Feuilleton

Wieder neu anfangen im Leben

Ein Gespräch mit Ulrike Krumbiegel, der Hauptdarstellerin des Kinofilms „Die Anfängerin“. Von José García
Filmszene aus „Die Anfängerin“
Foto: Flare Film_Kolja Raschke | Als die 58-jährige Annebärbel (Ulrike Krumbiegel, links) das Eiskunstlaufen erneut entdeckt, blüht sie wieder auf.

Frau Krumbiegel, was hat Sie am Drehbuch überzeugt, um die Hauptrolle in „Die Anfängerin“ zu übernehmen?

Die Gründe sind oft viel profaner, als man denken könnte. Es ist nicht so, dass uns Schauspielern jede Menge Drehbücher angeboten werden und wir entscheiden können, ob wir das eine machen und das andere doch nicht. So viele Hauptrollen gibt es für eine Frau in meinem Alter auch nicht. Eine Rolle spielte durchaus auch das Eislaufen, weil ich selbst als Kind Eislauffan war und auch Eislaufen gehe. Die Aussicht, eine Trainerin an die Seite und Unterricht zu bekommen, war sehr schön.

Wie würden Sie ihre Figur, Dr. Annebärbel Buschhaus, kennzeichnen?

Sie ist wie eine Schildkröte, die den Panzer vorne und hinten hat. Vielleicht ist der Filmtitel etwas irreführend, weil sie zwar etwas anfängt, aber keinen Traum verwirklicht. Sie wird vielmehr vom Schicksal in eine Situation geschubst, in der sie nicht anders kann, als irgendetwas zu unternehmen. Als sie auf der Eisfläche die Patientin glücklich schweben sieht, die sie selbst schlecht behandelt hat, kommt zum Vorschein, was sie eigentlich nicht mehr vermisst hat. Nachdem Annebärbel mit einer schrecklichen Mutter und einem nicht weniger schrecklichen Ehemann vom Schicksal geschlagen wurde, bekommt sie vom Schicksal einen Schubs.

Sie sprachen davon, dass für Ihre Entscheidung das Eiskunstlaufen eine wichtige Rolle spielte. Bezieht sich dies auch auf das Auftreten von Christine Stüber-Errath?

Als es noch keine Computer und keine Handys gab, haben wir viel Sport geschaut. Die Vier-Schanzen-Tournee war ein großer Hit. Leichtathletik und Schwimmen habe ich gerne geguckt. Und Eiskunstlauf. Als es hieß, dass Knut Schubert den Trainingsplan macht, habe ich mich sehr gefreut. Natürlich wusste ich, wer er und seine Schwester Katja Schubert waren. Und selbstverständlich kannte ich Christine Errath und die am Ende alle überstrahlende Kati Witt. In der DDR hatte gerade Eiskunstlauf ein besonderes Gewicht. Denn es war eine Sportart, die die DDR bewältigen konnte.

Annebärbel wird in eine besondere Beziehung zur jungen Eiskunstläuferin Jolina (Maria Rogozina) gedrängt. Ist dies für die kinderlos gebliebene Frau eine Art Ersatzmutterschaft?

Die beiden helfen sich gegenseitig. Jolina trägt auf ihre Art dazu bei, dass Annebärbels Herz auftaut. Denn die eine Gruppe, in die sie sich mit allen Tricks hineingezwängt hat, weist sie eher ab – was auf Gegenseitigkeit beruht, denn sie wird alles andere als mit offenen Armen empfangen. Ich glaube nicht, dass sie denkt: „Weil meine Mutter so schwierig ist, und ich so sehr gelitten habe, will ich diesem Kind helfen.“ Es ist einfach eine menschliche Regung. Sie brauchen auch ein bisschen, um sich anzunähern. Der Ton ist auch nicht so ohne Knirsch ... Es handelt sich ja nicht um einen Kitschfilm.

Könnte der Eiskunstlauf eine Art Metapher für das Leben sein? Dass man hinfällt und wieder aufsteht ...

Jeder erfährt Rückschläge im Leben. Klar, dass man sich wieder aufrappeln muss. Denn sonst wären wir verloren. Wir hätten nichts vom Leben, von diesem Geschenk. Die Autorin hatte ursprünglich allerdings das Schwebende und das Gleitende fasziniert. Eine Rolle spielt sicher auch der Glamour, einmal im Scheinwerfer zu schöner Musik zu stehen. Ich finde es sehr anrührend.

Annebärbel findet eine Leichtigkeit, die sie jahrzehntelang nicht hatte ...

... und die sie nicht vermisst hatte. Aber jetzt erfährt Annebärbel, was sie so lange entbehrt hat. Es findet auch ein Farbwechsel statt. Zuhause und in der Praxis ist alles sehr bräunlich. Die Eishalle ist weiß-bläulich, eine andere Welt. Nachdem das Schicksal sie malträtiert hat, hat sie nun das große Los gezogen. Sie wird wohl die Praxis weiterführen. Wenn sie aber zu den Patienten netter wird, wäre das ein guter Anfang.

 

 

Über den Film

Als Kind stand sie gerne auf dem Eis. Inzwischen ist Annebärbel (Ulrike Krumbiegel) 58 Jahre alt, und ihre Eiskunstlauf-Karriere längst vergessen. Als Ärztin zeigt sie wenig Mitgefühl für ihre Patienten. Für sie zählt nur die Meinung ihrer perfektionistischen Mutter Irene (Annekathrin Bürger), die immer wieder etwas zu kritisieren hat.

Als ihr Mann Rolf (Rainer Bock) Annebärbel kurz vor Weihnachten verlässt, flüchtet sie sich in die Arbeit. Bei einem Bereitschaftsdienst an der Eishalle des Olympiastützpunktes Berlin wird sie von der Welt des Eiskunstlaufs magisch angezogen. Dort trifft sie auf eine Gruppe skurriler Hobbyeisläufer. In der Eishalle lernt Annebärbel aber auch die dort hart trainierende Jugendmeisterin Jolina (Maria Rogozina) kennen.

Drehbuchautorin und Regisseurin Alexandra Sell bietet eine sehr schöne Geschichte, die sich etwa auch im Zusammenhang vom Freizeitsport der älteren Generation und dem Leistungssport der Jüngeren ausdrückt.

Für Annebärbel bedeutet das Eiskunstlaufen eine Entdeckung, die sie jedoch nicht auf unrealistische Weise dazu führen würde, einfach ihr ganzes Leben umzukrempeln.

Der Sport und das Sich-Kümmern um ein junges Mädchen helfen ihr freilich dazu, das Leben optimistischer zu sehen und ihre Patienten liebevoller zu behandeln. Darüber hinaus vermittelt der Film auch noch etwas vom Stellenwert des Sports in der ehemaligen DDR – in der Figur der Weltmeisterin 1974 Christine Stüber-Errath. J.G.

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