Aus aller Welt

Bibel, Natur und Stille

Die Moderne hat in Finnland nicht das letzte Wort: Das normale Leben bleibt möglich. Von Beile Ratut
Finnen sind verhaltene Menschen
Foto: BRat | Finnen sind zwar verhaltene Menschen, doch Elsa ist zuversichtlich.

Winterzeit – das ist auch in Finnland die Zeit der Dunkelheit. Die Tage sind kürzer, die Geschäftigkeit bedächtiger. Unheimlich erscheint die Dunkelheit, wenn man sie nicht kennt, manche Stadtmenschen fürchten sie sogar – doch wenn man in ihr verwurzelt ist, dann ist sie heilsam, mild, beschwichtigend. In dieser Dunkelheit in Zentralfinnland sitzt Elsa, sie ist viel allein. Obwohl sie über siebzig ist, bleibt sie auf dem Land. Ein Nachbar ist hier nicht jemand, der zweihundert Meter entfernt sein Haus hat – es können auch viele Kilometer sein. Doch die Nachbarn helfen ihr: Leena bringt ihr frische Eier, Niilo schaut nach ihrem Ofen, Martti nimmt sie mit zu einem Arzttermin in die nächste Ortschaft.

Was geerntet wird, liegt nie im eigenen Ermessen

Es ist einsam geworden auf dem Land, die neue ruhelose Welt des Konsums und der Freiheiten zieht immer mehr Menschen in die Städte. Früher, da lebten auf den Höfen noch viele Menschen miteinander, an den Sonntagen wechselte man sich ab, ein paar gaben auf Haus und Vieh acht, während die anderen sich auf den Weg machten, um weit fort den Gottesdienst zu besuchen. Elsa ist auf einem abgelegenen Hof aufgewachsen, zur Schule gelangte man mit dem Ruderboot und im Winter auf Skiern über den vereisten See. In der Schule lernte sie die Bibelgeschichten kennen, in der Bibelstunde Jesus und sein Wundertun, und ihre eigene Großmutter lehrte sie, was Glauben heißt: Leben und Tod, Vergebung und Demut, Sterben und Auferstehen – für Menschen wie Elsa sind es Gewissheiten.

Die meisten Finnen sind tief in einer von Landwirtschaft geprägten Kultur verwurzelt. Aber in der Natur kann man noch so tadellos arbeiten – was geerntet wird, liegt nie im eigenen Ermessen. Die Zeit für Aussaat, Wachstum und Reife ist kurz, die sommerliche Natur zugleich zauberhaft und rau. Finnland kennt Hungerjahre, in denen die Ernte komplett dem Frost zum Opfer fiel. Umso tiefer kann sich der Glaube in die finnische Seele eingraben. Das Wissen, dass es nicht an einem selbst liegt – in der Weite der finnischen Natur stellt es sich wie von selbst ein, und es nährt sich aus dem über Jahrhunderte hochgehaltenen biblischen Wissen. Zugegeben, sehr katholisch ist Finnland nicht. Es ist das womöglich lutherischste Land der Erde, lange gehören fast alle Menschen der lutherischen Kirche an; doch in den vergangenen Jahren sind es stetig weniger geworden. Etwa im 8. Jahrhundert kommt der christliche Glaube nach Finnland. Die Einflüsse der katholischen Kirche und des sich entwickelnden schwedischen Reichs machen aus Finnland ein westliches Land, die orthodoxe Kirche bleibt eher auf den Osten und Karelien beschränkt. Als Folge der Reformation verarmt die Kirche, Klöster werden geschlossen, doch es entsteht eine finnische Literatur und Kultur – das heute gerühmte finnische Bildungssystem hat tiefe Wurzeln.

Die Kirche bleibt in Finnland jahrhundertelang bestimmend, die Mitgliedschaft ist gar verpflichtend, und heiraten darf nur, wer seinen Katechismus kennt. Bemerkenswert sei, so der Kirchenhistoriker Timo Junkkaala, dass die großen Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts sich innerkirchlich abspielten und nicht zur Gründung von Freikirchen führten. So konnte Finnland vor hundert Jahren mit einer gefestigten christlichen Kultur in seine Unabhängigkeit starten. Die Generation Elsas hat ein festes Glaubensfundament, die leise Stimme Gottes ist immer da, ein freundliches Flüstern im Hintergrund, auch wenn die institutionalisierte Stimme kaum mehr als ein Glasperlenspiel ist. Heute sind dieselben Wege weit geworden, man hört den Gottesdienst im Radio, und wo früher der Gemeindepfarrer in der Nachbarschaft den Missionskreis besuchte, wo früher in der Bibel gelesen, Kaffee getrunken und geistlich geredet wurde, da ist inzwischen Stille eingekehrt, viele Häuser auf dem Land stehen leer. Doch in der Stille hört Elsa Gott, sie hört ihn umso deutlicher.

Elsa hat zwei Kinder und drei Enkel. In ihren Nachkommen sieht sie den Wandel der Welt: Ruhelosigkeit und Materialismus, Ungewissheit und Trennungen; ein Enkelkind ist drogenabhängig – Elsa weiß, sie hat vieles versäumt, vieles zu spät begriffen. Sie weiß auch, dass Gott die Welt auch jetzt in seinen Händen hält, sie kennt seinen Frieden.

Die finnische Kirche steht noch auf einem starken biblischen Fundament – innerlich aber zerren an ihr die Moderne mit ihrer Zügellosigkeit und das Alles-Dürfen. Viele Menschen sind noch in biblischen Traditionen verwurzelt, doch inzwischen haben es finnische Pfarrer schwer, einen Posten zu bekommen, wenn sie an biblischen Positionen festhalten; so kommt es, dass einige über die russische Kirche in den Dienst nach Finnland entsendet werden.

Elsa sitzt in ihrer Stube in der winterlichen Dunkelheit, ein Weihnachtslicht im Fenster. Ihr Mann ist inzwischen tot. Er war kraftlos, dem Alkohol zugeneigt; wie so viele finnische Frauen ihrer Generation hatte Elsa die praktischen Dinge ruhig und fest im Griff. Elsas Tochter ist das Kind der neuen Zeit, sie hat die Demut abgestreift und mit der Attitüde des Alles-Dürfens ihren sanften finnischen Mann dominiert – nun lebt sie allein. Elsa ist darüber traurig, sie mochte Kaarlo. Elsas Sohn ist alleinerziehend, oft besucht er Elsa mit den Kindern.

Finnen sind verhaltene Menschen, spröde, vorsichtig und melancholisch. Doch wenn die Nachbarn beisammen sind, dann fangen sie beherzt an zu plaudern wie die Italiener. Jahrhundertelang waren sie durch ihre Einfachheit und die dörflichen Geschichten miteinander verwoben, und noch heute erzählt man sich Geschichten, von skurrilen Dorfbewohnern und von einschneidenden Ereignissen. Auch von Elsas Mann erzählt man sich Geschichten; er war Waldarbeiter, und bevor er Elsa heiratete, versoff er an den freien Tagen seinen Lohn. Manchmal trank er so viel, dass er Halluzinationen bekam; eines Tages ging er wieder zur Arbeit, doch er konnte die Axt nicht anlegen, denn überall um den Baum herum sah er immerfort kleine Männchen hüpfen. Die Geschichten verbinden die Menschen, doch je mehr sie sich in die Anonymität der neuen entwurzelten Wohlstandswelt zurückziehen, umso mehr geraten die Geschichten in Vergessenheit, so wie auch das biblische Wissen.

Die moderne Welt mit ihrem Tand und ihrer herausgeputzten Bildhaftigkeit überdeckt die bäuerliche Herkunft, derer sich Finnen oft zu schämen scheinen. Doch was bringen die Erfolgsgeschichten aus der modernen Welt, die mit Schulden finanzierten Autos und Villen und die Huldigungen globaler Einförmigkeit und Inhaltslosigkeit den Menschen wirklich ein? Der Kirche stehen auch in Finnland weltanschauliche Erschütterungen bevor, Elsa kann sie schon spüren. Aber hier in dieser selbstgenügsamen Einsamkeit ist das Reden Gottes gefeit gegen den kärglichen Vorsatz des Menschen, gegen den Bergsturz am jahrhundertealten Glaubensfelsen. Elsa schaut aus dem Fenster. Sie hat nicht viel, sie braucht nicht viel. Es hat wieder zu schneien begonnen. Sie trinkt eine Tasse Kaffee, lächelt hinaus. Es ist so leicht geworden. Und still.

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