Hierarchen und Ikonen

Moskauer Museum für die russischen Neumärtyrer eröffnet. Von Barbara Wenz
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Foto: dpa | Moskau im Winter: Ein Schiff bahnt sich einen Weg durch die vereiste Moskwa vor der Kulisse des Kremls.

Auch im Zeichen des hundertsten Jahrestages der Oktoberrevolution wurde kürzlich im geschichtsträchtigen Gebäude des Moskauer Diözesanhauses, welches zur orthodoxen St. Tichon-Universität gehört, ein Museum für die Märtyrer und Bekenner der russischen Kirche unter dem Kommunismus eröffnet.

Die Ausstellung präsentiert persönliche Gegenstände besonders liturgischer Art, Ikonen, Dokumente und Fotografien von Hierarchen, Priestern, Mönchen, Ordensfrauen und Laien und wurde bewusst im Moskauer Diözesanhaus installiert, weil die russische Kirche von hier aus ihre Reise nach Golgotha begonnen habe, wie es der Autor eines Eintrags auf der offiziellen Seite des russisch-orthodoxen Nachrichtenportals pravoslavie.ru formuliert.

Hier in der Lichov-Straße trat ein Konzil – bestehend aus 500 Mitgliedern – zusammen, das in den Revolutionsjahren den Beschluss fasste, das Moskauer Patriarchat wieder herzustellen, welches unter Zar Peter I. im Zuge seiner Reformen abgeschafft worden war. Von hier aus wandte der frisch gewählte neue Patriarch Tichon sich zum ersten Mal an die Bevölkerung, um den Brudermord und die „revolutionären“ Pogrome gegen Kirchen und Klöster anzuprangern, in der Hoffnung, Schlimmeres verhindern zu können. Und eben in jenem Diözesanhaus zelebrierte Tichon auch das Requiem für den von den Bolschewisten ermordeten letzten Zaren Nikolaus und dessen Familie.

Die 500 Mitglieder jenes Konzils erlitten schlimmste Repressalien und Verfolgung und gingen für ihren Glauben in den Tod: 50 von ihnen gehören heute selbst zu den heiligen Neumärtyrern, ebenso wie Patriarch Tichon, der 1922 verhaftet und in das berühmt-berüchtigte Gefängnis des russischen Geheimdienstes, die Lubjanka, verbracht wurde. Später internierten ihn die Bolschewisten im Donskoi-Kloster, wo er heute auch seine letzte Ruhestätte gefunden hat, nachdem er 1925 unter nie geklärten Umständen – es wird Giftmord vermutet – verstarb.

Westlichen Pilgern, die in Rom schon die Kirche San Bartolomeo all'Isola besucht haben, dürfte Tichon gut bekannt sein. San Bartolomeo beherbergt in seinen Mauern ungezählte Märtyrerreliquien des 20. und 21. Jahrhunderts aus aller Welt, darunter ein Brief Franz Jägerstetters wie auch die Bibel von Shabaz Bhatti, dem pakistanischen Minister für Minderheiten, der im Jahre 2011 von Islamisten ermordet wurde, weil er zu den wenigen Christen des Landes gehörte und sich besonders für religiöse Toleranz einsetzte.

Auf dem Hauptaltar von San Bartolomeo befindet sich eine beeindruckende Ikone, welche die – italienische – Aufschrift „Durch die große Bedrängnis hindurch“ trägt. Darauf ist Tichon als einer der drei Stellvertreter für die großen christlichen Konfessionen, neben dem Lutheraner Dietrich Bonhoeffer und dem Dominikaner Giuseppe Girotti, der in Dachau ermordet wurde, abgebildet.

Des Weiteren sieht man auf der rechten Seite einstürzende Gebäude und Erschießungskommandos, die an den Völkermord an den Armeniern und das Leid der Christen in Albanien gemahnen. Ein anderer Bildabschnitt erinnert an gefolterte und getötete Bischöfe und Priester, unter ihnen auch Oscar Romero sowie Juan Gerardi und Giuseppe Puglisi – Letztere wurden von der Mafia ermordet. Außerdem ist auch jenes Kloster auf einer der russischen Solowezki-Inseln zu sehen, das einst zu einem Gulag umfunktioniert worden war. Abgebildet ist auch ein katholischer Priester, der dort interniert wurde und während der Haft einem greisen orthodoxen Popen beistand, indem er schwere Arbeit für ihn übernahm.

San Bartolomeo wurde im Jahre 2002 die Gedenkstätte der christlichen Neumärtyrer aus aller Welt. Mit der Eröffnung der Gedenkausstellung in Moskau wird nun an die Leidensgeschichte der größten Kirche des Landes erinnert und somit ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung geleistet.

Bereits im Jahre 1981 stand in einer Verfügung zur Aufnahme von Neumärtyrern in den Kalender der Heiligen durch die Erzbischöfe und Bischöfe der russisch-orthodoxen Auslandskirche zu lesen: „Wenn die vom Teufel besessenen hasserfüllten Feinde Gottes und der Kirche unsere Heimat, das russische Land, mit ihren widerwärtigen Lästerungen und ihrem Hass auf Gott besudelt haben, so wird sie doch zugleich durch das geheiligte Blut jener, die für den Glauben und die Wahrheit litten – die Neumärtyrer Russlands –, geläutert. Dieses Blut hat im Übermaß das russische Land getränkt und hat es geheiligt und gereinigt von dem Wahnsinn der Gottlosen und jener, die gegen Gott selbst kämpfen.“ Vielleicht vermag diese leidenschaftlich formulierte Passage widerzuspiegeln, welche Spuren die furchtbare Erfahrung, im eigenen Land von eigenen Landsleuten blutig verfolgt zu werden, im kollektiven Gedächtnis der russischen Christen hinterlassen haben.

Die Initiatoren der Einrichtung im Moskauer Diözesanhaus möchten diese Ausstellung nicht als konservierte Erinnerung in stillem Gedenken verstehen, sondern als ein leuchtendes Zeugnis des überwältigenden Sieges von Leben und Liebe, als Zeichen des Triumphes der Wahrheit Christi.

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