Kultur

Zwei Sorten Angst in Deutschland

„Nahe an der Apokalypse“ gebaut: Vom Prinzip der Ausgrenzung und anderen typisch deutschen Gemütslagen. Von Ingo Langner
Menschen hinter Deutscher Flagge
Foto: dpa | Schon ein seltsames Volk, das sich hinter dieser Flagge verbirgt – Deutsche eben.

Mir macht Trump Angst.“ Diesen Satz kann man in den Tagen unmittelbar nach der Wahl des US-Präsidenten vielfach hören. Wer darauf mit einem Schulterzucken reagiert oder, noch schlimmer, mit einem „Mir nicht“, der gehört nicht „zu uns“. Der wird beim populistischen Lager verortet, also irgendwo draußen in „Dunkeldeutschland“. Kurzum: er ist „kein Guter“. Dieses Prinzip der Ausgrenzung ist hierzulande nicht neu. Ähnlich lief es schon, wenn es sich um die Angst vor dem Klimawandel, den Atomkraftwerken oder (wer erinnert sich noch?) um die Angst vor dem Waldsterben ging.

Völlig entgegengesetzt läuft die Chose beim Thema Asylanten und Flüchtlingskrise. Angst vor einer Form von Heimatverlust, wenn man das so sagen darf, wird mit „Ausländerfeindlichkeit“ gleichgesetzt, und die Konfliktpotenziale werden wegdiskutiert. Wie es scheint, gibt es zwei Sorten Angst in Deutschland. Gut ist die Angst vor Trump und schlecht die vor der unkontrollierten Masseneinwanderung von Menschen aus religiös fernen Kulturkreisen. Warum ist das so? Weshalb ist die eine Angst politisch korrekt, die andere jedoch nicht? Warum kommt überhaupt in diesen doch genuin politischen Sphären die Angst ins Spiel und warum nicht die Furcht?

Während die Furcht sich begrifflich gesehen auf ein konkretes Objekt bezieht, vor dem man sich fürchtet, ist die Angst objektunbestimmt. Der gute alte Duden erklärt den etymologischen Ursprung so: „Angst: Die auf das deutsche und niederländische Sprachgebiet beschränkte Substantivbildung (mittelhochdeutsch angest, althochdeutsch angust, niederländisch angst) gehört im Sinne von ,Enge, Beklemmung‘ zu der indogermanischen Wortgruppe von eng.“ Nach dem Exkurs in die Etymologie könnten wir uns der Angst auch evolutionsgeschichtlich, medizinisch, psychoanalytisch und soziologisch widmen. Doch darauf wollen wir hier nicht hinaus. Uns geht es um die deutsche Angst. Denn wenn der Duden uns keinen Bären aufbindet (was wir wohl ausschließen können), dann kommt die Substantivbildung aus „ängstlich“ oder „ängstigen“ nur im Deutschen und im Niederländischen vor.

Da die Ängste unserer niederländischen Nachbarn hier nichts zur Sache tun, beginnen wir nun zu ahnen, dass Engländer, Franzosen und Italiener (zumindest medienauffällig) seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl davon ausgehen, dass es eine spezifische deutsche Angst gebe, die als „German Angst“ sogar zu einem geflügelten Wort geworden ist. Was alles andere als ein Kompliment ist. Im Gegenteil. Mit der „German Angst“ wird eine Befindlichkeit bezeichnet, die zu jener deutschen Sonderrolle gehört, mit der die europäischen Völker Negatives verbinden, nämlich gesellschaftspolitische Verhaltensweisen, die ausschließlich den Deutschen zugeschrieben werden. Also gewissermaßen ein exklusiver kollektivistischer Code.

Doch woran liegt es, wenn das „deutsche Kollektiv“ in seiner Mehrheit nicht nur beim Reaktorunglück von Tschernobyl 1986, sondern auch bei der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 anders als die Bürger anderer Länder reagiert? In Deutschland wird nach Fukushima über Nacht (und koste es, was es wolle) eine „Energiewende“ eingeleitet. Jenseits unserer Grenzen werden weiterhin neue Atomkraftwerke gebaut. So wie manche Menschen bereits bei geringfügigem Anlass weinen, also, wie es im Volksmund heißt, „nahe am Wasser gebaut haben“, so scheint man hierzulande „nahe an der Apokalypse“ gebaut zu haben. Denn ob beim Stichwort Atom oder auch beim Klima, dem anderen Schreckensthema, stets scheint der Weltuntergang in unmittelbarer Reichweite zu sein.

Es gibt ernstzunehmende Stimmen, die diese volksspezifische Gemütslage auf das Trauma des Dreißigjährigen Krieges zurückführen, in dem sich in Deutschland die Bevölkerung auf etwa 60 Prozent des Vorkriegsstandes verringert hatte. Geschätzt wird, dass es 1618 rund sechzehn Millionen Deutsche gab und 1648 nur noch rund zehn Millionen. Also sechs Millionen weniger. Das ist zweifellos bedenkenswert. Doch auch vor dem Dreißigjährigen Krieg waren die Deutschen „anders“. Von Deutschland aus ging mit Reformation und Kirchenspaltung die mehr als tausendjährige Einheit der deutschen Christen verloren. Wer an den Cheruskerfürsten Arminius und die Schlacht im Teutoburger Wald denkt, in der Rom unter ihrem Senator und Feldherrn Publius Quinctilius Varus im Jahre 9 n. Chr. gleich drei Legionen verlor, der mag sich auch fragen, warum die Germanen nicht den Verlockungen der höher entwickelten römischen Zivilisation und Kultur erlagen. Sich also nicht wie die Volksstämme in Gallien und auf der iberischen Halbinsel „romanisierten“. Stattdessen plünderte im August 410, angeführt von ihrem Feldherrn Alarich, ein westgotisches Heer die Stadt Rom. Was den Abstieg des weströmischen Reiches beschleunigt hat; der allerdings schon recht weit fortgeschritten war.

Es mag gewagt, ja geradezu unzulässig sein, eine Linie zu ziehen, die von Arminius über Alarich bis zu Luther reicht. Aber: allen gemeinsam ist der Kampf gegen Rom. Damit nicht genug. Zwar hat im zwanzigsten Jahrhundert die „Los-von-Rom-Bewegung“ eines Georg Ritter von Schönerer in Österreich ihren Ursprung. Doch war sie eindeutig deutschnational grundiert, und aus der Parole „Ohne Juda, ohne Rom bauen wir den deutschen Dom“ machten sich dann bald darauf die Nationalsozialisten ihren antisemitischen und antiklerikalen Reim.

Adolf Hitlers Aufstieg zur Macht ist ideologisch eng mit einem auf sich selbst besinnenden nationalen Deutschland verbunden. Nun ist die Bindung zur Nation im 19. Jahrhunderts in Europa selbstverständlich geworden. Doch „ein Volk, das seinen ganzen Willen auf die Ausbildung des Nationalcharakters richtet, drückt damit eine tiefe Abneigung gegen Fortschritt und Erneuerung aus“, stellt Konrad Heiden hellsichtig in seiner bereits 1936 publizierten und lesenswerten Hitler-Biographie fest. Die im Untertitel „Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit. Ein Mann gegen Europa“ heißt. Womit gleich vier gute Stichworte für unsere Schlussfolgerung gefallen sind.

Fortschritt und Erneuerung sind die Schlüsselworte für eine Nachkriegsgeneration, die es mit der Schreckensherrschaft der NS-Diktatur im Nacken besser machen wollen als ihre Altvorderen. All jene, die gegen Atomkraftwerke und für die Weltklimarettung auf die Straße gehen, stellen sich einer selbstauferlegten Verantwortung „für das Ganze“. Sie wollen sich nicht von ihren Kindern und Enkeln vorwerfen lassen, schuldhaft eine Katastrophe herbeigeführt zu haben. Allerdings gleichen die selbsternannten Weltretter in ihrer kompromisslosen Unbedingtheit fatalerweise ziemlich genau ihren (Groß-)Vätern und (Groß-)Müttern, von denen man sich doch radikal absetzen möchte.

Als im Spätsommer 2015 jeden Tag zehntausende Kriegsflüchtlinge in Deutschland ankamen, sind sie auf dem Münchner Hauptbahnhof von jubelnden deutschen Männer und Frauen enthusiastisch begrüßt worden. Unsere europäischen Nachbarvölker schauten dem mit einer Mischung aus Befremden und Staunen zu. Nirgendwo sonst fand sich ein Regierungschef, der die Grenzöffnung für ebenso alternativlos hielt wie die deutsche Bundeskanzlerin. Angela Merkel verkörperte zumindest bis zum Jahreswechsel 2015/ 2016 das gute Gewissen einer Nation, die sich mit ihrer „Willkommenskultur“ nun endgültig von der sich im Holocaust bündelnden „deutschen Schuld“ aus eigener Kraft reinwaschen wollte. Aus Angst, angesichts des unübersehbaren Leids der Flüchtlinge wieder einmal zu versagen, brach sich die nämliche moralisch hochaufgerüstete Irrationalität Bahn, die in den Augen unserer Nachbarvölker für uns Deutsche so typisch ist.

„Angst ist ein schlechter Ratgeber“, sagt das Sprichwort. Man sollte meinen, dass dies für „linke“ Angst ebenso gilt wie für „rechte“. Doch was nützt diese Erkenntnis, wenn es stimmt, dass man der Angst rational nicht beikommen kann? Viel wäre ja schon gewonnen, wenn politische Rattenfänger, egal welcher Couleur, damit aufhören würden, aus der „German Angst“ politisches Kapital zu schlagen. Doch wer darauf hofft, wird wohl zu Recht naiv genannt werden müssen.

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