Glosse: Eine Hymne für das Niemandsland

Von Burkhardt Gorissen

Frau Rose-Möhring von der SPD… Frau wer? Jedenfalls hat sie. Ganz genau. Das Vaterland muss weg. Oder der Vater aus dem Land gestrichen… „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“, das klingt emanzipationstechnisch nach megaschwerem Fauxpas. Die SPD hat nämlich sonst keine Sorgen und wenn das Korrektheitspendel im Gender-Dreieck schwingt, gibt's kein Pardon. Länder wie Österreich und Kanada haben ihre Nationalhymnen nämlich schon geschlechterneutral umgeschrieben. Die Sprache muss keimfrei gemacht werden. Die Korrekten salutieren im Völlegefühl ihrer Trolleranz vor ihrem eigenen Ordnungswahn: eins, zwei, g'suffa. Schluckauf kann harmlos sein, mit der Ordnung ist das so eine Sache. Der Deutsche nimmt eben gern Haltung an. So oder so. Meistens eher so, denn Mann redet sich so leicht um Kopf und… Bei aller Sprachduselei, würde es hymnentechnisch nicht besser heißen: „Streitsüchtigkeit, Unrecht und Feigheit für das deutsche Niemandsland“? Vom Versmaß her eine Katastrophe. Aber „deutsches Vaterland“, Herrje, da sieht man förmlich einen Männerchor mittelalterlicher Provenienz. Kleine, rotwangige Muttersöhnchen, die sich weigern, ihren Ödipus-Komplex auf Freud's Couch zu legen und stattdessen bierselig vom Vaterland grölen. Das klingt nach Leberknödel und -zirrhose, kurzum, nach Männerdomäne, rassistisch, sexistisch und rein gendermäßig gesehen pulmonal beleidigend. Da bleibt einem die Luft weg! Denn es geht um mehr… Wer über das Bedürfnis diskutiert, dass Öffentliche Bedürfnisanstalten für drei Geschlechter eingerichtet sein müssen, muss das Vaterland abschaffen. Keine Diskussion! Aus, weg, vorbei. Sprechen wir nicht alle eine Muttersprache? Wollen wir nicht alle bemuttert werden? „Auferstanden aus Ruinen“, hieß das Elend von Hymne in der DDR. Die ist aber untergegangen, bevor sie richtig auferstanden war. Aber manche geistigen Ruinen blieben. „Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“, fragt Büchner in Dantons Tod. Heute ist es der Schrei nach Aufmerksamkeit, der die Sprache ruiniert. Der medusenhaft alle Wörter kastrieren muss, die nach Mann riechen. Überhaupt wäre es an der Zeit, dass alle Gartenzwerge rasiert und die Mainzelmännchen durchgegendert werden. Und hatte Doro- the Sölle nicht schon festgestellt, dass Gott eine Frau ist? Ab sofort müssen ganze Liedtexte neu geschrieben werden. Apropos SPD, da wäre ganz dringend eine Mitgliederbefragung nötig! Heißt die Nationalhymne der SPD nicht immer noch „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“? So schon mal gar nicht! Da muss das sozialistische Schwesternkränzchen für Neusprech ganz dringend einschreiten. Bei Hymnen jeglicher Couleur ist ab sofort eine zweigendernde Sprache, wie „Frau“, „Herr“, „Lieber“ oder „Liebe“ zu vermeiden. Alles, was „brüderlich“ ist, wird ab sofort mit der Neusprech-Dampframme zerbröselt: Vaterland, Vater Staat, Väterchen Frost, Papa Gnädig, Daddy Cool. Sexismus fängt da an, wo der Vater zum Land und die Mutter zur Erde wird. Mutter Erde. Oder Muttererde? Pax! „Ein neues Lied, ein besseres Lied, oh Freunde will ich euch dichten“… – nebbich, nicht wie Harry Heine weiland sang, sondern ein anderer, ein Anders, ein Christian: „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo, den es noch gestern gar nicht gab“… könnte es eine schönere Nationalhymne geben?

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Ehe für alle SPD

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