Arbeiterpriester

Der spannende Lebensweg von Georg Lauscher

Zwischen Fließband und Altar: Der spannende Lebensweg von Arbeiterpriester Georg Lauscher.
Pfarrer Georg Lauscher
Foto: Gerd Felder | Mitleid mit Jesus: Pfarrer Georg Lauscher.

Er war Kaplan, Fabrikarbeiter, Mönch auf Zeit und ist Mitglied der Priestergemeinschaft Charles de Foucauld. Er hat sich die Hände buchstäblich schmutzig gemacht, ist handfest-zupackend und andererseits ein zutiefst spiritueller Mensch, ja ein Mystiker des Alltags. Er steht manchem in der Kirche auch kritisch gegenüber und kann zugleich von sich sagen: „Ich liebe die Kirche, denn sie weist einen unglaublichen Reichtum auf.“ Für den in Aachen lebenden Priester Georg Lauscher gibt es keine Gegensätze zwischen vita activa und vita contemplativa, Hingabe an Gott und Hingabe an die Menschen, entschiedenem Glauben und bohrend nachfragendem Unglauben, der Liebe zu Gott und dem Leiden mit Gott. Der charmante, umgängliche Rheinländer vereint scheinbar Unvereinbares in seiner Person und kann auf ein bewegtes Leben zurückschauen.

Weinen am Karfreitag

Geboren und aufgewachsen ist er im rheinischen Wassenberg. Er erinnert sich gut, wie er als Achtjähriger am Karfreitag die Leidensgeschichte Jesu hörte und pausenlos weinte. „Ich habe gedacht: Jesus, was machen die da mit dir?“, erzählt der Priester von diesem frühen Glaubenserlebnis. „Wie grausam können Menschen sein! Und du kannst dich nicht wehren!“ Er empfand damals Mitleid mit dem gefolterten Jesus und eine natürliche Verbundenheit mit ihm. Viele Jahre später, 1975, entschied er sich, katholische Theologie zu studieren und Priester zu werden, zog ins Bonner Theologenkonvikt des Bistums Aachen und lernte in der damaligen Bundeshauptstadt Obdachlose kennen. Indem er sich zusammen mit anderen Theologiestudenten für sie engagierte, gelang es ihm mehr und mehr, mit den Mustern seines herkömmlichen Milieus zu brechen. Noch während des Studiums zog er in eine Bonner Siedlung, suchte aber weiterhin regelmäßig die Präsenzbibliothek im Theologenkonvikt auf, um sich dort intensiv auf das Diplom vorzubereiten. „Ich musste mir klarwerden, ob ich zölibatär leben kann. Pfarrer zu werden, das war mir zu eng“, bekennt Lauscher im Rückblick. „Sozialarbeiter wollte ich nicht werden, weil ich mehr vom Glauben her kam.“

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Die Konsequenz war, dass er in die Nähe einer Gemeinschaft der Kleinen Brüder in Duisburg zog und als Ungelernter ein Jahr bei Thyssen in der Stahlindustrie arbeitete – in Schichtarbeit, oft nachts und am Wochenende. Dem konsequenten, das Evangelium radikal verstehenden jungen Mann wurde im Laufe der Zeit klar, dass er seinem bürgerlichen Herkunftsmilieu trotz aller Kritik viel zu verdanken hat; in dieses Milieu zurückkehren aber wollte er auch nicht. „Ich bin sozusagen drinnen und draußen – bis heute“, kommentiert der unkonventionelle und zugleich liebenswürdig-verbindliche Priester.

Menschen in der Arbeitswelt bestärken

Lauscher ging ins Priesterseminar und wurde vom damaligen Bischof Klaus Hemmerle zum Priester geweiht. Ermutigend war für ihn, dass der Bischof großes Interesse für seinen Werdegang zeigte und in regelmäßigen Abständen von ihm hören wollte. Nach seiner Kaplanstelle im Eifelort Mechernich wurde er priesterlicher Mitarbeiter in der Arbeitsstelle der KAB und CAJ in Herzogenrath bei Aachen. „Ich habe dort viel mit Gruppen gearbeitet und wollte die Menschen in der Arbeitswelt bestärken, für sich selbst einzustehen.“ Vor der Gewerkschaftsarbeit und den politischen Aktivitäten in der Herzogenrather Einrichtung habe er stets hohen Respekt gehabt, aber politisches Reden und Agieren seien doch nicht seine Sache.

Anschließend arbeitete er drei Jahre lang in Zehn-Stunden-Schichten Tag und Nacht in einer Mönchengladbacher Textilfabrik. „Ich wohnte in einem Brennpunktviertel, und obwohl ich nicht als Priester erkennbar war, haben die Kollegen und Nachbarn mir sehr viel anvertraut“, berichtet er. „Ich war für sie der ,Kollege Georg‘, der sie achtete und ihnen zuhörte.“ Sein einschneidendstes Erlebnis: In der Textilfabrik rettete Ali, ein türkischer Muslim, seine rechte Hand, die im nächsten Moment von einer zentnerschweren Kaule zerquetscht worden wäre.

Viele haben die Leidenschaft verloren

Der Arbeit in der Textilfabrik folgte die Fließbandarbeit in einer Druckerei, bevor ihm im Jahr 2002 vom damaligen Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff angetragen wurde, die Stelle des Spirituals im damaligen Bonner Theologenkonvikt Pauluskolleg zu übernehmen. „Das war für mich zunächst ein Schock, denn ich hatte es als meine Lebensentscheidung betrachtet, im entkirchlichten Milieu zu leben und zu arbeiten“, erklärt Lauscher. „Außerdem sehe ich mich nicht als idealen Priester, doch es war für mich eine Frage des Gehorsams, dem Wunsch des Bischofs zu folgen.“ Seit 2009 ist er als Spiritual in der Ausbildung der Diakone und Priester sowie für die geistliche Begleitung der Hauptamtlichen im pastoralen Dienst zuständig. Der Titel „Pfarrer“, nach dem er sich nie gedrängt hat, ist ihm inzwischen ehrenhalber verliehen worden; seit mehreren Jahren ist er außerdem Mitglied des Priesterrats. Durch die Einzelbegleitung von Menschen, auf die er sich voll und ganz eingelassen hat, hat er selbst viel gelernt. „Ich erlebe die Hauptamtlichen als oft bedrückt, vor allem durch den Missbrauchsskandal“, stellt er fest. „Viele haben dadurch an Feuer und Leidenschaft verloren, suchen aber einen aufrichtigen Weg in der Kirche.“

Das Geschenk des Lebensatems

Und dann ist da noch das Thema Corona. Lauscher hatte Ende März 2020 nach Einkehrtagen fast eine Woche lang mit Atemnot zu kämpfen und wies sich selbst ins Aachener Luisenhospital ein, wo eine doppelseitige Lungenentzündung und eine Corona-Infektion festgestellt wurden. „Ich fühlte mich total schlapp und erschöpft, hatte auch meinen Geschmackssinn verloren“, schaut der 65-jährige zurück. „Als ich nur ganz schwer atmen konnte, ist mir bewusst geworden: Ich lebe vom Geschenk des Lebensatems.“

Schon immer hatte er sich mit Mystikern wie Meister Eckhart, Johannes vom Kreuz, Charles de Foucauld und Teresa von Avila beschäftigt und dabei die Überzeugung gewonnen: Er darf totales Vertrauen „ins Dunkel hinein“ haben, wo nicht etwa nichts, sondern Gott ist. Inzwischen hat er sich von der Corona-Erkrankung weitgehend erholt, braucht aber noch längere Pausen und ist schneller erschöpft als vorher. Doch untätig gemacht hat ihn die Erkrankung keineswegs. Ganz im Gegenteil: In und mit einem in dieser schweren Zeit entstandenen Buch über „Lebenskrisen und ihre Botschaften“ hat er ein überzeugendes Plädoyer dafür veröffentlicht, dass Krisen und Brüche Anfänge und Übergänge zu einem lebendigeren Leben werden können.

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