Von edler Fäule und flüssigem Gold

Wo der „Der Winzerkönig“ spielt: Lange bevor das Fernsehen kam, hatte Rust im Burgenland bereits seine unverwechselbare Weinspezialität

Verwundert reibt sich der Gast die Augen. Da droben, am vornehmen „Ruster Hof“ am oberen Ende des Stadtplatzes von Rust im Burgenland, steht groß auf einem bisher nie gesehenen Wirtshausschild: „Gasthof Stickler“. Was ist los? Hat die Familie Mooslechner aufgegeben? Warum hat der Besitzer gewechselt – und wer sind die neuen Leute, die Sticklers? Aber plötzlich dämmert es: Stickler, ja, natürlich, die Familie Stickler spielt doch die Hauptrolle in der Fernsehserie „Der Winzerkönig“, von vielen Millionen deutschen Zuschauern mit Begeisterung in der ARD verfolgt. Und der „Ruster Hof“ gibt die Fassade ab für den unglaublichen Aufstieg des Thomas Stickler aus dem Nichts zum Winzerstar.

Viel mehr als nur eine

romantische TV-Kulisse

Manager war er in Frankfurt, bis er aus ethischen Gründen hinschmiss und in die burgenländische Heimat zurückkehrte. Zunächst nur einmal, um wieder zu sich zu finden. Doch kaum daheim, stirbt der Vater. Thomas übernimmt das Weingut und erlernt innerhalb weniger Wochen das kleine und das große Winzer-Einmaleins, kämpft und siegt in jeder Folge gegen eine neue Hinterhältigkeit seines Konkurrenten Georg Plattner, entdeckt sich unverhofft als Vater eines halbwüchsigen Knaben, gerät in gefährliches Gelände zwischen zwei Frauen – Herz, was verlangst du mehr an seichter und doch vergnüglicher Fernsehunterhaltung.

Rust also, die kleine Stadt mit 1 800 Einwohnern im Burgenland, fast unmittelbar an der ungarischen Grenze. Natürlich hat der Ort viel mehr zu bieten als den romantischen Hintergrund für eine nette Fernsehserie. Die allerdings hat den Bekanntheitsgrad um ein Vielfaches gehoben, nicht nur in Österreich, sondern auch deutschlandweit. Bekannt war Rust bisher schon, und zwar aus zwei Gründen: Als Stadt der Störche und als Stadt des Weins. Mit den Störchen ist das allerdings so eine Sache. Klapperte noch vor dreißig Jahren bald von jedem Hausdach ein Storchenpaar, so hat die Zahl der großen Schreitvögel seither leider rapid abgenommen. Gerade mal sechs Horstpaare zogen im vergangenen Jahr auf den Dächern der kleinen Stadt Nachwuchs auf. Wehmütig denken manche, Einheimische und Fremde, deren Erinnerung bis in dien siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückreicht, an Zeiten zurück, als das muntere Geklapper von dreißig Storchenpaaren durch den Ort scholl. Wenn es dann Mitte August wieder Zeit wurde zum Abflug nach Afrika, sammelten sich, die Jungstörche eingeschlossen, bis an die hundert der menschenfreundlichen Vögel auf den Dächern. Tempi passati! Krankheiten, Verschlechterung der Lebensbedingungen und leider auch die Bejagung in ihrem Winterrevier in Afrika dezimierten die Population. Zum Glück gibt es den Storchenverein in Rust, der sich um die Vögel kümmert; in einer eigenen Pflegestation werden kranke und verletzte Vögel wieder aufgepäppelt und fit für den Abflug gemacht – die Kosten für tierärztliche Versorgung und Verpflegung gehen in die Tausende. Außerdem bemüht man sich in Rust seit Jahren, die äußeren Bedingungen wieder zu verbessern, etwa durch die Anpachtung von Wiesen als Futterplätze und die Instandsetzung heruntergekommener Horste.

Besser, viel besser schaut es aus mit dem Wein. Das viel beredete „österreichische Weinwunder“ der vergangenen zwanzig Jahre hat auch in Rust seinen Niederschlag gefunden, und bei genauem Hinsehen kann man feststellen, dass es sich auch hier keineswegs um ein Wunder handelt. Da kam einiges zusammen, um dieses Ergebnis zu erreichen. Unbedingtes Qualitätsstreben trat an die Stelle von Massenerzeugung. Und ein Riesenglück war es, dass es einige Weinbauern gab, die nach der Katastrophe von 1985 – Stichwort Weinskandal und Glykol – an der Erzeugung der unverwechselbaren Spezialität des Ortes festhielten: des Ruster Ausbruchs, eines Süßweines, der in einem Atemzug genannt werden muss mit den berühmten Dessertweinen aus dem Sauternes in Südwestfrankreich und aus Tokaj im nahe gelegenen Ungarn.

Der Neusiedler See bietet

optimale Voraussetzungen

Es wäre schade gewesen um diese einmalige Köstlichkeit, die seit Jahrhunderten mit der Geschichte der Stadt verbunden ist. Es gibt diesen Wein nicht in jedem Jahr, es braucht nämlich mehrere ganz bestimmte Voraussetzungen, damit er gekeltert werden kann. Da ist zunächst einmal das Klima. Warme Sommer und ein milder Herbst sind nötig. Und dann: Feuchtigkeit, die durch die Nebelbildung eines nahen Gewässers entsteht. Da bietet natürlich die Lage direkt am Neusiedler See, dem größten Steppensee in Europa, optimale Voraussetzungen. Das Zusammenspiel dieser Bedingungen liefert den Nährboden für einen Pilz, Botrytis Cinerea. Im frühen Herbst, vor der normalen Lese, da fürchten ihn die Winzer. Denn da geht es um Wein aus gesunden Trauben. Aber dann, wenn es darum geht, edelsüßen Wein zu erzeugen, dann betteln sie ihn förmlich herbei. Er erzeugt die so genannte Edelfäule. Dabei werden die Trauben förmlich ausgesaugt, die Beeren werden weich und schrumpfen zusammen, es kommt zur Konzentration von Säure, Zucker, Extrakt und Aroma. Und was ein guter Winzer aus dieser unansehnlichen, fast unappetitlich ausschauenden Frucht herausholen, kann man sich kaum vorstellen.

Der Name Ausbruch leitet sich übrigens von der mühsamen Art der Lese ab. Gefordert ist Handarbeit, und zwar in mehreren Durchgängen, da die Trauben nicht immer gleichmäßig von der Edelfäule befallen sind. Die richtigen werden ganz gezielt „ausgebrochen“. Aufwendig, aber das Ergebnis...

Vorausgesetzt, der Winzer geht auch im Keller sorgfältig mit dem Rebensaft um, kann ein Wein erzeugt werden, der gerne als „echtes und flüssiges Gold“ bezeichnet wird. Wahrhaft goldfarben steht er im Glas, der Duft ist überwältigend, nicht weniger die Vielschichtigkeit der Aromen. Wer ihn allerdings zu früh trinkt, bringt sich um den Genuss dessen, was dieser Wein wirklich „kann“. Erst viele Jahre der Reifung bringen ihn zum Höhepunkt, auf dem er dann ein wahres Feuerwerk an Geschmacksnuancen abbrennt. Nicht nur die überwältigende Süße ist es, die ihn auszeichnet, sondern das feine Spiel aus Süße und Säure macht das Genie dieses „flüssigen Goldes“ aus. Robert Wenzel, der Altmeister des Ruster Ausbruchs, der das Heft mittlerweile an Sohn Michael übergeben hat, nennt die drei „Säulen“, die seiner Meinung nach unverzichtbar sind: Süße, Säure, Alkohol. Andere Erzeuger von grandiosem Ausbruch sind die Güter Feiler-Artinger und Hammer, nicht zu vergessen Heidi Schröck, die „Weinbäuerin aus Rust“.

Den Ausbruch gibt es schon

seit ein paar hundert Jahren

Übrigens kann man zur Herstellung vom Ausbruch so gut wie jede Rebsorte verwenden, Chardonnay, Grauburgunder, Weißburgunder und Welschriesling sind gang und gäbe. Klassisch sind aber der Furmint und der Muskateller. Übrigens gibt es den Ausbruch schon seit ein paar hundert Jahren, am kaiserlichen Hof war er stets beliebt. Schon 1649 erkauften sich die Ruster für 6 000 Gulden und 1 000 Eimer Ausbruch – ca. 60 000 Liter – vom Kaiser die Freiheit von allen Abgaben, Zahlungen und Dienstleistungen, die Freiheit vom Religionszwang und von fremder Gerichtsbarkeit. Dabei blieb es nicht, noch mehrmals musste man in Rust tief in die Tasche greifen, um diese Privilegien festzuhalten.

Von der langen und wechselnden Geschichte der Freistadt zeugt auch der wundervoll erhaltene Stadtkern mit seinen Fassaden, den Portalen und Gewölben, die den Weg in die Innenhöfe öffnen mit ihren gedeckten Stiegenaufgängen und Arkaden. Auch Reste der alten Stadtmauer sind erhalten. So ist es nicht verwunderlich, dass dieses historische Zentrum zum Unesco-Weltkulturerbe gehört und unter dem Schutz der „Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Auseinandersetzungen“ gehört. Die Probe aufs Exempel, ob das auch funktioniert, ist allerdings noch nicht gemacht.

Es gäbe noch manches zu erzählen, etwa über burgenländische Gastlichkeit und über ihre Kulinarik. Oder dass man rund um den Neusiedler radeln oder auf dem See prachtvoll segeln kann. Ein Abstecher in die Landeshauptstadt mit dem Esterhazy-Schloss ist schnell gemacht, nach Ungarn ist es nicht weit. Und nach Wien sind es nur siebzig Kilometer. Nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln tut man sich schwer. Die Anfahrt mit dem Auto ist empfehlenswert.

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