Flüchtlinge

Sie sehnen sich nach Hause in die Ukraine

Besuch im Christian-Schreiber-Haus (CSH) im brandenburgischen Alt-Buchhorst, wo seit Ostern 45 ukrainische Waisen- und Pflegekinder mit ihren Betreuern leben.
Marina aus Mykolajiw hat zwei leibliche Kinder und zehn Pflegekinder
Foto: RT | Marina aus Mykolajiw hat zwei leibliche Kinder und zehn Pflegekinder in ihrer Pflegefamilie.

Kurz nach Kriegsausbruch in der Ukraine erhielt ich die Nachricht, dass wir für die Evakuierung von Pflege- und Waisenheimen größere Objekte benötigen“, berichtet Bernadette Feind-Wahlicht. Sie gehört zum Krisenstab Ukraine der Caritas in Berlin.

„Das Christian-Schreiber-Haus ist mit seiner Infrastruktur als Notunterbringung für die ersten Wochen ideal. Von hier aus suchen wir nach weiteren Lösungen für die Kinder und ihre Betreuer“, erklärt Feind-Wahlicht. So stellte das Erzbistum Berlin das Haus zur Verfügung und die Caritas kümmerte sich mit ihren Mitarbeitern um die Logistik und alle Fragen rund um die stationäre Jugendhilfe. Feind-Wahlicht gehört zu den Fachleuten, die zusammen mit Kommunen und Landesbehörden im Vorfeld prüften, welche behördlichen Rahmenbedingungen für die Unterbringung von Kindern aus einem Kriegsgebiet notwendig sind.

Seit Palmsonntag leben im Christian-Schreiber-Haus (CSH) im brandenburgischen Alt-Buchhorst (Gemeinde Grünheide) 45 ukrainische Waisen- und Pflegekinder. Sie sind im Alter von drei bis 20 Jahren und kommen mit ihren Betreuern aus der Region Rivne. Zusätzlich gibt es dort eine Pflegefamilie mit zwölf Kindern aus Mykolajiw.

Dem Leid etwas entgegensetzen

Am Vorabend von Christi Himmelfahrt besuchte nun Erzbischof Heiner Koch zusammen mit Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin, die ukrainischen Waisenkinder und beide kamen mit den Kindern und ihren Betreuern ins Gespräch. „Die Situation für Pflegeeltern und Kinderheime in der Ukraine ist sehr schwierig, weil sie besonders vom Kriegsgeschehen betroffen sind“, sagte Koch. „Wir haben eine Verpflichtung, diesem Leid etwas entgegenzusetzen und besonders den Kindern zu helfen“, betonte der Erzbischof bei seinem Besuch im CSH.

Die Caritas hat zusammen mit den Mitarbeitern der Jugendbildungsstätte für die geflüchteten Kinder in Grünheide die Betreuung übernommen. „Not sehen und handeln“, das sei das Motto der Caritas und so habe sie nicht lange überlegen müssen, als die Anfrage von Elena Killer und Roman Kähl auf ihren Tisch kam. Aber dazu später.

Die Finanzierung im CSH in Alt-Buchhorst kommt aus mehreren Töpfen, aus Spenden, kirchlichen Eigenmitteln und von der öffentlichen Hand. Ulrike Kostka spricht von „mehreren hunderttausend Euro“.

Lernprozess und gutes Modell

„Als Lernprozess und gutes Modell“ bezeichnet ihr Kollege Jens-Uwe Scharf den komplexen Vorgang um die Rettung der Waisenkinder aus der Ukraine, an dem hinter den Kulissen auch viele Menschen in den Verwaltungen im Landkreis Oder-Spree, von den Jugend- und Sozialämtern bis hinein in die verantwortlichen Ministerien in Potsdam involviert waren. Scharf: „Da schauen gerade viele nach Brandenburg, denn das ist in dieser Form bisher einmalig in Deutschland.“

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Die Kinder und deren Betreuer haben eine circa 3 000 Kilometer lange Flucht hinter sich. Das Erzbistum Berlin leistete Hilfe in der Not. „Alle versuchen, den Aufenthalt der Kinder so angenehm wie möglich zu machen. Die Betreuer überlegen sich Freizeitangebote, die ohne Sprache funktionieren. Inzwischen haben sich auch viele Ehrenamtliche gemeldet, die ukrainisch sprechen. Es gibt eine Welle der Hilfsbereitschaft“, sagte die ausgebildete Erzieherin und Sozialarbeiterin Bernadette Feind-Wahlicht von der Caritas.

Anfängliche Unsicherheit weicht

Die katholische Jugendbildungsstätte dient seit vielen Jahren besonders christlichen Kindern- und Jugendlichen aus Schulen und Kitas des Erzbistums für Tage der religiösen Orientierung, der Bildung und der Begegnung. Viele, die ihren Aufenthalt hier planten, mussten nun in andere Einrichtungen ausweichen. „Aber niemand hat sich bei uns beschwert, als wir ihnen absagen mussten“, sagte die Verwaltungsleiterin Barbara Simon. Neben den ukrainischen Kindern und ihren Betreuern gibt es weiterhin kleine Gästegruppen und diese hätten nach Ostern „schon zusammen gegrillt, gesungen und kleinere Feste gefeiert“. „Viele Freiwillige waren und sind bei der Eingewöhnung der Kinder sehr engagiert“, ergänzt ihre Kollegin Susanne Netzel, Referentin für Kinder- und Jugendarbeit im CSH. Die anfängliche Unsicherheit auch wegen der Sprachbarrieren wich schnell und die Kinder nutzen gerne die Freizeitmöglichkeiten des weiträumigen Geländes mit einem schönen Spielplatz und Sportmöglichkeiten unweit der Ufer des idyllischen Peetzsees. „Sie fahren Rad, spielen Ball, aber die Älteren schauen auch manchmal stundenlang Filme auf den Handys“, sagt Frau Netzel.

„In den ersten Tagen nach ihrer Ankunft merkten wir den Kindern und Jugendlichen ihre Kriegs- und Fluchterfahrungen an“, schildert Bernadette Feind-Wahlicht ihre Eindrücke. Aber schon nach einer Woche wurden viele ruhiger und entspannter. „Aus ihren Gesichtern wich der Schrecken. Oft hören wir nun von ihnen mit großer Dankbarkeit, wie wohl sie sich hier fühlen.“ Da einige der Waisenkinder auch Behinderungen haben, ist es wichtig, für ihre Zukunft eine entsprechende Unterkunft zu finden. Hierbei hilft auch Rene Mallow, der eigentlich beim Sozialdienst Katholischer Frauen arbeitet, aber zurzeit in Alt-Buchhorst im CSH aushilft. „In Brandenburg ist das einmalig und ohne Unterstützung des Landratsamtes, vieler Ehrenamtlicher und den Spenden der Leser der MOZ, hätten wir es sicher nicht so gut hinbekommen.“ Bei der Hilfe für die Kinder gab es für Mallow nie Probleme und bei der Sprache behalf er sich mit einer App, „das ersetzt zwar keinen Dolmetscher, aber zur Grundverständigung reicht es“.

Helfen in der Not

Angestoßen wurde das Projekt von Elena Killer und Roman Kähl. Frau Killer stammt aus dem ukrainischen Mykolajiw und erfuhr kurz nach Kriegsbeginn über ihre Verwandten von der Not der Waisenkinder. „Wir mussten etwas tun“, sagt Elena Killer, die mit ihrem Mann in Berlin ein Bauunternehmen betreibt. Sie selbst ist Christin und kommt aus einer Neuapostolischen Kirche. Roman Kähl gehört keiner Religionsgemeinschaft an, aber Freunde empfahlen ihm das Don-Bosco-Zentrum in Berlin-Marzahn sowie das Christian-Schreiber-Haus in Brandenburg.

„Ich war überrascht von der schnellen und unbürokratischen Hilfe der Verantwortlichen in der katholischen Kirche. Sie haben uns mit Tatkraft und Selbstlosigkeit beigestanden“, berichtet Roman Kähl über seine als private Initiative gestartete Hilfsaktion. Das hätte auch sein Bild von der Amtskirche verändert. Seine Verlobte ergänzt: „die Kirche hat uns ganz eng begleitet von der Evakuierung bis zu den Grenzformalitäten“.

Übersetzerin Julia unterstützt im Alltag

Eine wichtige Unterstützerin vor Ort ist auch Julia, die vor fast zwei Jahrzehnten als Au-pair nach Deutschland kam und inzwischen hier verheiratet ist. Sie hilft als Übersetzerin bei Behördengängen, Arztbesuchen und bei der Gestaltung des Alltags.

„Ich las von dem Aufruf im Internet“, berichtet Julia. Für sie es „eine Herzensangelegenheit, der Pflegefamilie und den Waisenkindern zu helfen“. Beim Gespräch mit Marina und Denis, den Pflegeeltern von zehn Pflegekindern, ist sie als Sprachmittlerin behilflich. „Sie haben zwei eigene Kinder und sind ein Vorbild für viele andere Familien. Im Christian-Schreiber-Haus, wo sie eine eigene Etage bewohnen, werden sie nicht auf ewig bleiben. Das ist nur vorübergehend und aktuell suchen wir ein Haus oder eine größere Wohnung für sie und die Kinder, wo sie auch zur Schule oder in die Kita gehen können.“ Ihre leibliche Tochter Diana (10) sowie die Pflegekinder Andre (3) und Maxim (4) stehen gerne mit ihrer Mama Marina (37) für ein Foto zur Verfügung. Die Eltern und ihre insgesamt zwölf Kinder flüchteten in letzter Minute mit ihrem Minibus aus ihrer von den russischen Aggressoren kriegszerstörten Stadt. Sie verloren alles und sind sehr dankbar, hier eine vorübergehende Heimat gefunden zu haben.

Wichtig, so sagt die Caritas-Chefin Ulrike Kostka zum Abschied, sei die nahe Zukunft der Waisen- und Pflegekinder, „denn das ist hier nur eine temporäre Unterbringung, und die Kinder brauchen einen längerfristigen Ort. Wir wissen aber auch, sie sehnen sich nach Hause in die Ukraine, wo sie wieder in Frieden leben wollen!“

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