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Chiemgau: Leistungssport und lebende Legenden

Spitzensport, Charakterköpfe und zauberhafte Schneelandschaften machen aus dem Chiemgau die perfekte Urlaubsdestination zum Jahresbeginn.
Reit im Winkl ist rund ums Jahr ein Wanderparadies.
Foto: Annette Frühauf

Auf die Kufen, fertig, los: Das weiße, geschwungene Dach der großen Halle vor Inzell erinnert an Wolken. Weiße, kugelige Bögen sorgen beim Eislaufen in der Max Aicher Arena für Tageslicht. Stahlbetonstützen tragen das Dach der Halle, das laut Eismeister Toni Doppler die schnellste Eisbahn Europas überspannt. Dank des Kälteschirms ist es möglich, energieschonend für die optimale Eisqualität zu sorgen, die die Eischnellläufer bei den Weltklasse-Events nur so übers Eis fliegen lässt. Bei den Führungen durch die Halle blickt man durch die Glasfront auf die Berge und den Zwingsee. Hautnah erlebt man das Eis beim Eislaufen, denn auf die spiegelglatte Fläche darf jeder. 

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Die Geschichte vom Eisschnelllauf begann in Inzell allerdings nicht in einer Halle, sondern auf dem idyllischen Frillensee und das bereits vor über 60 Jahren. Der kälteste See Deutschlands liegt außerhalb des Ortes und fror meistens bereits im Spätherbst zu. Die starken Schneefälle im Winter verhinderten lange Zeit das Eislaufen auf dem Natureis. Doch 1959 erschloss man den See dann doch als Trainings- und Wettkampfzentrum zum Eisschnelllauf.

Bayerische Gastlichkeit und kulinarische Spezialitäten

„Der Weg zum Frillensee ist zwar etwas beschwerlich, aber die blanke Fläche vor den mächtigen Bergen eine perfekte Kulisse“, sagt Toni Doppler. Der Eismeister hat nicht zu viel versprochen und die Wanderung vom Forsthaus Adlgaß zum Bergsee ist richtig romantisch – inklusive „Winter Wonderland“.  Das Adlgaß war einst dem Kloster Sankt Zeno in Bad Reichenhall unterstellt. Der Türstock des Gebäudes trägt die Jahreszahl 1765. Erst viele Jahre später wird es zum Forsthaus, in dem heute die bayrische Gastlichkeit und kulinarische Spezialitäten wie Wildgerichte zur Einkehr einladen. 

Die Äste der Bäume entlang des Bachlaufs und zum Frillensee sind tief verschneit und biegen sich unter der Schneelast nach unten. Waren noch nicht viele Winterwanderer unterwegs, muss man sich seinen Weg selbst bahnen. Dann taucht der See auf. Er liegt unter einer weichen, weißen Decke. Hier fand also das Training der deutschen Spitzensportler im Eisschnelllauf statt und im Januar 1960 die Bayerische und Deutsche Meisterschaft im Eisschnelllaufen. Zu diesem Ereignis wanderten mehrere Tausend Zuschauer hierher. 

Fritz Fischer zeigt Besuchern der Chiemgau-Arena die Handhabung der Biathlon-Kleinkaliber-Waffe.
Foto: Annette Frühauf | Fritz Fischer macht's vor: Die bayerische Biathlon-Legende zeigt Besuchern der Chiemgau-Arena die Handhabung der Biathlon-Kleinkaliber-Waffe. Wer will, darf es danach selbst ausprobieren.

Es war der lange Weg und die harten winterlichen Bedingungen, die sogar den Einsatz der Gebirgsjäger beim Räumen nötig machten, und die dann bereits drei Jahre später die „Ära Frillensee“ wieder beendeten. Doch der Eisschnelllauf ließ die Menschen in Inzell nicht mehr los und die Gemeinde errichtete mit zahlreicher Unterstützung, unter anderem vom Freistaat Bayern und dem „Deutschen Eisschnelllauf-Club Frillensee“, ein Natureisstadion, das bald darauf zu einem Kunsteisstadion umgestaltet wurde und zum ersten Bundesleistungszentrum Deutschlands erklärt wurde. Auch heute präsentiert sich der See von seiner frostigen Seite. Es schneit wieder und die Wolken hängen tief über dem See – kein Wetter zum Eislaufen, dafür aber zum Innehalten und Durchschnaufen.

Mit Schneeschuhen durch den Tiefschnee

 Von Inzell aus geht es ab in den Tiefschnee: Reit im Winkl ist ein Wanderparadies mit gleich zwei sogenannten Premium-Winterwanderwegen. „Wir haben mit dem Premium Winterwanderweg ,Hemmersuppenalm‘ und ,Kaiserblick‘ die beiden ersten zertifizierten Winterwanderwege in Deutschland“, sagt Sepp Haslberger, Schneeschuhführer und Wanderguide mit viel Ortserfahrung und einem noch größeren Geschichtswissen rund ums Chiemgau – ein echtes Chiemgauer Original. Kein Wunder, denn vor seiner Pensionierung unterrichtete er jahrelang als Lehrer und führte bereits Wanderungen und Schneeschuhtouren in der Region durch. Auf die Schneeschuhe, die sich auch für Ungeübte für einen Spaziergang im Winter eignen, geht es auch heute, und zwar mit Startpunkt vor der Hindenburghütte. Zu dem Bergrestaurant in   260 Meter Höhe fahren Shuttles. Der Premium Winterwanderweg Hemmersuppenalm beginnt gleich hinter dem Gasthof und die Landschaft mit dem frisch gefallenen Schnee könnte nicht schöner sein. 

Die Wege sind gewalzt, so dass der Schneeschuhführer sie bald verlässt und in den Tiefschnee abbiegt. Um keine Tiere aufzuschrecken ist es wichtig, dass man die grünen Schilder des Deutschen Alpenvereins beachtet, denn Schutzgebiete sind tabu. Der Schnee knirscht unter den Füßen, die sich Schritt für Schritt den Berg hocharbeiten. Nachdem der Hügel überwunden ist, geht es auf den Winterwanderweg zurück und schließlich zur Sankt Anna-Kapelle, die seit 1906 hier steht. Sepp Hasl-berger überrascht mit seiner poetischen Seite und rezitiert ein Gedicht – passend zur Umgebung, die in tiefen Winterschlaf versunken zu sein scheint. Dann senkt sich kurz Stille über die kleine Gruppe und einzelne Blicke schweifen zur kleinen Kapelle, die schneebedeckt den Kräften der Natur trotzt. Bei guter Sicht sieht man von hier das Kaisergebirge, die Kitzbühler und Chiemgauer Alpen, mit dem Geigelstein und der Kampenwand. 

Dann geht es zurück zur Hindenburghütte, von der aus man nach einem guten Mahl auf der rund vier Kilometer langen Naturrodelbahn zurück ins Tal flitzen kann. Nicht weit von hier liegt die Winkelmoos-Alm. Hier wuchs die Olympiasiegerin Rosi Mittermaier auf und lernte Skifahren. „Gold-Rosi” gewann 1976 zweimal Gold – im Slalom und in der Abfahrt – sowie einmal Silber im Riesenslalom und wurde im selben Jahr auch noch Gesamtweltcupsiegerin. Anfang 2023 starb die bekannte Skifahrerin in Garmisch-Partenkirchen. Die Winkelmoos-Alm ist inzwischen ein Hotel.

Hochburg des Biathlon

 In Ruhpolding, neben Inzell und Reit im Winkl dem dritten größeren Ort im Chiemgau, steht die Chiemgau Arena. Hier hat gerade wieder der Biathlon-Weltcup stattgefunden. Das sportliche Herzstück ist eine der modernsten Wintersport-Arenen der Welt. Hier fanden über 40 Biathlon-Weltcups und vier Biathlon-Weltmeisterschaften statt und ganzjährig trainieren die Athleten in vier olympischen Sportarten. Bei den regelmäßigen Führungen erlebt man das Flair dieses Sports und wer selbst aktiv werden möchte, kann das beim Biathlonschießen mit Fritz Fischer tun, der von 1980 bis 1993 zur Deutschen Biathlon-Nationalmannschaft gehörte, bevor er seine Trainerausbildung absolvierte und nun hier ein Biathlon-Camp betreibt, um den Sport erlebbar zu machen. Unter Anleitung erlernt man dabei den Umgang mit der Biathlon-Kleinkaliber-Waffe. Wie die Profis wird dabei auf der Weltcup- und Weltmeisterschaftsanlage auf die Schießscheiben in 50 Meter Entfernung gezielt. „Ein Auge schließen, tief einatmen und beim Ausatmen abdrücken“, lautet die Anweisung von Fritz Fischer, der bayrischen Biathlon-Legende. Tatsächlich trifft die Kugel die Zielscheibe, das ist doch gar nicht so schwer. Allerdings schießen die Biathleten im Wettkampf, wenn sie außer Atem vom Langlaufsprint im Schießstand ankommen. Einen Eindruck von der weitläufigen Anlage und dem Sport bekommt man auch bei einer der Führungen, die regelmäßig stattfinden. Abends ist Langlaufen mit Flutlicht möglich. 

Ein Kontrast zur quirligen Sportstätte ist der alte Bergfriedhof von Ruhpolding, der über dem Ort ruht, oberhalb der Pfarrkirche Sankt Georg, die Mitte des 18. Jahrhunderts im Rokoko-Stil erbaut wurde. Ihre Vorläufer standen erhöht, direkt auf dem Bergfriedhof. Die Friedhofsmauer stammt noch aus dem Jahr 1776. Damals wurden Ungläubige noch außerhalb begraben. Es gibt auch noch eine alte Friedhofskapelle, die Mitte des 20. Jahrhunderts zur Gruftkapelle umgestaltet wurde und in der die Geistlichen des Ortes beigesetzt wurden. Der Blick über die zahlreichen gemauerten Grabstätten, die sich terrassenförmig den Hang hinaufziehen, ist eindrucksvoll. Von ganz oben schweift der Blick ins Tal und über das Chiemgau, das so viele verschiedene Facetten hat.

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Annette Frühauf

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