Glosse

Die "besten Namen der Nation"? Von Stefan Meetschen

Das Land der Dichter und Denker, das Land mit den besten Autos, Made in Germany – jaja. Die Deutschen lieben es, sich selbst mit Stolz und Selbstbewusstsein zu betrachten, zu präsentieren. Doch: Was bleibt von diesem Selbstbeweihräucherungs-Mythos noch übrig, wenn man ihn einmal ein bisschen genauer abklopft? Wer sind denn eigentlich diese sagenumwobenen großen deutschen Dichter und Denker, auf die man stolz sein soll? Wofür stehen sie?

Bereits Hugo Ball, der als Erfinder des Dadaismus, aber auch als Verfasser von Werken wie „Die Flucht aus der Zeit“, „Kritik der deutschen Intelligenz“ anhaltende Beachtung verdient, stellte sich vor mehr als hundert Jahren diese Fragen und kam zu niederschmetternden, für uns Heutige nicht ganz überraschenden Ergebnissen: Goethe, Hegel und Nietzsche befürworteten aus seiner Sicht „ein resolutes Antichristentum“ und betrachteten „den katholischen Ordo als ein bedeutungsloses Überbleibsel im Umkreise der modernen Bildung“. Keine wirklichen Vorbilder also – bei aller Genialität! Dass der Katholik Ball mit Martin Luther, der gewöhnlich in der nationalen Hall of Fame nicht fehlen darf, fremdelte und mit dem „Reformator“ mehr Schmach als Größe verband, verwundert ebenso wenig. „Luther trennte Deutschland von Rom“ und stand bei den Bauernkriegen eindeutig auf der falschen Seite. „Er hat Gott verraten an die Gewalt. Er schuf eine Religion für den Heeresgebrauch.“ Eine Religion, die mit dem preußischen Staat eine bedenkliche Allianz einging – große deutsche Denker (was Ball nicht vergisst) wie Kant und Hegel, aber auch Wilhelm von Humboldt nährte dieses System.

Über den Chefaufklärer Kant bemerkt Ball süffisant: „Es wäre leicht, den Nachweis zu erbringen, dass er als preußischer Staatsphilosoph gar nicht anders denken konnte. Die Augsburgische Konfession macht ihn zum religiösen Instrument seines Fürsten. Der Summepiskopus bestätigt seine Professur und er verpflichtet sich bei Amtsantritt, als treuer Untertan nur den Interessen und der Würde seines Landesherrn zu dienen.“ Ein freies, vorbildliches Leben stellt man sich anders vor. Also wieder Fehlanzeige. Doch auch Dichter wie Heine oder Hölderlin, die gewöhnlich zu den „besten Namen der Nation“ gerechnet werden, taugen wohl tatsächlich aufgrund der „Heftigkeit ihrer Verzweiflung“ nicht als Vorbilder. Wer aber bleibt dann noch?

Karl Marx, der in diesem Jubiläumsjahr auf gespenstische Weise salonfähig geworden ist, sogar in der Kirche? Wohl nur um den Preis, dass man die Theorie und Praxis seiner Lehre unzulässig beschönigt.

Ludwig van Beethoven, dessen Jubiläumsjahr vor der Tür steht? Wenn man Choleriker mit dämonischen Ausbrüchen mag, dann sicherlich; aber nur, weil man die Kreuze auf dem Notenblatt dramatisch zu setzen weiß, wird man noch nicht zu einer großen Persönlichkeit, oder?

Womit wir bei deutschen Erfindern und Autobauern wären, über die wir in Zeiten des Klimaschutzes und diverser Abgasskandale aber lieber nicht reden wollen. So wie wir – solange die BAMF-Affäre noch nicht restlos aufgeklärt ist – auch nicht über amtierende Jahrhundertpolitiker reden und urteilen wollen; zumal diese immer so merkwürdig unbeteiligt wirken, wenn es ums Eingemachte geht. Schade.

Wer oder was bleibt also von den großen Deutschen übrig? Dem Made in Germany des Geistes? Wollen wir es vielleicht mal mit Bescheidenheit versuchen? Mit Menschen, die einen Glauben mit Haltung gewagt haben? Anstelle einer Anti-Haltung? Denen Schmerzen und Niederlagen nicht fremd waren?

Johann Sebastian Bach

Anna Katharina Emmerick

Konrad Adenauer

Joseph Ratzinger (em. Bischof von Rom)

Sophie und Hans Scholl

Ernst Jünger

Albert Einstein

Okay, Immanuel Kant darf bleiben, weil sein kategorischer Imperativ für Nächstenliebe und Vernunft sensibilisiert.

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