Würzburg

Zum 120. Geburtstag von Ruth Schaumann

Im Unglück wächst das Glück: "Wehe der Zeit, da die Kinder locker geworden im Herzen von Mann und Weib!" Zum 120. Geburtstag von Ruth Schaumann am 24. August 2019.

Ich gehöre meinem Herrn
wie die Beere ihren Ranken,
wie die Sehnsucht eines Kranken
dem erneuten Morgenstern.
Ich gehöre meinem Herrn,
und er mag darob verfügen,
mag mich eggen, mag mich pflügen
bis zu meinem tiefsten Kern!

Mit solchen Versen (diese wurden sogar von Heinrich Rohr vertont) schrieb sich Ruth Schaumann in das Gedächtnis der christlichen Leser von den 1920er bis zu den 1960er Jahren ein. Sie wurde freilich vom Kulturbruch 1968 überdeckt und ist bis heute nicht wirklich wieder gewürdigt. So schrieb Wolfgang Braungart in dem Sammelband „Moderne und Antimoderne“ (2008) eine eher hämische Abrechnung: Schaumann sei dem katholischen „Milieu“ nicht entflohen.

Würdigung von Ruth Schaumann

Hier der Versuch einer gerechteren Würdigung: Die am 24. August 1899 in Hamburg geborene zweite Tochter eines Offiziers war in Folge einer Scharlacherkrankung mit sechs Jahren vollständig ertaubt. Wer ihre Sprache in Lyrik und Prosa liest, vermag kaum zu glauben, dass diese stilistischen Feinheiten von einer Frau stammen, die selbst nur mit Anstrengung sprechen konnte – ohne sich selber zu hören. Dabei war ihre künstlerische Mehrfachbegabung so stark, dass sie zunächst 1917 als Bildhauerin in die Meisterklasse von Prof. Josef Wackerle nach München ging und in den 1920er Jahren schon einige berühmt gewordene Plastiken, so eine Verkündigung (heute in den USA), schuf. Dazu kamen Graphiken, Tonarbeiten und die frühen Gedichte, die sofort Aufsehen erregten; die Künstlerin wurde im „Hochland“ vorgestellt vom Redakteur Friedrich Fuchs.

Aus der großen Liebe zwischen beiden gingen fünf Kinder hervor. Vor der Ehe 1924 war Ruth Schaumann schon zur katholischen Kirche konvertiert – wie viele ihrer suchenden Generation nach dem I. Weltkrieg. Freilich starb Friedrich Fuchs viel zu früh 1948, und die tief getroffene Witwe musste in unermüdlicher Arbeit die große Familie ernähren. Sie selbst starb am 21. März 1975 in München in ihrem heute noch mit vielen Kunstwerken erfüllten „Amei“-Haus in der Renatastraße. Das Grab beider Gatten befindet sich in dem winzigen Winthir-Friedhof in Neuhausen-Nymphenburg, in der Nähe des Grabes des Dichterpriesters Peter Dörfler, für den sie – wie für sich selbst – den Grabstein schuf.

Ruth Schaumann wurde zweimal in die Reclam-Reihe mit ihren hohen Auflagen aufgenommen: 1933 erschien „Ave von Rebenhagen“ und 1952 „Die Zwiebel“, beide mit ihren Zeichnungen. In dem meisterlichen Roman „Amei“ (1932) zeichnet die Dichterin verschlüsselt ihre Kindheit in kleinen genialen Skizzen. 1933 erscheinen noch der Roman „Yves“ und die Novellensammlung „Siebenfrauen“ sowie das „Ruth-Schaumann-Buch“ mit Porträts und vielen Abbildungen ihrer Plastiken – die Dichterin ist auf der Höhe ihres Ruhmes. Allerdings wird er durch die politische Entwicklung umgehend begrenzt, denn „Amei“ darf nicht mehr gedruckt werden, nachdem sich Ruth Schaumann weigerte, ein Kapitel mit der anrührenden Begegnung Ameis mit einem kleinen jüdischen Jungen herauszunehmen. Worin lag der Reiz der Erzählungen begründet, die bis heute lesenswert geblieben sind?

Die Vision vom Nachlassen der elterlichen Freude

Einige Motive aus „Ave von Rebenhagen“ seien herausgegriffen: Ihr Name erinnert an den „Rebenhag“, einen der ersten Gedichtbände Schaumanns, erschienen bei Kösel in München 1927. Das Wort lässt den Wein aufleuchten, den Pfarrer Kilian Rebentrost als himmlisches Getränk schon im Namen verkörpert – er, der als geistlicher Vater auch für das leibliche Leben der Kinder Ave und Jasmin sorgt. Rebenhagen ist ein Wort für Heimat, dorthin kehrt die Geschichte auch am Ende zurück. Und im Wein ist zugleich das Paradies, der Urgarten, gegenwärtig: „Wein aus dem Glase der Ewigkeit“, lautet eine Gedichtzeile.

Auch in anderen Werken werden Priester gezeichnet, die in diese Heimat zurückführen: Abbé Chanay (dem Pfarrer von Ars nachgestaltet) in „Die Uhr“, Abbé Latour in „Die Ölsiederei“, Pfarrer Carolus in „Der schwarze Valtin und die weiße Osanna“; ähnlich die väterlichen Arztgestalten Dr. Verneuil in „Yves“ und Dr. Belvey in „Die Uhr“. Schaumann hat das Motiv der unfähigen oder lieblosen Eltern immer wieder gestaltet, insbesondere das der unmütterlichen, selbstbezogenen Frau, der „stolzen Schönheit“ im Unterschied zur hilfreichen, eher kindlichen und selbstvergessenen Schönheit. Umkehr zum Muttersein ist jedoch möglich, wird aber nicht immer vollzogen.

Hortense in „Yves“, Repräsentantin der vom Mann verlassenen Frau, gibt ihren ungeliebten Sohn nach der Geburt ab, aber sie reift an der unstillbaren Sehnsucht nach ihm, während ihre Freundin Germaine, die leiblich unfruchtbare, eben dieses Kind angenommen hat und als wahre Mutter liebt. Sola, die Stolze, in „Solamen“ geht an diesem Stolz jedoch zugrunde, das schwächliche Kind verlöscht. Clarissa in „Ave“, erst selbstsichere „Frau Schleier“, wird schließlich gepeinigt vom Frevel der Kindesaussetzung und findet Ave zu ihrer Rettung wieder. Häufig werden die verlassenen, ungeliebten Kinder von einer zweiten Mutter aufgenommen und dem Leben wieder eingefügt.

Kinder erlösen die dunkle Elternwelt

Oder auch von einem zweiten Vater: Denn auch der Mann unterliegt der Selbstsucht, vor allem jener des Geschlechtstriebes; der schreckliche Fagott in „Die Übermacht“ vergewaltigt die Frau; in „Der Jagdhund“ und „Die Ölsiederei“ bedarf es einer langen männlichen Reifung zur Väterlichkeit. Auch das „geistliche Jugendbuch“ „Die Geheimnisse um Vater Titus“ (1938) handelt von einem auf der Flucht verlorenen, dann glücklich wiedergefundenen Kind. Die Geschichte spielt vor 200 Jahren in einer kleinen deutschen Stadt nach der Französischen Revolution. Vier Kinder wachsen zusammen auf, aber sie haben drei Elternpaare. Bei Felix starb erst der Vater, dann die Mutter. Der kleine Martin ist ein Findelkind unbekannten Ursprungs. Stefan und Agathe leben bei ihren Eltern und haben die anderen als Geschwister liebgewonnen. Aber auch im Unglück wächst das Glück. Denn alle Kinder dürfen sich auf die heilige Kommunion vorbereiten durch einen geheimnisvollen alten Uhrmacher, Vater Titus. Je öfter sie zu ihm gehen, desto größer wird die Sehnsucht, desto mehr verstehen sie die Liebe, die zu ihnen kommen will.

Aber sie erleben bei Vater Titus auch eine unglückliche Frau; sie erleben Unruhe und Leid und Widerstand gegen Gott. Stefan erlebt eine schlimme Versuchung, die Stimme der Schlange, der er nachgibt. Der kleine Martin erlebt die Zurückweisung seiner großen Liebe. Und so verschlingen sich viele Fäden, bis auch aus diesen vielen Unglücken wieder Glück wird, freilich hart am Tod eines der Kinder vorbei. Und auch Vater Titus musste erst durch einen großen Tod gehen, bis er zu dem wurde, was er im Verborgenen ist, nämlich mehr als ein Uhrmacher, ein Priester… So sind die Kinder das Bedrohte, und sie stehen für den bedrohten göttlichen Ursprung, aus dem sie stammen. Sie sind letztlich, kraft ihrer Nähe zum Ursprung, auch die Heilenden, die die Herzen erschüttern und umwenden können. Die Reinigung erfolgt durch Schmerz. Sie lieben durch die Bosheit hindurch, immer instinktiv tastend nach dem schmalen Riss in der Herzenshärte, der ein Eindringen erlaubt.

Was berührt an dieser und anderen Erzählungen von Ruth Schaumann? Schwarz, weiß und rot sind die Johannisbeeren, die Jasmin und Ave essen: bitter und süß – es gelingt der Erzählerin, die Farben der Lebensmischung zu einem mythischen Grundmuster zu verdichten: Eigensinn, Eitelkeit, Selbstliebe der Eltern, Unschuld der Kinder, Reifung der Bestraften, Löschung der Schuld durch Erbarmen und Liebe. Die dunkle Welt der Eltern wird durch die Kinder erlöst.

Ruth Schaumann hat offenbar, lange vor der heutigen kinderfeindlichen Kultur, eine bedrängende Vision vom Nachlassen der elterlichen Freude, des Glücks an Kindern. Aber auch das plump-biologische Mutterbild von 1933–1945 ist Zerrbild; Schaumann setzt dagegen die geistige Mutterschaft – nicht zuletzt jene der Kirche. In einer Zeit, in der die „Frauenfrage“ zur „Kinderfrage“ geworden ist, ist es an der Zeit, diese lange schon vorhandene „andere Frauenbewegung“ zur Kenntnis zu nehmen.

Leseempfehlung:

Ruth Schaumann, Die Geheimnisse um Vater Titus. Neu aufgelegt mit „Leselicht“ von H.-B. Gerl-Falkovitz. Verlag Be&Be, Heiligenkreuz 2018, ISBN 978-3-903118-64-5, € 20,-

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