Gesellschaft

Hilfe, Tränen und lustige Geschichten

Vielseitiger Einsatz: Eine deutsche Nonne leitet das französische Hospiz St. Louis zwischen West- und Ost-Jerusalem. Von Johannes Zang
Schwester Monika Düllmann , Leiterin des „St. Louis French Hospital“ in Jerusalem
Foto: JZ | Kraft aus dem Glauben: Sr. Monika.

Wer das Hospiz St. Louis de France zum ersten Mal betritt, wundert sich vielleicht: Im Haus, in dem Menschen ihre letzte Lebenszeit verbringen, ist Lachen zu hören. Hier spüren alle, wie wertvoll das Leben ist, weiß Schwester Monika Düllmann aus Erfahrung. Sie (Jg. 1964) arbeitet seit 18 Jahren im Hospiz zwischen West- und Ost-Jerusalem. Schwester Monika stammt aus Düsseldorf, ist Theologin, Kranken- und Ordensschwester, und – seit kurzem – auch Provinzökonomin ihres Ordens. Beim Studium der Theologie hatte sie bereits ein Jahr in Jerusalem verbracht. Später kehrte sie für ein Volontariat in St. Louis in die Stadt zurück. Dort erkrankte sie nach eigenen Angaben am „gefährlichen Ordensschwesternvirus“ und trat in den französischen Orden der Josefsschwestern von der Erscheinung ein, der seit 1848 im Heiligen Land tätig ist.

Palästinenser und Israelis arbeiten zusammen

Nach Stationen in Frankreich und Italien leitet sie nun das 1851 gegründete Haus, das 1882 zum Krankenhaus wurde. Dieses hat zwei Weltkriege gesehen, israelisch-arabische Kriege, zwei Intifadas der Palästinenser gegen die Besatzungsmacht Israel sowie einen Terroranschlag vor der Haustür.

Die Umwandlung zum Hospiz für Onkologie vollzog sich nach der Staatsgründung Israels, seit den 1970er Jahren praktiziert man Palliativmedizin. „Gesagt zu bekommen: Ich würde dich gerne ins Französische Krankenhaus verlegen” heiße für den Arzt: „Ich kann nichts mehr für dich tun.” Doch dem widerspricht die Ordensfrau: „Ärztliche und pflegerische Arbeit ist nicht nur, Kranke zu heilen, sondern auch Symptome zu lindern, und Menschen zu begleiten und, wo alle Heilungsversuche fehlgeschlagen sind, so zu behandeln, dass sie möglichst gut die letzte Zeit ihres Lebens leben können.” Das gilt für Krebs- und Aids-Patienten sowie Kranke nach Schlaganfall, mit Demenz oder im Koma.

Im Klein-Frankreich Jerusalems arbeiten 60 Israelis und Palästinenser vertrauensvoll zusammen. Auch die derzeit 57 Patienten kommen von beiden Seiten der Konfliktlinien, wobei 70 Prozent jüdischen Glaubens sind. Dank vier mitarbeitenden Ordensschwestern sowie jahrein jahraus 25–30 Volontären, darunter etlichen Deutschen nach dem Abitur, können sich jeweils zwei Kräfte um einen Patienten kümmern. „Wir haben doppelt so viele Pflegekräfte wie vorgeschrieben”, sagt Schwester Monika stolz über ihr Haus, das völlig ins israelische Gesundheitssystem integriert ist. Wer Schwester Monika trifft, beispielsweise auf einer Pilgerreise, wird vor allem ihre Geschichten in Erinnerung behalten. Manche lassen einen laut lachen, andere treiben einem vor Rührung die Tränen in die Augen.

Einmal lag eine Nonne mit einer orthodox-jüdischen Patientin im selben Zimmer. „Als die Schwester verstarb, kam die Oberin, um Schokolade zu bringen. Sie ging in das Zimmer, sah die Tochter der orthodoxen Patientin und die beiden sind sich in die Arme gefallen.” Jüdisch-orthodoxen Besuchern seien beim Anblick der sich Umarmenden „fast die Augen aus dem Kopf gefallen”, versichert die Hospizrektorin. Das sei eben das Geschenk der Patienten an Personal und Angehörige: „Dass es ihnen so schlecht geht, dass Unterschiede von Religion, Rasse, Reichtum nicht mehr zählen.”

Auch die Geschichte mit dem Gebiss vergisst man so schnell nicht. Im Mai 1948 wurde der Staat Israel in Tel Aviv ausgerufen, worauf postwendend der 1. Israelisch-Arabische Krieg ausbrach. Nach Kriegsende besetzte Jordanien den Ostteil Jerusalems und damit auch die Altstadt. Das französische Krankenhaus St. Louis vis a vis des Neuen Tors der Altstadt lag plötzlich an der Grenze, jedoch auf israelischer Seite. „Vor dem Haus war Niemandsland”, erklärt die Nonne und ist mittendrin in der „lustigen Geschichte vom verlorenen Gebiss”, die sich Mitte der 1950er Jahre zugetragen hat. Und die geht so: „Ein Patient stand am Fenster und nieste kräftig. Das Gebiss ist rausgeflogen und im Niemandsland gelandet. Die Schwestern informierten das (israelische) Außenministerium und baten um eine Genehmigung, das Niemandsland begehen zu dürfen. Ein Waffenstillstand wurde ausgehandelt, worauf eine Delegation mit einem israelischen und einem jordanischen Soldaten sowie einem französischen UNO-Soldaten und einer Schwester mit weißer Fahne das Gebiss suchen durfte. Sie haben es auch gefunden.” Unter dem Titel „Tale of some Teeth“ berichtete das Life-Magazin darüber.

Das Hospiz, das vom deutschen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird, untersteht dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande und wurde 2007 mit dem Berg Sion Preis für Versöhnung ausgezeichnet. Die Jerusalemer Benediktiner-Abtei würdigte damit das Engagement ihrer ehemaligen Studentin und ihrer Mitarbeiter für ein gutes Miteinander von Religionen und Kulturen.

In St. Louis, dem einzigen Kloster weltweit mit einem Koscher-Zertifikat und koscherer Küche geschieht der interreligiöse Dialog ohne Worte. „Wir reden nicht viel über den Frieden”, bekennt Schwester Monika, „aber wir leben zusammen, arbeiten zusammen, sitzen zusammen in der Ethikkommission und sind uns sehr nah in der Ethik.” Das sei, bekennt die Rektorin, an einem konfliktträchtigen Ort wie Jerusalem „etwas ganz Besonderes“. Denn: „Die Grenze besteht immer noch in den Köpfen und Herzen der Menschen.“

Wie schafft die mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Rheinländerin den Spagat zwischen beiden Konfliktparteien? Woher nimmt sie die Kraft für ihr Tun? „Wenn ich den Glauben an Jesus nicht hätte, könnte ich die Arbeit nicht machen. Wenn ich Menschen leiden sehe und kann ihnen nicht helfen, ist die Versuchung da, wegzurennen. Ich bleibe da, auch wenn ich es nicht verstehe. Denn ich weiß, dass Jesus am Kreuz auch nicht aus dem Leiden geholt worden ist.” Eine weitere Kraftquelle ist für die Krankenhausrektorin die Liebe der Patienten. „Wir empfangen von ihnen viel mehr als wir geben können.”

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