Beschlüsse

Der Beschluss ist einstimmig gefallen, auch wenn es zuvor und danach abweichende ministerielle Äußerungen gab. Die Länder setzten oder setzen diesen Beschluss vorbehaltlich der weiteren Entwicklung der Pandemie aktuell entsprechend um. Beispiele: Rheinland-Pfalz ist zu erheblichen Teilen ohnehin außen vor. Weil man dort in der Regel 12,5 Schuljahre bis zum Abitur hat, sind die schriftlichen Abiturprüfungen bereits im Januar erfolgt, die mündlichen im März. Die Abiturzeugnisse wurden am 27. März per Post verteilt. Hessen ließ die schriftlichen Abiturprüfungen vom 19. März bis 2. April schreiben. Die mündlichen Prüfungen finden ab dem 19. April statt. Berlin startet mit dem Abitur am 20. April. In NRW und Niedersachsen beginnt das schriftliche Abitur jeweils rund drei Wochen später als geplant, und zwar am 11./12. Mai. Bayern, das wegen der Ferienregelungen ohnehin traditionell am spätesten dran ist, verschob den Abiturbeginn um drei Wochen auf den 20. Mai. Die Zeugnisse soll es in der zweiten Juliwoche geben. Die Abwicklung der Abiturprüfung kann durchaus gewährleistet werden. Die Schulen können dazu Maßnahmen ergreifen, die das Infektionsrisiko für Abiturienten und alle Schüler weitestgehend vermeiden.

Notwendige Maßnahmen

Erstens: An Tagen mit Abiturprüfungen bleiben alle anderen Klassen zu Hause. Die Prüflinge versammeln sich nicht wie sonst in den Turnhallen, sondern auf maximal Zehnergruppen verteilt in verschiedenen Schulräumen; dort sitzen sie mit drei Metern Abstand zueinander. Die Prüfung in den verschiedenen Räumen beginnt jeweils um eine Viertelstunde versetzt, so dass es zu keiner Zeit zu größeren Ansammlungen von Schülern kommt. Das gilt auch für das Ende der Prüfungen. Die Prüflinge sollen zudem streng angehalten werden, das Schulgelände nach Ende einer Prüfung einzeln zu verlassen und auf den sonst üblichen Umtrunk beziehungsweise die gemeinsame Zigarette zu verzichten.

Zweitens: Die Räume werden während der Prüfung regelmäßig gelüftet. Es müssen Prüfungsräume sein, in denen man die Hände mit Seife waschen kann und in denen Desinfektionsmittel zur Verfügung stehen. Die Räume inklusive Toiletten sowie das Mobiliar werden am frühen Morgen vor der Prüfung gereinigt und desinfiziert. Ebenso tragen alle Schüler und Lehrer Atemschutzmasken, und sie waschen und desinfizieren – wie bei einem Besuch im Krankenhaus – ihre Hände beim Betreten des Prüfungsraums (etwa nach Toilettenbesuch). Die Ausgabe von Papier, Prüfungsunterlagen sowie die Abgabe der Arbeiten erfolgen so, dass eine Kontaktaufnahme mit weiteren Personen vermieden wird.

Drittens: Auszuschließen von der Prüfung sind Prüflinge, die innerhalb der letzten 14 Tage aus dem Ausland zurückgekehrt sind, in Kontakt zu Rückkehrenden standen, Kontakt zu infizierten Personen hatten und/oder aktuell (Erkältungs-)Symptome aufweisen. Die Prüflinge haben Entsprechendes gegenüber der Schule schriftlich zu bekunden. Ärztliche Krankschreibungen führen zum Ausschluss von einer Prüfung. Beim begründeten Verdacht, dass es sich um Gefälligkeitsatteste handelt, sind die betreffenden Schüler gegebenenfalls an den Amtsarzt zu verweisen.

Viertens: Der zeitliche Puffer für die Terminierung der Abiturprüfungen reicht nicht nur bis Mai 2020. Gewiss starten einige Bundesländer bereits Mitte Juni in die Sommerferien, und gewiss wollen die Hochschulen für die NC-Studiengänge und die Ausbildungsbetriebe die Zeugnisse der Bewerber möglichst rasch sehen. Aber: Warum sollen Abiturprüfungen nicht auch zu Beginn des kommenden Schuljahres Ende August oder im September stattfinden können? Die Schulen sind dazu in der Lage; die Hochschulen und die Ausbildungsbetriebe müssten zumal in Corona-Zeiten entsprechend flexibel sein.

Fünftens: Eine Beschleunigung der Zeugniserstellung ist möglich, indem diesmal weitestgehend auf eine Zweitkorrektur der Prüfungsarbeiten verzichtet wird. Das spart zwischen Prüfungsterminen und Zeugniserstellung eine gute Woche ein.

Sechstens: Die von den Abiturienten und ihren Angehörigen sehr geschätzten „Abiturstreiche“, Feiern oder Abiturbälle können auf später verschoben werden.

Warum ein solides Abitur weiter wichtig ist

So könnte die Praxis aussehen – vorbehaltlich einer Zuspitzung der Lage. Freilich sehen nun manche Leute mit Corona die Chance, das Abitur 2020 und womöglich über 2020 hinaus weichzuspülen. Landauf, landab starteten ab Mitte März Schüler-Online-Petitionen gegen die Abiturprüfungen 2020. Mal erzielten sie 200, mal angeblich 100 000 Einträge. Selbstbewusst wird ein „Selbstbestimmungsrecht“ der Schüler reklamiert. Die eigentliche Abiturprüfung, so die Petenten, sollte wegfallen, denn die Abiturprüfung mache ja nur ein Drittel der Abiturwertung aus, das letzte Drittel könne ja aus den beiden anderen Dritteln hochgerechnet oder durch die Bewertung von Hausaufgaben (wer auch immer diese dann erstellt hat) ersetzt werden. So wird argumentiert.

Die Studienbefähigung muss erhalten bleiben

Selbst Schulministerinnen waren oder sind nicht ganz frei von dieser Idee. Schleswig-Holsteins Kultusministerin Karin Prien (CDU) ist damit Mitte März vorgeprescht. Die linke Lehrergewerkschaft GEW unterstützte Priens Vorstoß als „sinnvolle und vernünftige Entscheidung“, die Vereinigung der Berliner Oberstudiendirektoren ebenfalls. Sogar die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes liebäugelte damit vorübergehend.

Aber es gibt keinen Grund, es so weit kommen zu lassen. Immerhin hatte die Kultusministerkonferenz am 25. März festgehalten, dass eine Absage der Abiturprüfung und ein Ersatz der Abiturprüfung durch bereits zuvor erbrachte Leistungen nicht zur Debatte stehe. Aber kaum war dies vereinbart, preschte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) schon wieder vor und meinte am 6. April, Abiturnoten sollten notfalls ohne Abschlussprüfung errechnet werden. Sie beruft sich dabei auf Schüler: „Bei den Abiturienten gibt es viele Vorschläge, wie beispielsweise eine Gesamtnote ohne Abiturprüfung zu ermitteln“, sagte sie. Ein Wegfall der Abiturprüfung entwertet das Abitur.

Zwar macht die reine Abiturprüfung nur rund ein Drittel der Abiturgesamtleistung aus. Aber ein Drittel ist ein Drittel, zudem sind die Abiturprüfungen die anspruchsvollsten und am besten vergleichbaren in einer gymnasialen Laufbahn. Ein Wegfall dieser Prüfungen provoziert ein Ansinnen von Hochschulen zu sagen: Wenn die Gymnasien kein anspruchsvolles Abitur mehr zustande bringen, dann wechseln wir zum Aditur-Modus, dann machen wir Zugangsprüfungen.

Grundsatz der Gleichbehandlung ist gefährdet

Der Wegfall der Abiturprüfung wäre zudem ein Verstoß gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung vor dem Gesetz. Die Abiturienten des Jahres 2019 schrieben und die Abiturienten des Jahres 2021 schreiben (hoffentlich) das herkömmliche Abitur. Beide Jahrgänge konkurrieren aber bei Numerus-Clausus-Studiengängen mit den Abiturienten des Jahres 2020. Gerecht ist das nicht. Völlig unausgegoren wäre die Praxis, die Leistungen von zwei Schuljahren auf die Abiturprüfung hochzurechnen. Denn welche der erbrachten Leistungen werden dann hochgerechnet? Nur die der eigentlichen vier oder fünf Abiturfächer? Oder alle? Auch die Leistungen aus Fächern, in denen man nicht so gut war?

Es geht um ein aussagekräftiges Abitur, das nicht nur Studierberechtigung, sondern Studierbefähigung attestiert. Dass diesbezüglich bereits über Jahre hinweg gesündigt wurde, ist bekannt. Denn die Leistungen sind immer schwächer und die Noten immer besser geworden. Die Folge ist unter anderem, dass immer mehr Hochschulen Nachhilfekurse für Studienanfänger einrichten mussten.

„Corona“ darf jedenfalls nicht zu einem Einfallstor für noch mehr Weichmacherei der Abiturpolitik werden.

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