Glosse

Deutsche, Perfektion und Videobeweis. Von Ingo Langner

Alle Welt weiß es. Alle Welt schüttelt deswegen über uns Deutsche den Kopf. Denn wie es scheint, gibt es kein anderes Volk auf Gottes weitem Erdenrund, das so sehr in die Perfektion verliebt ist wie wir.

Beispiele dafür gibt es in Hülle und Fülle. Von A wie Autobahn, über B wie Deutsche Bahn bis F wie (Berliner) Flughafen: es gibt nichts, an dem wir nicht solange herumbasteln, bis es so perfekt ist, das es perfekter gar nicht mehr geht.

Das jüngste Beispiel in dieser schier endlosen Kette, die sich wohl bis zu den Germanen zurückverfolgen ließe, findet derzeit auf den Fußballbundesligaplätzen unseres Landes statt und hört volkstümlich auf den Namen Videobeweis. Mit ihm soll der Fußball gerechter werden. Genauer gesagt, nicht der Ball als solcher. Denn der ist bekanntlich rund, und was könnte perfekter sein als eine Kugel. Nein. Hier ist das Spiel gemeint. Noch genauer: das Spiel an sich.

Das war bislang abhängig von einem Menschen, der zu keiner der beiden gegeneinander spielenden Mannschaften gehörte, und mit einer Trillerpfeife das Spiel immer dann unterbrechen durfte, wenn er etwas Regelwidriges gesehen hatte.

Dieser Mann, der früher immer schwarz trug, heißt Schiedsrichter (Kurzform im Stadion „Schiri“). Weil aber, wie im richtigen Leben, außerhalb der Spielfeldes auch innerhalb desselben das zum Tragen kommt, was die schlauen Angelsachsen in dem Satz zusammenfassen „Nobody is perfect“, ist es, wie könnte es anders sein, in manchen Spielen zu eindeutig falschen Entscheidungen gekommen.

Bislang musste man das ertragen. Ob man wollte oder nicht. Es gehörte irgendwie zum numinosen System des Fußballgottes, der bekanntlich eine ganz eigene Theologie der Gerechtigkeit pflegt. Wir Deutsche ertrugen sogar das sogenannte „Wembley-Tor“ von 1966. Das aus deutscher Sicht gar keines war, weil der von einem Engländer getretene Ball die deutsche Torlinie keineswegs überschritten, sondern nur touchiert hatte. Weswegen damals England Weltmeister wurde und nicht wir.

Doch im Zuge der fortschreitenden digitalen Fernsehtechnik fasste man beim Deutschen Fußballbund den Beschluss, Unsicherheiten ein für allemal unmöglich und so das Spiel endlich gerecht zu machen. Deswegen sitzt jetzt bei jedem Spiel in einem Kölner Keller ein Videoassistent, der fragwürdige Entscheidungen auf vor ihm aufgebauten diversen Monitoren solange in Zeitlupe und aus unterschiedlichen Kameraperspektiven begutachtet, bis er die in zehntelsekundenschnelle getroffene Entscheidung des Schiedsrichters auf dem Platz entweder bestätigen oder korrigieren kann.

Doch wegen der uns Deutschen vermutlich genetisch innewohnenden unstillbaren Neigung zur Perfektion (soviel Biologismus sei jetzt einfach mal erlaubt), ist diese neue Methode inzwischen zur Farce geworden und hat beispielsweise dazu geführt, dass die schon zur Halbzeitpause in ihren Kabinen sitzenden Mannschaften noch einmal aufs Feld mussten, um einen Elfmeter auszuführen, der wegen eines Handspiels nötig geworden war, das kein Mensch auf dem Platz und kein Zuschauer auf den Rängen gesehen hatte, sondern nur die Videoassistentin in ihrem Kölner Keller.

Deutsche können offenbar nicht anders. Was sich übrigens auch am Beispiel der Deutschen Bischofskonferenz exemplifizieren ließe. Denn dort ist dieser Tage der Versuch unternommen worden, die vom argentinischen Papst bewusst vage und unscharf gedachte neue Linie der sogenannten Einzelfallentscheidungen ins Perfekte zu überführen. Dass dabei Welten aufeinanderprallen würden, lag auf der Hand – eigentlich. Doch wie gesagt: der Deutsche will nun mal perfekt sein. Wenn es sein muss, auch auf Teufel komm raus.

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