Von der Vielfalt frühneuzeitlicher Druckerkunst

Ausstellung in Augsburg: „Augsburg macht Druck – Die Anfänge des Buchdrucks in einer Metropole des 15. Jahrhunderts“. Von Katrin Krips-Schmidt
Buchstabentypen des Brevarium Augustanum
Foto: Krips-Schmidt | Die Buchstabentypen des Brevarium Augustanums sind den Schreibschriften der damaligen Zeit nachgebildet.
Buchstabentypen des Brevarium Augustanum
Foto: Krips-Schmidt | Die Buchstabentypen des Brevarium Augustanums sind den Schreibschriften der damaligen Zeit nachgebildet.

Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern gilt zu Recht als bedeutendes Ereignis in der Umbruchssituation zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit.

Das erste in Augsburg gedruckte Buch erschien bereits fünf Wochen nach Gutenbergs Tod am 3.2.1468 – noch bevor man in den anderen sich später als Druckzentren etablierenden Städten Nürnberg, Paris, Venedig und Rom druckte.

Dem bevorstehenden Jubiläum „550 Jahre Buchdruck in Augsburg“ widmet sich noch bis zum 18. Juni 2017 eine Sonderausstellung im Augsburger Diözesanmuseum St. Afra unter dem Motto „AUGSBURG MACHT DRUCK – Die Anfänge des Buchdrucks in einer Metropole des 15. Jahrhunderts“. Sie entstand als Gemeinschaftsprojekt der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, der Universitätsbibliothek Augsburg und des Diözesanmuseums. In diesem Rahmen stehen zum ersten Mal die Erzeugnisse des frühesten Augsburger Buchdrucks im Zentrum, zu denen Preziosen aus dem gesamten Sortiment der damaligen Produktion gehören.

Bis ins 15. Jahrhundert wurden Bücher mühsam von Schreibern, den Kopisten, von Hand kopiert. Zunächst geschah dies ausschließlich in den Skriptorien der Klöster, denn nur die dort ansässigen Kleriker, die Literati, waren des Lesens und Schreibens mächtig. Nach dem Aufkommen städtischer Strukturen und den Anfängen des Universitätsbetriebs im 13. Jahrhundert lagerte sich diese Handschriftenproduktion aus den monastischen Schreibstuben aus, und die Manuskripte wurden zunehmend in städtischen Werkstätten in einem streng geregelten Prozess der Arbeitsteilung produziert. Es gab auch dort Schreiber, die ausschließlich für das Kopieren der Texte zuständig waren, sowie die Miniatoren, die in kunstvoller Feinarbeit die Illuminationen, die Miniaturen in den Handschriften, an den von den Schreibern freigelassenen Stellen ausführten. Geschrieben wurde auf Pergament, das aus den Häuten von Kälbern, Schafen oder Ziegen in einem aufwendigen, kostenintensiven und auch langwierigen Arbeitsprozess gewonnen wurde. Mit einem vermehrt städtischen Publikum, mit einer stetig steigenden Studentenschaft wuchs jedoch der Bedarf nach Büchern enorm an. Wie konnte man eine kostengünstige Vervielfältigung der existierenden Werke erreichen?

Dem deutschen Goldschmiedemeister Johannes Gutenberg gelang nach jahrelangem Experimentieren eine Kombination verschiedener Techniken, die letztlich als Buchdruckkunst zur Medienrevolution führten. Das Revolutionäre an Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern waren Drucktypen, die man immer wieder neu zusammenstellen konnte und die auch einigermaßen haltbar waren, so dass sie eine große Anzahl von Druckvorgängen unbeschadet überstehen konnten. Neben der eigentlichen Idee, einzelne Lettern aus Metall zu gießen, waren noch viele weitere Voraussetzungen notwendig, damit der ganze Prozess überhaupt erfolgreich durchgeführt werden konnte. Dazu gehörte auch die Umstellung des Beschreibmaterials vom Pergament hin zu einem wesentlich geeigneteren Arbeitsmaterial, dem Papier.

Die frühen oder „Wiegen“-Drucke bezeichnet man als Inkunabeln (lat. incunabula für Wiege). Damit sind Drucke gemeint, die bis zum 31.12.1500 entstanden sind. Bei der Gestaltung der Bücher versuchten die Buchdrucker eine perfekte Kopie der Vorlage zu erreichen – man orientierte sich stark am Aufbau der mittelalterlichen Manuskripte und dies bis weit ins 16. Jahrhundert hinein. Eine innovative äußere Erscheinung des Drucks war gar nicht erwünscht, die Buchdrucker suchten auch den ästhetischen Aspekt der Buchseiten, so wie er überliefert war, beizubehalten.

Demonstrieren lässt sich das beispielsweise gut an der Gestaltung des in Augsburg gezeigten Breviarium Augustanum: Die Buchstabentypen sind den Schreibschriften der damaligen Zeit nachgebildet, in diesem Fall der Textura, einer besonders hochwertigen Schrift, die für kostbare Handschriften verwendet wurde. Anfangs ließ der frühe Buchdruck noch Platz für die Initialen und den Buchschmuck, der erst nach dem Druck von den Illuminationen ausgefüllt wurde – zunächst geschah dies noch per Hand. So ist bei dem 1493 entstandenen Brevier für die Diözese Augsburg die Buchmalerei – wie die Goldgrundinitialen und die floralen Randleisten, die zusätzlich mit Tieren, Menschen und Fabelwesen belebt sind – erst mehrere Jahre nach dem Druck ausgeführt worden. Nach und nach änderte sich das aber – die Handminiaturen wurden durch Holzschnitte ersetzt, auch die Initialen und Randverzierungen wurden gedruckt.

Neben vereinzelter Kritik an der neuen Technik, sie könne die Verbreitung häretischer Ansichten beschleunigen, wurde der Buchdruck von Gutenbergs Zeitgenossen geradezu begeistert aufgenommen. Er wurde als „Gottesgeschenk“ bezeichnet, als „göttliche Kunst“, als „ars sacra“, als „Kunst der Künste“ apostrophiert. Der päpstliche Legat Kardinal Nikolaus von Kues wünschte sich, „dass diese heilige Kunst, die in deutschen Landen erfunden wurde, auch nach Rom kommen möge“. Schließlich war man in kirchlichen Kreisen äußerst angetan von der Präzision, mit der nun die Messbücher für den Gottesdienst fehlerfrei und zahlenmäßig unbeschränkt vervielfältigt werden konnten. Außerdem konnten durch die Einführung der neuen Technik viele antike Werke wieder ans Licht gebracht und so auch vor dem Untergang bewahrt werden. Zudem wurde in den Lobeshymnen häufig der soziale Aspekt betont: Dass Bücher nun nicht mehr nur einer kleinen reichen Oberschicht vorbehalten war, sondern auch in andere Bevölkerungsschichten vordringen konnten. Denn der Buchpreis ging durch den Buchdruck schon um 1470, also 15 Jahre nach Erfindung des Buchdrucks, um mehr als die Hälfte zurück.

Das Spektrum der in Augsburg gezeigten Werke ist groß und offenbart die staunenswerte Vielfalt frühneuzeitlicher Druckerkunst. Dabei reicht die Palette von religiösen Werken, wie etwa der ersten illustrierten deutschen Bibel der Druckgeschichte, die um 1475 und damit rund 50 Jahre vor Luther in der Augsburger Offizin des berühmten Druckers Günther Zainer entstand, bis hin zu Boccaccios Novellensammlung „Decamerone“. Zainer zeichnet auch verantwortlich für den Druck des zweibändigen Prosalegendars „Der Heiligen Leben“, der am weitesten verbreiteten volkssprachlichen Legendensammlung des Spätmittelalters. Sie enthielt 251 Legenden der wichtigsten Heiligen der Kirche und griff im Gegensatz zu anderen Legendaren vor allem auf deutsche Vers- und Prosalegenden als Quellen zurück. Sie dienten vor allem zur klösterlichen Tischlesung.

Fast alle der gezeigten Exponate sind übrigens auf Deutsch verfasst, wie der „Deutsche Kalender“ des Druckers Johann Blaubirer, „Die vierundzwanzig Alten oder Der Goldene Thron“ von Otto von Passau, eine der populärsten christlichen Lebenslehren des Spätmittelalters, sowie das Hauptwerk des oberrheinischen Humanisten Sebastian Brant „Das Narrenschiff“. Da Augsburg zu jener Zeit keine Universitätsstadt war, gab es dort nur begrenzte Absatzmöglichkeiten für lateinische Literatur. Daher ist die damalige Druckermetropole der einzige Ort im deutschen Sprachraum, an dem mehr deutsche als lateinische Inkunabeln angefertigt wurden.

Zur Ausstellung ist ein reich illustrierter Katalog mit Objektbeschreibungen und Essays erschienen.

Sonderausstellung im Diözesanmuseum St. Afra Augsburg: „Augsburg macht Druck – Die Anfänge des Buchdrucks in einer Metropole des 15. Jahrhunderts“. Bis zum 18. Juni, Kornhausgasse 3-5, 86152 Augsburg

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