Kraftquelle Glaube

„Ein schleichender Prozess“

Drei Jahrzehnte lebten Annika Müller und ihr Mann zusammen. Sie waren eine klassische, christliche Mittelstandsfamilie: mit zwei gemeinsamen Kindern. Aber ihr Mann verließ den gemeinsamen Haushalt. Im Glauben findet die Alleinerziehende Kraft.
Alleinerziehend – aber mit Gottes Hilfe
Foto: RT | Kein Einzelschicksal: Alleinerziehend – aber mit Gottes Hilfe.

Mir tat der erste Lockdown gut, denn davor war mein Alltag durch Termindruck und die Dreifachbelastung von Haushalt, Kindern und Arbeit bestimmt“, sagt Annika Müller. Das Homeoffice empfand sie für sich als positiv. Zwar ist Frau Müller nur 20 Wochenstunden in Teilzeit beschäftigt, „aber in meinem Job gibt es immer Termindruck und mein Anspruch ist hoch“. Annika Müller ist Mitte 40 und Mama von zwei Jungs im Alter von sieben und neun Jahren. Mit fünf Jahren kam sie 1981 mit ihrer Familie nach Deutschland. Geboren wurde sie in Oberschlesien, im heutigen Polen.

Ihr Leben als Mittelstandsfamilie bestand aus der klassischen Rollenverteilung: der Mann ist der Haupternährer und die Frau verdient etwas dazu, kümmert sich aber schwerpunktmäßig um die Kinder und den Haushalt. „Als die Kinder zur Welt kamen, waren die ersten Jahre sehr anstrengend und ich habe nur funktioniert.“ Der größere Teil der Familienarbeit lastete auf ihren Schultern. Sie hätte es gerne gemacht und „klar hat mein Mann auch mal geholfen, aber er war halt auch beruflich stark eingespannt“, erklärt sie die Lage entschuldigend, die das Leben von Millionen anderen Familien in Deutschland ebenso ausmachen.

Termindruck als Beziehungskiller

Auf die Kinder hätten sie und ihr Mann sich sehr gefreut. Jeweils ein Jahr lang blieb Annika nach der Geburt der Jungs zu Hause. Ihr Mann nicht. „Philipp und Niklas waren gewünscht und für mich immer im Fokus. Vielleicht zu sehr“, wird sie später einräumen, wenn es um die Gründe und Ursachen der Trennung von ihrem Ehemann geht. „Es war ein schleichender Prozess.“ Ihr Muttersein war immer von der Sorge um ihre Jungs geprägt. Aber offensichtlich verloren sich durch die Elternschaft und den Alltag die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Sie umschreibt es vorsichtig mit „es wurde immer weniger. Aus meiner Mama-Sicht verschob sich durch das einnehmende Wesen meiner kleinen Würmchen bei meinen Prioritäten schon einiges. Das ist doch normal, oder?“, fragt sie in den Raum. Rückblickend sieht sie sich als Gefangene ihres Alltags, aus dem es kein Entrinnen gab.

„Ich tanze gerne, aber das habe ich leider zu spät für mich erkannt.“ Zusammen mit ihrem Mann war sie im Tanzsportverein, wo am Sonntagabend von Walzer, über Foxtrott bis hin zu Tango geübt wurde. „Ich habe diese Tanztermine genossen, doch es waren für mich eben auch zusätzliche Termine, zu denen ich mich aufraffen musste, wo eigentlich am Wochenende schon mein Akku leer war.“ Eine gewisse Erschöpfung und Müdigkeit sind Frau Müller anzumerken. Die Unterhaltung gerät öfters ins Stocken. Sie sucht nach Worten und Erklärungen für ihre Lage als Alleinerziehende, die sie nie sein wollte. „Es war schön mit meinem Mann zum Tanz zu gehen. Aber vieles konnte ich nicht genießen.“ Offensichtlich killte der Termindruck den Spaßfaktor und die damit verbundene Entspannung, die eine gemeinsame Leidenschaft wie der Tanz mit sich gebracht hätte.

Frau Müller mag ihr Rollenbild

„Ich wollte immer für meine Kinder ein behütetes Zuhause. Sie sollten eine glückliche und gute Kindheit haben.“ Als Übermutter sieht sie sich dennoch nicht, sagt aber: „teilweise war ich gluckenhaft, weil ich für die Kinder immer nur das Beste wollte“. Dabei erzählt sie vom Linienbus, den die Grundschulkinder morgens in ihrem Ort nutzen und der sie in 20 bis 30 Minuten zur Schule bringt. „Soll ein Sechsjähriger früh um sieben allein durch die halbe Stadt mit dem Bus zur Schule fahren? Nein, das wollte ich nicht. Also haben wir die Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht.“ Das gehört für Annika Müller zu einer behüteten Kindheit. Also fährt sie bis heute ihre Jungs bis zur Schultür.

„Dass Frauen mit Kindern in Vollzeit arbeiten müssen, ist für mich nicht der Weisheit letzter Schluss." Annika Müller

Im Prinzip mag Frau Müller ihr tradiertes Rollenbild. Eine heile Familie war ihr stets wichtig. Sie hatte am Montag immer frei, so dass sie Essen kochen, Wäsche waschen und sich um den Haushalt kümmern konnte: „Das war für mich ein glücklicher Tag in der Woche.“ Da gab es nicht den Stress mit der Zerreißprobe zwischen Job und Familie. War ihr Mann damit auch zufrieden? „Grundsätzlich war mein Mann mit dieser Einteilung einverstanden und, er hat sich nicht beschwert“, sagt sie dazu lakonisch. Er wollte aber auch nicht, dass seine Frau noch ein weiteres Jahr für die Kinder zu Hause bleibt. Hier tut sich ein Feld von Widersprüchen auf. Näher darauf eingehen, möchte Annika Müller nicht. Die Diskrepanz der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Theorie und Praxis wird immer wieder von Frauen beklagt. Alleinerziehende leiden unter den Möglichkeiten und der Realität in den Unternehmen besonders.

„Dass Frauen mit Kindern in Vollzeit arbeiten müssen, ist für mich nicht der Weisheit letzter Schluss. Was wird da mit der Bindung zu den Kindern? Ich habe keine Kinder bekommen, damit sie in der Ganztagsbetreuung groß werden“, und Frau Müller meint, dass sie bisher vermutlich Glück mit ihrer Teilzeitstelle hatte und für ihre Jungs da sein konnte.

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Die Trennung hat sie nicht gewollt

Die Trennung von ihrem Mann, das betont Frau Müller öfters, hätte sie nicht gewollt. Bevor beide eine Eheberatung oder Mediation nutzen konnten, zog der Ehemann und Vater aus. Den Tränen nahe ergänzt sie: „Seine Familie zu verlassen, bleibt für mich unbegreiflich. Warum hat er nicht um uns gekämpft?“ Mit der Entscheidung ihres Mannes, auszuziehen und sich zu trennen, „wurde ich in das Modell der Alleinerziehenden hineingezwungen“. Ihr Mann ist evangelisch, trat aber aus der Kirche aus. Ihre beiden Kinder sind katholisch getauft und der ältere Sohn hatte bereits die Erstkommunion. Die Vorbereitung dazu im Religionsunterricht lief durch Corona fast nur online. Vom Ehemann und Vater wurde die katholische Erziehung mitgetragen. „Den Glauben und damit Orientierung an ihre Kinder weiter zu geben ist Frau Müller wichtig. „Tischgebete gehören zum Essen.“

„Ich bin katholisch großgezogen worden und habe die Werte von Ehe und Familie von meinen Eltern mit auf den Weg bekommen.“ Wo sie und ihre Familie herkommen, ist der sonntägliche Kirchgang ein fester Bestandteil des Familienlebens und der Glaube gehört zum Alltag. Ihre Eltern haben sicher auch Höhen und Tiefen durchlebt, aber eine Trennung stand nie im Raum.

Im Trennungsprozess ging Annika Müller häufiger in die Kirche und betete um Kraft für sich und die Kinder. „Man sollte als Familie zusammenhalten und füreinander einstehen“, diese Werte will sie ihren Jungs auf den Weg geben.

Nicht artig, sondern einzigartig

Zur Mutter-Kind-Kur wollte Annika Müller schon länger, „weil ich wusste, dass ich Kraft brauche“. Die Bescheinigung dafür erhielt sie recht unkompliziert von ihrem Hausarzt. Aber wegen Corona verschob sich der Beginn mehrfach. Auf der Internetseite der Maximilians-Klinik im Allgäu entdeckte Frau Müller die Sonderprogramme für Alleinerziehende und fühlte sich gleich davon angesprochen. „wir2 kannte ich vorher nicht, aber die Ziele dahinter, wie die Bindung zu den Kindern zu stärken, Kraft für sich selbst zurückzugewinnen – das fand ich interessant.“

Eine Freundin schenkte Annika Müller kürzlich eine Karte mit einem Spruch: „Sei nicht artig, sondern einzigartig.“ Diese Mutmach-Sprüche braucht sie gerade, um mit ihrer aktuellen Situation als Alleinerziehende besser zurecht zu kommen.

Die Namen in dieser Reportage sind zum Schutz der Kinder und ihrer Mutter verändert worden. Der Text ist gekürzt und basiert auf dem gleichnamigen Kapitel im Buch „Lasst uns nicht allein! Was Alleinerziehende und ihre Kinder nach der Trennung brauchen“, Herder Verlag 2022.

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