Würzburg

Vornehm war die Kithara

Was aus der Antike am wenigsten bekannt ist: die Musik. Eine Ausstellung in Würzburg hilft nach.
Mus-ic-on
Foto: Christina Kiefer | Nachbauten von Instrumenten, Interessantes aus der Musiktheorie und die Möglichkeit, sich selbst musikalisch auszuprobieren: Die Würzburger Aussstellung „Mus-ic-on“ widmet sich den Klängen der Antike.

Mächtig steht die übermannshohe Leier im Raum. Wenn man sie anzupft, gibt das zweimal zwei Meter große Instrument beeindruckende dumpfe Töne von sich. Mit solchen Klängen wollten die Hethiter um 1 600 vor Christus ihre Götter besänftigen. Wenige Meter weiter steht das technisch anspruchsvollste Instrument der Antike, die in Alexandria entwickelte Wasserorgel, die bei den Römern nicht zuletzt die Begleitmusik für Zirkusspiele lieferte. Beide Instrumente sind Replikate. Das der Leier beruht ausschließlich auf ihrer Abbildung auf einer Reliefvase, während die Rekonstruktion der Orgel sich auf Fragmente stützen kann, die in Budapest gefunden wurden. Neben dem Orgelnachbau steht ein weiteres, transparentes Plexiglas-Modell, an dem man mit eigenen Augen sehen kann, wie der hydraulische Mechanismus funktioniert. Wer fleißig Luft hineinpumpt, kann den beiden Pfeifen des Modells selbst Töne entlocken.

Die Griechen haben die Töne genau angegeben

Die Nachbauten sind Teil der Würzburger Ausstellung „Mus-ic-on. Klang der Antike“, die sich an vielen Stellen als Mitmachmuseum im besten Sinn des Wortes präsentiert. Die Antikensammlung der Universität stellt sich damit einem anspruchsvollen Thema, denn kein Bereich der antiken Welt ist schlechter überliefert als ihre Musik. Nicht, dass der geringste Zweifel an ihrer Bedeutung bestünde. Literarische und bildliche Quellen belegen im Übermaß, welche zentrale Rolle Musik damals im Leben der Menschen spielte. Doch wie funktionierten diese Instrumente, die wir auf den in der Ausstellung zahlreich vertretenen Vasenbildern und Münzen sehen, und wie genau waren sie gebaut? Die Frage nach technischen Details ist besonders virulent, wenn die Archäologen bis heute kein physisches Original eines Instruments finden konnten. Das ist etwa ausgerechnet bei der Kithara der Fall, dem vornehmsten Saiteninstrument der Griechen, das der Gott Apoll auf unendlich vielen Abbildungen als Attribut mit sich führt. Einer der vier Säle, die „Werkstatt“, widmet sich vornehmlich solchen technischen Fragen nach Spielweise und Rekonstruktion.

Eine nicht minder wichtige Frage: Wie klang es eigentlich, wenn eine Musikerin mit ihrem Aulos (einem Rohrblattinstrument) ein athenisches Trinkgelage begleitete, wie es etwa die nackte Auletin auf einem erotisch konnotierten Vasenbild des Kleophrades-Malers tut? Wie, wenn ein Kelte in seine Carnyx (eine mächtige Bronzetrompete) blies? Wie würde es sich anhören, wenn die graziöse Harfenistin aus Boscoreale (eine hinreißende römische Wandmalerei) in die Saiten griffe? Der Audio-Guide bietet gründliche Erläuterungen und zahlreiche ausführliche Hörbeispiele. Er scheut dabei nicht den Bogen zur Gegenwart. Den Klang der ägyptischen Sistren, die nicht zuletzt im Isiskult wichtig waren, verdeutlicht er auch durch Musik der äthiopischen Kirche, gleichsam ein Stück lebende Antike.

Der Besucher darf sich auch selbst musikalisch erproben

An vielen Nachbauten darf der Besucher selbst seine musikalischen Fähigkeiten erproben und nach Herzenslust zupfen, schlagen, schaben, rasseln oder blasen. Die Ausstellung profitiert hier teilweise vom EU-Projekt EMAP, das die Erforschung und den Nachbau vorgeschichtlicher und antiker Instrumente fördert; einige weitere Exponate (wie die hethitische Leier) wurden eigens für Mus-ic-on angefertigt.

Der Antike-Begriff wird in Mus-ic-on nicht engherzig ausgelegt, sondern auf den alten Orient und die Vor- und Frühgeschichte ausgedehnt. Und so beginnt der erste der vier Ausstellungsräume mit den „Ursprüngen“ in der vorgeschichtlichen Epoche. Der Oberschenkelknochen eines Mammuts mit Schlagspuren an seinen resonanzreichsten Stellen lässt sich hier ebenso bewundern wie die älteste „Klarinette“ der Welt (38 000 vor Christus), diverse Schwirrhölzer und ein Lithophon aus nebeneinandergelegten Feuersteinen.

Der unter die Überschrift „Musikwelten“ gestellte Saal verdeutlicht anhand einer Fülle von Münzen, altorientalischen Rollsiegeln, griechisch-römischen Vasenbildern und Statuetten und vielen anderen Zeugnissen, wie Musik im sozialen Raum der antiken Völker verortet war, aber auch, welche religiösen und mythischen Vorstellungen sich mit ihr verbanden. Manche Aussagen amüsieren: „Ein Musiker, der unbegabt ist, wird Flötist“ – so jedenfalls eine im alten Orient verbreitete Meinung, die nicht verwundert, wenn man erfährt, dass dort zum Flötenspielen sogar dressierte Affen eingesetzt wurden; Leier und Harfe galten dagegen als anspruchsvolle Instrumente.

Auch die Musiktheorie wird berücksichtigt

Musiktheoretische Fragen werden dabei nicht vernachlässigt. Erst die Griechen entwickelten eine Notation, die nicht nur die einzelnen Töne, sondern auch die Tonlängen angibt und damit eine verlässliche Rekonstruktion der Musik erlaubt. Erhalten haben sich freilich nur wenige Beispiele solcher Noten. Die äußerlich unspektakuläre „Grabstele des Seikilos“ aus der heutigen Türkei ist eines dieser Zeugnisse. Über den Textzeilen der Inschrift erkennt man die ebenfalls eingemeißelten Notationszeichen, und eine Hörstation vermittelt einen Eindruck, wie der Gesang wahrscheinlich geklungen hat.

Das ausgeprägte Überlieferungsdefizit in puncto antike Musik regte seit der Renaissance die wissenschaftliche Neugierde der Gelehrten an und weckte manchmal sogar ihre künstlerische Kreativität. Ein Schaukasten in der Abteilung „Spurensuche“ erinnert an Gelehrte wie den Jesuiten Athanasius Kircher (der einen selbst komponierten Wechselgesang als griechisches Original ausgab) und Marcus Meibom, der als erster die musiktheoretischen Schriften der Griechen edierte.

Dreieinhalb Stunden lang ist die Ausstellung im Martin von Wagner-Museum an den Öffnungstagen zugänglich. Es bereitet keine Schwierigkeiten, die Zeit in dieser gut gemachten und unterhaltsamen Präsentation voll auszuschöpfen. Es ist die bislang ehrgeizigste Ausstellung der Würzburger Antikensammlung, und dank ihrer klugen Themenwahl und der Originalität ihrer Konzeption hat sie das Potenzial, das Museum aus seinem langjährigen Aschenputtel-Dasein zu befreien.

Mus-ic-on. Klang der Antike, bis 12. Juli im Martin von Wagner-Museum Würzburg (Antikensammlung), Residenzplatz 2a (Südflügel), Di–Sa 13.30–17 Uhr, So 14-tägig 10–13.30 Uhr, www.martinvonwagner-museum.com

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