Literatur

Werner Bergengruen: „Das Los des Nachhutreiters“

Er benennt das Böse, aber denunziert die Schöpfung nicht – Tagung der Katholischen Akademie München zum 50. Todestag von Werner Bergengruen. Von Michael Karger
Schriftsteller Werner Bergengruen
Foto: KNA | Der Schriftsteller Werner Bergengruen.

Der in Riga geborene Deutschbalte Werner Bergengruen (1892–1964) war einer der großen deutschen Erfolgsautoren der dreißiger bis sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Heute ist er den Jüngeren weitgehend unbekannt und den Älteren dadurch ins Zwielicht gerückt worden, dass er zu den Schriftstellern der sogenannten „inneren Emigration“ gezählt wird, die sich während der NS-Diktatur angepasst und systemkonform weitergeschrieben haben sollen. Zunächst meinte „innere Emigration“ allerdings, wie der Schriftsteller Friedrich Denk gezeigt hat, eben nicht die Flucht vor dem Tagesgeschehen der Diktatur in die reine Innerlichkeit, sondern die entschiedene Ablehnung des Nationalsozialismus durch Autoren, die nicht emigriert waren. Gerade die christlichen Autoren wie etwa Werner Bergengruen, Peter Dörfler, Jochen Klepper, Gertrud von Le Fort, Albrecht Goes, Manfred Hausmann, Ricarda Huch, Fritz Reck-Malleczewen, Edzard Schaper, Ruth Schaumann, Reinhold Schneider, Rudolf Alexander Schröder und Ernst Wiechert, die man alle zur inneren Emigration rechnet, haben im Dritten Reich Stellung bezogen. Es ist keineswegs übertrieben, wenn Friedrich Denk schreibt: „Widerstandsliteratur war vor allem die christliche Literatur.“

Nicht Rückzug, sondern deutlich gegen die Nazis

Im Jahr 1935 erscheint Bergengruens Roman „Der Großtyrann und das Gericht“ und im selben Jahr konvertiert der evangelisch getaufte Autor zur katholischen Kirche. Allein bis 1943 wurden vom „Großtyrann“ 155 000 Exemplare verkauft. In diesem Historienkrimi wird der Machtmissbrauch eines christlichen Renaissancefürsten dargestellt und in den Horizont der Verantwortung vor Gott gestellt. Dem damaligen Leser drängten sich vielfältige Parallelen zur Tyrannenherrschaft seiner Gegenwart auf, die dadurch noch beklemmender wurden, dass im Unterschied zum christlichen Gewaltherrscher der Vergangenheit der Diktator Hitler kein göttliches Gebot kannte, das seinen Zielen eine Grenze setzte. Ein weiterer Historienroman von Bergengruen „Im Himmel wie auf Erden“ (1940) muss ebenso zu den wichtigsten literarischen Widerstandszeugnissen gerechnet werden. Programmatisch stellt bereits der Titel mit seinem Zitat aus dem Vaterunser den Willen Gottes und Gottes Reich in den Mittelpunkt. Mit seiner Botschaft von der Standhaftigkeit gegenüber allen Mächten des Bösen und des Untergangs wurde der Roman zum Trostbuch für viele Verzweifelte.

Auch Bergengruen selbst lebte in ständiger Angst um seine Familie. Seine Frau Charlotte war eine Urenkelin von Fanny Mendelssohn und galt als „Dreivierteljüdin“. Aus diesem Grund wurde Bergengruen auch 1937 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, konnte aber mit einer Art „Dauersondergenehmigung“ weiterhin im Dritten Reich publizieren. Seine Beliebtheit beim bürgerlichen Lesepublikum als Erzähler und Lyriker war für Bergengruen ein gewisser Schutz. Wohl aber auch die Absicht der Nationalsozialisten, nicht noch weitere bedeutende Autoren, von denen man zwar wusste, dass sie für das Regime keine Sympathien hegten, verlieren zu wollen.

Bergengruen hat am Ersten Weltkrieg als Reiteroffizier an der Ostfront teilgenommen. Bis hinein in seine drei späten Prosawerke „Der letzte Rittmeister“ (1952), „Die Rittmeisterin“ (1954) und „Der dritte Kranz“ (1962) tritt die Gestalt des Rittmeisters auf, der als Verkörperung antimoderner Tugenden dem Dichter deutlich wesensverwandt ist. Darum stand am Anfang der von der Katholischen Akademie und der Bergengruen-Gesellschaft ausgerichteten Tagung durchaus sinnvoll die Deutung der Reiterballade „Der erste Patrouillenritt“. Es ist ein verspätetes Gedicht zum ersten Weltkrieg, 1935 entstanden und erstmals im Sammelband „Die Rose von Jericho“ (1936) erschienen, das das eigenes Erleben des Autors an der Ostfront zur Grundlage hat. Das Erlebnis überstandener Gefahr, das in der Ballade als Existenzsteigerung gefeiert wird, hat der Germanist Günter Scholdt im Vergleich mit anderen Reitergedichten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs erschlossen. Scholdt verband dies mit einem überzeugenden Plädoyer für eine Betrachtung von Kriegslyrik, die sich nicht von vornherein als Präventionsdidaktik versteht und den Dichter nicht im nachhinein zur politischen Friedenserziehung verpflichtet. Zugleich konnte Scholdt zeigen, wie es Bergengruen durch phrasenlose Lakonie gelungen ist, die Realität des Krieges erfahrbar zu machen und jede Kriegsromantik aufzulösen.

Über die Beziehung von Werner Bergengruen zu Reinhold Schneider sprach der Historiker Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der ständigen Ausstellung „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ in Berlin. Steinbach sieht es als geboten an, die heute vorherrschende ablehnende Einstellung gegenüber den Autoren der inneren Emigration zu überwinden. Beide Autoren hätten in ihrem Schreiben zunächst für sich selbst einen Weg gesucht, den totalitären Staat zu überwinden und diesen Weg dann dem Leser eröffnet. Sowohl Bergengruen wie Schneider hätten den wahren Charakter des Nationalsozialismus durchschaut und teils auch prophetisch vorausgesehen. So habe Bergengruen etwa seinen Roman „Der Großtyrann und das Gericht“ bereits 1926 zu konzipieren begonnen. Keine anderen Autoren dieser Zeit hätten sich mit den Themen Schuld, Verstrickung und Gewissen so intensiv auseinandergesetzt wie Bergengruen und Schneider.

In den historischen Romanen „Las Casas vor Karl V.“ (1938) von Schneider und Bergengruens „Großtyrann“ werde die Distanz von Jahrhunderten benutzt, um etwas Wesentliches über die Gegenwart zu sagen. Dies erforderte vom damaligen Leser eine große Transferleitung, die auch dem heutigen Leser nicht erspart werden könne. Beide Romane seien ein Zeugnis der Selbstbehauptung ihrer Autoren und der damaligen Leser. Nur durch einen Zufall sei Reinhold Schneider, der faktisch schon in einem Prozess vor dem Volksgerichtshof stand, vor der Hinrichtung bewahrt worden. In seinen Sonetten, die in kleinen Heftchen gedruckt überall an der Front gelesen wurden, habe Schneider blitzartig die Existenz seiner Zeitgenossen in der Diktatur getroffen. Das Kurshalten von Schneider und Bergengruen in großer Einsamkeit, Gefahr und Anfechtung habe einen erheblichen Anteil an der Überwindung der Diktatur und ihrer Verwüstungen gehabt. Im Briefwechsel von Bergengruen und Schneider werde allerdings auch deutlich, dass sich beide in ihrer Erwartung, dass nach dem Krieg in Deutschland eine neue Entwicklung möglich sei, getäuscht hätten. In der Wiederbewaffnungsdebatte etwa sah sich Schneider in der Bundesrepublik heftigen Anfeindungen wegen seiner pazifistischen Haltung ausgesetzt.

Die meisten seiner Gedichte sind noch unveröffentlicht

Albert von Schirnding, Direktor der Abteilung Literatur bei der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, mit Bergengruen persönlich bekannt seit einer Dichterlesung in seinem Regensburger Elternhaus, trug ausgewählte Gedichte von Bergengruen vor. Schirnding hat in einem Nachwort zu Bergengruens „Leben eines Mannes“ (1982) auf die Kritik Adornos an dem Titel der umfangreichen Gedichtsammlung „Die heile Welt“ (1950) hingewiesen. Adorno griff die Dichtung Bergengruens in seinem Essay „Jargon der Eigentlichkeit“ im Sinne seines Verdikts „… nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ heftig an. Dankbarkeit und Zustimmung zum Dasein, die Rechtfertigung einer guten Schöpfung werden von Adorno gleichgesetzt mit der Zustimmung zu einer Welt, in der Auschwitz möglich ist. Damit hatte Adorno dem Autor Bergengruen einen vermeintlichen Todesstoß versetzt, der die Rezeption seines Werkes bis heute bestimmt.

Mit den Worten des Philosophen Jörg Splett drängt sich die Rückfrage an Adorno auf, ob es erst des Massenmordes bedarf, „um auf Fragen zu kommen, die das Hungerweinen eines einzigen Kindes aufwecken müsste, von Schlimmerem durch die Geschichte hin seit Abel zu schweigen … Wo bleiben die Opfer vor Auschwitz?“ Zum anderen: „Wenn kein Gott ist, dann gibt es – letztlich – kein Gutes. Nicht in der Zukunft, für die Zukurzgekommenen, Erniedrigten, Beleidigten; erst recht nicht für die Henker – oder auch tatenlosen Genießer. Glück wäre dann nur aufgrund von Wegsehen, ,Vergessen‘ denkbar. Wird dies aber der Erfahrung und unserer Dankbarkeitspflicht gerecht? Ist uns nicht unreduzierbar das Gute begegnet? Allem voraus in der – durchaus belastenden und demütigenden – Gewissenserfahrung.“ Hellsichtige Kritik am Totalitarismus, Schärfung der Gewissen durch Schilderung von Schulderfahrung und Lebensbejahung, Zustimmung zur Welt und Glaube an einen guten Schöpfer und Erhalter gehören im Leben und Werk von Bergengruen zusammen und bilden eine Einheit. Darin liegt die wahre und noch weitgehend unerkannte Bedeutung seines Lebenszeugnisses für die Zukunft.

Höhepunkt der Tagung war ein Vortrag von Maria Schütze-Bergengruen, der 1928 geborenen Tochter des Schriftstellers. In ihrer kraftvoll noblen und asketisch gestrafften Erscheinung leuchtete etwas vom Vater auf. Frau Schütze-Bergengruen stelle das bisher nicht publizierte „Compendium Bergenguenianum“ vor, eine Sammlung von 1 600 Aphorismen, Epigrammen, Kurzessays, die der Vater ab 1940 kontinuierlich aufgeschrieben hat. In einem der Epigramme heißt es etwa: „Wie bist Du durchs Leben gekommen?/ Man stieß mich ins Wasser, da bin ich geschwommen.“ Um die dreihundertfünfzig Gedichte hat Bergengruen zu Lebzeiten veröffentlicht, zu denen aus dem Nachlass inzwischen noch weitere dreiundneunzig hinzugekommen sind.

Einen kompetenten Überblick durch das lyrische Werk hat der Religionspädagoge Otto Betz vorgetragen. Betz nennt es erstaunlich, dass sich „in seinem Werk nie ein depressiver Zug findet, kein Jammer über eine verunglückte Schöpfung, keine Auflehnung gegen das unzumutbare Schicksal, kein lautstarker Protest gegen die schreiende Ungerechtigkeit der Welt“. Bergengruen habe stets „für alles Dunkle in der Welt einen Blick, er benennt das Boshafte und Schreckliche, aber er denunziert die Schöpfung nicht“.

Von seinem Enkel, Lorenz Schütze, wurde die Konversion Bergengruens zur katholischen Kirche 1935 in Berlin angesprochen: „In Anspielung auf Tertullian bezeichnete Bergengruen die Seele als ,naturaliter catholica‘ und betont, dass seine Konversion Abschluss einer früh begonnenen Verwurzelung im Katholischen gewesen sei.“ Das Persönlichkeitsbild Bergengruens ergänzte der Enkel um eine depressive Veranlagung, Sinnkrisen und Verzweiflungsschüben, vor deren Hintergrund die Weltbejahung des Werkes nochmals in einem neuen und tieferen Licht aufleuchtet.

Auch wenn man sich einen deutlicheren Akzent auf dem Beitrag Bergengruens zur christlichen Widerstandsliteratur der NS-Zeit gewünscht hätte, war die Tagung ein wichtiger und notwendiger Schritt auf dem Weg zur Rückgewinnung der christlichen Schriftsteller der inneren Emigration. Ein Gewinn war auch die Beteiligung von Tochter und Enkel des Dichters. Was bleibt ist der Wunsch nach einer Werkausgabe, die alle elf Romane, die mehr als zweihundert Erzählungen und die fast 450 Gedichte wieder zugänglich macht.

Werner Bergengruen starb am 4. September 1964 in Baden-Baden. Zwei Jahre vor seinem Tod hat er in einer Gedichtstrophe sein dezidiert unangepasstes und antimodernes Selbstverständnis nochmals vermächtnishaft zusammengefasst: „Mein Schicksal war nicht eines Wegbereiters./ Ich wählte nicht. Gott hat für mich gewählt./ Mein Erbe war das Los des Nachhutreiters/ und zu den letzten hat mich Gott gezählt.”

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