Rom

Was die Krippe erzählt

Den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit, den Christen die reine Freude?
Ankunft von Krippen-Reliquie in Jerusalem
Foto: dpa | Angekommen in Jerusalem: Reliquie der Geburtskrippe Jesu.

Was ist das für ein Gott, der blutig und schleimig wie jeder Säugling zur Welt kommt und diese Welt dann blutig und schleimig am Kreuz wieder verlässt? „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“, heißt es bei Johannes. Und: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“

Das klingt schön. Und ist dennoch ein Skandal. Den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit, wie es bei Paulus heißt. Das Fleisch gewordene Wort kam und ging nicht wie auf einer Wolke, in Herrlichkeit, von Glanz und Engeln umgeben, sondern Krippe und Kreuz waren sein Weg.

Was mag den heiligen Franziskus gerührt und angetrieben haben, als er 1223, drei Jahre vor seinem Tod, die Leute von Greccio bei Rieti darum bat, zu Weihnachten die Krippe des Herrn mit lebendigen Tieren und Personen nachzubauen? „Ich möchte nämlich das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde, und ich möchte die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie es in eine Krippe gelegt, an der Ochs und Esel standen, und wie es auf Heu gebettet wurde, so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen.“ War der große Heilige von Assisi so erschüttert über den Gott, der die irdische Not nicht scheute, dass er sich und seinen Leuten die Geburt des Erlösers ganz plastisch vor Augen führen wollte?

Und das Wort ist Fleisch geworden

Am ersten Sonntag des Advents ist jetzt ein anderer Franziskus nach Greccio geflogen. An der Stelle jener Grotte, die seit dem dreizehnten Jahrhundert ein Kloster überwölbt und in der sein Namenspatron die Weihnachtskrippe erfand, wollte der Papst die Unterschrift unter sein jüngstes Apostolisches Schreiben setzen, das mit den Worten „das wunderbare Zeichen der Krippe“ („Admirabile signum“) beginnt. „Das Ereignis der Geburt Jesu darzustellen“, schreibt der Papst, „bedeutet, das Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes mit Einfachheit und Freude zu verkünden. Die Krippe ist in der Tat wie ein lebendiges Evangelium, das aus den Seiten der Heiligen Schrift hervortritt.“

Aus seiner Lieblingskirche in Rom, Santa Maria Maggiore, hat Franziskus jetzt einen fingerkleinen Teil der echten Krippenreliquie den Franziskanern für die Geburtskirche in Bethlehem geschenkt. Von dort waren die Überreste der Krippe Jesu einst nach Rom gekommen.

Die Franziskaner im Heiligen Land freuten sich sehr, wie Franz von Assisi über „seine“ Krippe in Greccio und Papst Franziskus in „Admirabile signum“: Denn die Krippe erzählt „von der Liebe Gottes, des Gottes, der ein Kind geworden ist“, um uns Menschen nahe zu sein.

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