Aus aller Welt

Die Kirche als Anwältin der Indios

Als noch ernstlich darüber diskutiert wurde, ob die Bewohner der Neuen Welt Menschen sind, trat die Kirche für sie ein. Verschiedene Priester und Ordensleute setzten sich gegen handfeste Interessen für deren Menschenrechte ein. Später ergriffen auch einige den bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit Mexikos. Von José García
Pfarrer Miguel Hidalgo rief zum Aufstand gegen die Kolonialmacht
| Populär bis heute: Pfarrer Miguel Hidalgo rief zum Aufstand gegen die Kolonialmacht auf.Foto: IN

Bartolomé de las Casas (1484/5–1566) gilt als der große Anwalt der Indios gegenüber den gierigen Konquistadoren. Diese Auffassung vertrat er allerdings nicht von Anfang an. Auch er, der 1502 noch als Laie und Berater des Gouverneurs auf die Insel Hispaniola gelangte, wurde „Encomendero“: Er erhielt ein großes Landgut („Encomienda“) mit den darin so gut wie als Sklaven lebenden Indios zugeteilt. Um 1510 wurde Las Casas bei den Dominikanern zum Priester geweiht. Nach einem nachhaltig wirkenden Ereignis wird er aber zum glühenden Anwalt der Rechte der Indios. So hält der Priester Pfingsten 1514 eine Predigt, in der er die Behandlung der Indio-Sklaven anprangert. Die Kolonialpraxis der Spanier sei großes Unrecht und schwere Sünde.

Las Casas reist nach Spanien, um eine Reform der Gesetze über die Indianer zu erreichen. 1516 wird er zum Prokurator der Indios in Westindien ernannt mit der Aufgabe, zwischen den Interessen der Kolonisatoren und der Indios zu vermitteln und Vorschläge für neue Gesetze auszuarbeiten. 1520 erhält er die Erlaubnis, in Venezuela eine modellhafte Kolonie nach seinen Vorstellungen mit landwirtschaftlichen Genossenschaften von Indianern und Spaniern einzurichten, was aber wegen der Eroberung durch eine andere Expedition 1522 scheitert. Nachdem Las Casas 1523 Prior im Dominikanerkloster in Santo Domingo wurde, vermittelte er 1531 Frieden mit dem aufständischen Indianerhäuptling Enrique und verteidigte immer wieder die Indianer gegen Übergriffe.

Dank des Einsatzes von Las Casas erkannte Papst Paul III. 1537 in seiner Bulle „Sublimis Deus“ das volle Menschsein der Indianer an. Auf sein Eintreten für die Indios hin erließ Kaiser Karl V. 1542 die Neuen Gesetze zum Schutz der Indianer in allen neu eroberten Gebieten; sie wurden zu freien Untertanen, die Sklaverei abgeschafft, Indianer und Spanier steuerlich gleichgestellt. Im Alter von 60 Jahren wurde Las Casas 1544 zum Bischof von Chiapas ernannt mit Sitz in Villa Real de Chiapa. Heute heißt die Stadt nach ihm San Cristóbal de las Casas. Papst Franziskus wird sie besuchen. Las Casas' Einsatz für die Rechte der Indianer hatte nicht nur Auswirkungen in anderen Teilen Amerikas, etwa in Neu England, sondern wirkt bis heute nach; er wird deshalb auch als „Apostel der Indianer“ bezeichnet.

Las Casas' Schrift „Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder“ leitete sogar einen Paradigmenwechsel ein. Denn danach verbot die spanische Krone die Verwendung des Namens „Konquistador“ und ersetzte ihn durch „Siedler“. Allerdings trugen seine überspitzten Anklagen über die Ausbeutung der indigenen Völker auch dazu bei, die sogenannte Schwarze Legende entstehen zu lassen.

Ebenfalls als Laie reiste nach Mexiko der spätere Bischof Vasco de Quiroga (1470?–1565): Im Jahre 1530 wurde er zum „Oidor“ (Richter) in Mexiko ernannt. Über seine Arbeit in der Rechtsetzung hinaus kümmerte er sich um die Lage der indigenen Bevölkerung, die ihm am Herzen lag. Bereits 1531 gründete er ein Krankenhaus für Kranke, aber auch für Obdachlose. Dieser ersten Gründung folgten später sogenannte Krankenhaus-Dörfer. Dadurch, dass die Indios in einer Gemeinschaft lebten, wurden sie dem Zugriff der häufig erbarmungslosen Landgut-Verwalter entzogen. Vasco de Quiroga wurde später nach Michoacán entsandt, um sich ein Bild über die Lage der Purépechas-Indios zu machen. In seinem Bericht an den Gerichtspräsidenten prangerte er die Versklavung der Indios an. In Tzintzuntzan gründete er wiederum ein Krankenhaus-Dorf nach dem ausdrücklichen Vorbild der Schrift von Thomas Morus „Utopia“.

Nach seiner Priester- und Bischofsweihe 1537 setzte sich Vasco de Quiroga ebenfalls insbesondere für die indigene Bevölkerung ein. Bereits 1535 hatte er einen Bericht für Karl V. verfasst, in dem er die Indios gegen die „Encomenderos“ verteidigte. Die Landgut-Verwalter „haben kein Interesse daran, die Indios als Menschen anzusehen“. Die Indios „dürfen nicht die Freiheit verlieren“. Von den Indios aus Michoacán wurde er deshalb „Tata“ (Vater) genannt. Nachdem Vasco de Quiroga Bischof von Michoacán geworden war, gründete er nicht nur weitere Krankenhaus-Dörfer, sondern auch ein Kolleg, aus dem die heute noch bestehende Universität „San Nicolás“ von Morelia, Michoacán hervorging, sowie Berufsschulen, in denen ein Handwerk erlernt werden konnte. Um das Zusammenleben in solchen Gemeinden zu erleichtern, verfasste Bischof Quiroga eine Regel. Bis zu seinem Tod gab es in seiner Diözese etwa 200 Krankenhaus-Dörfer. Für den 1565 im hohen Alter verstorbenen Vasco de Quiroga wurde kürzlich der Seligsprechungsprozess eröffnet.

Anfang des 19. Jahrhunderts war das spanische Königtum in eine tiefe Krise geraten. Ferdinand, der Sohn des spanischen Königs Karl IV., hatte französische Truppen um Hilfe gegen Minister Godoy gerufen, der als Geliebter der Königin eine uneingeschränkte Macht genoss und zusammen mit ihr faktisch die Regierungsgeschäfte führte. Karl IV. floh nach Aranjuez, wo es im März 1808 zu einer Meuterei gegen den König kam. Karl IV. verzichtete daraufhin auf die Krone und reiste nach Frankreich, um den Schutz Napoleons zu suchen. Dieser erkannte den inzwischen vom Volk als Ferdinand VII. zum König ausgerufenen Sohn Karls nicht an, sondern zwang Karl IV., zugunsten seines Bruders Joseph Bonaparte auf den spanischen Thron zu verzichten. Bald darauf begann in Spanien der sogenannte Unabhängigkeitskrieg gegen die französische Herrschaft.

Die Unruhen im Mutterland ermutigten immer mehr Mexikaner, ihrerseits die Unabhängigkeit von Spanien zu erzwingen. So förderte seit 1808 der „Corregidor“ (Amtmann) von Querétaro, Miguel Domínguez, die Bildung eines „Amerikanischen Kongresses“, der für eine weitgehende Autonomie vom Mutterland sorgen sollte. Sie planten einen Aufstand gegen den Vizekönig Spaniens. Zu den „Aufständischen“ gehörten auch die beiden Priester Miguel Hidalgo und José María Morelos, die in der mexikanischen Geschichte eine zentrale Rolle spielen. Miguel Hidalgo (1753–1811) studierte zunächst im von Bischof Vasco de Quiroga gegründeten Kolleg San Nicolás in Morelia, Michoacán. Nachdem er in Mexiko Stadt das Theologie-Studium abgeschlossen hatte, kehrte er nach Morelia (damals noch „Valladolid“) zurück, wo er in San Nicolás Professor für Philosophie und Theologie sowie Rektor des Kollegs wurde. 1778 wurde er zum Priester geweiht. In der Pfarrei Dolores sammelte er nicht nur Literatur von Autoren, deren Einstellung als gegen die spanische Krone, aber auch gegen die Kirche angesehen wurde, sondern versuchte, die Lebensbedingungen der Indios zu verbessern. „Pfarrer Hidalgo“ errichtete auf eigene Kosten Werkstätten für Töpferei und Gerberei, führte Bienenzucht und Seidenraupen ein, pflanzte Weinstöcke für die Weinerzeugung sowie Olivenhaine. Darüber hinaus gründete er ein Orchester und ein Theater.

Am 16. September 1810 rief Miguel Hidalgo in Dolores zum bewaffneten Aufstand gegen die Kolonialmacht auf („Aufschrei von Dolores“). Allerdings ging es ihm noch nicht um Mexikos vollkommene Unabhängigkeit. Dieses Ziel trat erst später hinzu. Dennoch hatten die kirchlichen Autoritäten den gewaltsamen Kampf verurteilt. Hidalgo wurde als Häretiker erklärt und exkommuniziert. Am 21. Mai 1811 wurde er zusammen mit anderen Aufständischen gefangen genommen. Ein kirchliches Tribunal versetzte ihn in den Laienstand, das staatliche Gericht verurteilte ihn zum Tode. Zusammen mit anderen Freiheitskämpfern wurde Hidalgo am 30. Juli standrechtlich erschossen. Die Republik Mexiko ehrte ihn nach deren Gründung 1824 als „erster Aufständischer“ und „Pater patriae“. Der 16. September, der Tag, an dem Hidalgo in Dolores zum Aufstand aufrief, ist heute der mexikanische Nationalfeiertag.

Nach Hidalgos Tod übernahm den Unabhängigkeitskampf José María Morelos y Pavón (1765–1815). Kennengelernt hatten sie sich im Kolleg San Nicolás, wo Hidalgo Rektor war und Morelos 1790 Student wurde. Nach seinen Studien und einer Lehrtätigkeit in Uruapan wurde Morelos 1797 zum Priester geweiht. Jahrelang war er Pfarrer in verschiedenen Landpfarreien. Als 1810 Hidalgo zum Aufstand aufruft, besucht ihn Morelos. Eigentlich möchte er sich als Kaplan anbieten, aber Hidalgo gewinnt ihn als Kämpfer: Morelos soll im Süden Truppen zusammenstellen und den Hafen Acapulco einnehmen. Morelos wurde zu Hidalgos Stellvertreter. Als Begründung für den Aufstand führte er an: „Da sich Spanien in den Händen der Franzosen befindet und die in Amerika niedergelassenen Spanier mit Napoleon gemeinsame Sache machen, um ihre Macht zu sichern, müssen alle Amerikaner zusammenhalten, um das Land und die Religion zu verteidigen.“ Die neue Regierung sollte etwa auch die Sklaverei abschaffen.

Bis zum Jahre 1813 lieferte sich Morelos mehrere Gefechte mit spanischen Armeeeinheiten, in denen er sich als fähiger Stratege erwies. Aufgrund seiner militärischen Erfolge, aber auch wegen seiner Ausstrahlung wurde er die führende Persönlichkeit auf dem Kongress von Chilpancingo, auf dem am 6. November 1813 die Unabhängigkeit Mexikos ausgerufen wurde. Morelos erhielt weitgehende Befugnisse, um die Grundlagen einer Verfassung zu entwerfen, die 1814 vom Kongress angenommen wurde.

Nach seiner Gefangennahme im Jahre 1815 verlor José María Morelos durch ein kirchliches Gericht den Klerikerstand. Das staatliche Gericht verurteilte ihn zum Tode. Ehe er am 22. Dezember 1815 standrechtlich erschossen wurde, konnte Morelos allerdings die Sterbesakramente empfangen. Sowohl die Stadt Morelia im Bundesstaat Michoacán, die Papst Franziskus besuchen wird, als auch der Bundesstaat Morelos führen ihre Namen auf José María Morelos zurück.

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