Aus aller Welt

Der Geläuterte

Thomas Middelhoff war ganz oben und ganz unten: Der Glaube gibt ihm das richtige Maß. Von Burkhardt Gorissen
Thomas Middelhoff
Foto: dpa | Zurück zu Gott: Ex-Manager Thomas Middelhoff liest wieder die Bibel.

Bis 2009 galt Thomas Middelhoff als der Top-Manager in Deutschland. Er bescherte dem Medienriesen Bertelsmann Gewinne, machte aus der Karstadt Quelle AG Arcandor. Es war eine dunkle Welt, in der Thomas Middelhoff sich bewegte, die Welt des schnellen Geldes und des schönen Scheins. Status und Stolz bestimmen den Marktwert. Aufgehellt wird sie nur durch die Medien, die alles Mögliche und Unmögliche ans Licht der Öffentlichkeit zerren. Was das Handelsblatt nicht regelt, wird auf dem Boulevard abgehandelt. Börsen-Gurus und Abzocker defilieren mit Jet-Set-Clowns und Charity-Queens über rote Teppiche und fallen die Showtreppe, die sich Karriereleiter nennt, hinauf. Hier inszenieren sich saturierte Reiche und Ewig-Erfolgreiche, deren Lächeln so künstlich wirkt, wie Lipgloss und Lidstrich. Alles ist aufgesetzt, alles dick aufgetragen, Kajal und Silikon, Börsenpapiere und Hyaluronsäure. Was zählt, sind Botox-Charme und Haifischzähne. Und Seelenschminke. Denn ungeschminkt hält die Seele das grelle Licht des Selbstbetrugs nicht aus. Man geht wie auf Eiern in dieser Welt, in der man keine Fehler macht, und wenn doch, darf man sie nicht zugeben. Verlierer haben im Kosmos der Global Player nichts zu suchen. Auch Topmanager Middelhoff brauchte einen langen Weg.

Nach der Arcandor- Pleite wurde er, einer der einflussreichsten Manager Deutschlands, wegen Untreue zu Lasten des Handelskonzerns angeklagt. Damit endete seine glanzvolle und schillernde Karriere, die ihn „top of the world“ führte. Am 14. November 2014 verurteilte das Landgericht Essen den Erfolgsverwöhnten wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung in drei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren. Game over, schlagzeilenträchtig. Middelhoff war den Medienhaien zum Fraß vorgeworfen worden. Es sollte noch schlimmer kommen, sein Vermögen verlor er durch Privatinsolvenz. Hinzu kam die Scheidung nach 45 Ehejahren. Zum privaten Ungemach kam die schwere Autoimmunkrankheit Chilblain Lupus. Eine Krankheit, die eigentlich vorwiegend bei Frauen auftritt und mit Kälteempfindlichkeit zu tun hat, die dazu führt, dass sich der Körper selbst bekämpft. Bis zu seinem Breakdown führte er ein Luxusleben – Dekadenz inklusive – mit Villa im südfranzösischen Nobelort St. Tropez und der dazugehörigen Luxusjacht im Wert von mehreren Millionen. Wie ging doch gleich die Geschichte vom reichen Mann und von Lazarus? Heute kann er sagen: „Mein Gott, wenn Ihr das hättet – Ihr wärt nicht glücklich. Denn ich weiß es! Es macht nicht glücklicher.“ Damals entschied er über den Abbau tausender Stellen beim Vorstands-Trip ins luxuriöse Saint Tropez, zu dem er sonnenköniggleich geladen hatte. An nur einem Wochenende in New York soll er 90 000 Euro Spesen verursacht haben, während er Karstadt-Mitarbeitern im selben Jahr das Weihnachtsgeld strich. Hedonismus sei eine Triebfeder seines Handelns gewesen, weiß er inzwischen. Die Rolle des Topmanagers habe er „zunehmend selbstverliebt“ ausgefüllt, ein Workaholic, zuletzt arbeitete er 90 Stunden in der Woche. Ablenkung, bis zur Besinnungslosigkeit. Neue Lebensorientierung erhielt Middelhoff im Gefängnis.

Auf dem Katholikentag in Münster, im Mai 2018, berichtete er bei einem ergreifenden Podiumsgespräch, wie er im Gefängnis seinen in der Kindheit vermittelten katholischen Glauben wiederentdeckte, täglich den Rosenkranz betete und zum ersten Mal seit seinem 16. Lebensjahr wieder zur Beichte ging.

Hätte er nicht den totalen Zusammenbruch erlebt, dann wäre er heute wahrscheinlich „ein gelangweilter Multi-Aufsichtsrat“. Stattdessen schreibt er inzwischen Bücher und hält Vorträge, wobei ihm das Gespräch mit jungen Menschen besonders am Herzen liegt. In einer TV-Produktion von „Kirche in Not“ sagte Middelhoff im Gespräch mit Moderator Anselm Blumberg, „Ich habe mir verordnet, jeden Tag eine halbe Stunde in der Bibel zu lesen“. Angefangen hat er chronologisch mit dem Schöpfungsbericht in Genesis, „und fand natürlich Hiob sehr spannend (…) und habe gedacht, wie gut hast du's eigentlich, so etwas, das Hiob abverlangt worden ist, ist dir ja doch nicht abverlangt worden“. Da ist jemand, der Zeugnis ablegt, nicht selbstgerecht, nicht bitter, sondern getragen von dem, was unserer Gesellschaft am meisten fehlt: Heiliger Geist.

In seiner Autobiografie dokumentiert er seine bleierne Zeit. Der Tag, der sein Leben für immer veränderte, hat sich tief in seine Erinnerung eingraviert: Der letzte Blick aus dem Fenster, das Verlassen der vertrauten Umgebung, der Canossagang. Asche und Atem. Mit „Heile Welt“ überschrieb er das schmerzliche Kapitel, das verdeutlicht, wie tief er am Tag der Urteilsverkündigung gestürzt ist. Noch im Gerichtsgebäude erledigte er geschäftliche E-Mails und Telefonate. Offenbar gab es für einen wichtigen Mann wie ihn nicht die Möglichkeit des Scheiterns. Fiscius non erubescit. Das Urteil nahm er eher bestürzt als überrascht zur Kenntnis: „Für alle schien die Urteilsverkündung eine reine Formalie zu sein. An einem Freispruch gab es nicht den geringsten Zweifel.“ Seine Rettung: Es war nicht der Tag des Gerichts, kein Gottesurteil, das gefällt wurde. Doch ein Schicksalswink. In seiner Zelle musste er bei einstelligen Temperaturen frieren. Als er an einer Autoimmunkrankheit erkrankte, tat ein Amtsarzt die fortschreitenden Symptome wiederholt als Fußpilz ab – ohne untersucht zu haben. Ein Weg durch eine danteske Vorhölle.

Spürbare Zuwendung durch Menschen mit Behinderung

Aktenkundig sind die Vergehen, gebeichtet die Sünden. Zur To-do-Liste eines Christen gehört, sich Rechenschaft über alles Tun abzugeben. Jeden Tag. „Was mich verändert hat, neben der Frage Gefängnis (…) war die Tätigkeit als Freigänger in Bethel, die Arbeit mit Behinderten. Sie haben mir Demut gezeigt, sie haben mir gezeigt, was Schicksale bedeuten und sie haben mir gezeigt, was Menschlichkeit bedeutet“, sagte Middelhoff im Gespräch mit „Kirche in Not“, „Ich war ja 35 Jahre als Manager tätig, da habe ich so eine Form der Dankbarkeit und der menschlichen Zuwendung auch nicht ansatzweise erlebt.“

Es ist ein weiter Bogen, von den Kindertagen in Düsseldorf und Ratingen, drittes von fünf Kindern einer katholischen Unternehmerfamilie. Da ist der märchenhaft anmutende Aufstieg in die Welt der Jet-Clipper, des digitalen Wahnsinns und Shareholder-Value-Rauschs. „Die Höhe reizt uns, nicht die Stufen“, gab Goethe in „Wilhelm Meisters Wanderjahren“ zu wissen. Fast scheint es unvorstellbar, dass wir immer nur einen Herzschlag von Gott entfernt sind. Und wir bemerken es erst, wenn wir still werden und in uns hineinhorchen. Thomas Middelhoff hat es geschafft. Einstweilen.

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