Vom Mythos zur Realität – Was Frauen wirklich wollen

„Starke Frauen brauchen keine Quote“: Eine ARD-Diskussion über Beruf und Kinderbetreuung in Berlin. Von Katrin Krips-Schmidt
Birgit Kelle, 2012
Foto: IN | Innovative Vorschläge: Birgit Kelle
Birgit Kelle, 2012
Foto: IN | Innovative Vorschläge: Birgit Kelle

Ein Blick über den Tellerrand ins europäische Ausland, ja sogar in die weite Welt, sollte es werden – die Fernsehredakteurin Gabi Kostorz versprach eine „große Bandbreite“. Die GIZ – die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit – hatte Anfang der Woche zu einer Podiumsdiskussion ins ARD-Hauptstadtstudio geladen. Das Thema der Veranstaltung lautete: „Frauenquote, ,Herdprämie‘ und Co. – Stimmen aus Algerien, Norwegen und Deutschland“, eingeleitet wurde sie von der Vorstandssprecherin der GIZ, der ehemaligen Umweltministerin von Baden-Württemberg, Tanja Gönner.

Mütter contra Gender-strategische Karrierefrau

Zumindest dem Standpunkt „pro Frauenquote“ dürfte bei der Debatte inhaltlich-argumentativ nicht viel Neues hinzugefügt worden sein, was man nicht schon vielfach woanders gehört hätte. Die Fronten verlaufen klar: die Quoten-Aktivistinnen auf der einen Seite, vertreten durch genderstrategisch tätige und Betreuungsgeld ablehnende Karrierefrauen, die der „Mütter“-Fraktion gegenübersteht, hier repräsentiert durch eine freie Journalistin mit vier Kindern zwischen vier und dreizehn Jahren.

Geradezu enthusiastisch schildert Fatma-Zohra Hechchad die Lebensumstände der algerischen Frau. In ihrem Heimatland, dessen Einwohner sich zu 99 Prozent zum Islam bekennen, gebe es keine Diskriminierung von Frauen, es ständen ihnen alle Türen offen, einen ihrer Neigung entsprechenden Beruf zu ergreifen, selbst dann, wenn sie Kinder hätten. Alles sei „überhaupt kein Problem“, betont Hechchad unablässig, die als Präsidentin der algerischen Industrie- und Handelskammer sowie als Bauunternehmerin in Personalunion ein paar Stunden in der Woche im Büro sitzt, ansonsten aber viel Zeit im Freien auf ihren Baustellen verbringt und Männern Anweisungen erteilt. Nebenbei hat Madame Hechchad auch noch einen neunjährigen Sohn und eine elfjährige Tochter zu versorgen, kocht das Essen, bäckt Brot, erledigt den Haushalt.

Wie sie es denn schaffe, ein derart zeitintensives Arbeitsprogramm zu bewältigen und es dann auch noch mit den Anforderungen einer Mutter zu vereinbaren, wollte die skeptische Moderatorin erfahren. Bei der Darlegung der flankierenden Rahmenbedingungen wird deutlich, dass Algerien von einer Umbruchsituation geprägt wird, die so nicht mehr lange Bestand haben wird. Hechchad, wie alle ihre berufstätigen Geschlechtsgenossinnen in dem nordafrikanischen Staat, profitiert (noch) von der Existenz der (erweiterten) Großfamilie: Nachbarinnen und vor allem die Großmütter, die zumindest bislang nicht erwerbstätig gewesen sind, kümmern sich um die Jüngsten, wenn Mama zur Arbeit geht. Staatliche Krippen gibt es hier erst für Kinder ab vier Jahren, mit fünf kommen die Sprösslinge in den Kindergarten. Ob Hechchads überaus positiv gezeichnetes Bild der emanzipierten algerischen Frau von heute der Realität entspricht? Zweifel sind da durchaus angebracht. Spätestens dann, als eine im Publikum sitzende Teilnehmerin der mitreisenden Delegation aus dem Maghreb mit Botschaftsangehörigen und Wissenschaftlerinnen Hechchads Aussage „Alle algerischen Frauen heiraten“ mit der, nur für die Umsitzenden hörbaren, Bemerkung kommentiert: „und viele lassen sich scheiden“.

Um die Erfahrungen mit der Einführung der Frauenquote in Norwegen geht es bei dem Statement der Politikwissenschaftlerin Kristina Jullum Hagen vom Hauptverband für Wirtschaft und Industrie, dem größten Arbeitgeberverband des skandinavischen Landes. Sie kritisiert zwar die Einführung einer Quote für die Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen seit 2002, preist aber zugleich die Vorteile, die diese ihrer Ansicht nach letztlich den Frauen und der Ökonomie beschert habe. Eine nicht ganz lautere Angelegenheit, wie die Journalistin Birgit Kelle findet. Eine Handvoll Frauen – der Volksmund taufte sie „Goldröcke“ – teilt sich nämlich die Mehrzahl der Posten, weil es nicht genügend kompetente Managerinnen gibt, was die Statistik letztendlich verfälsche.

Innovative Vorschläge gelangen erst durch Kelle in die Runde. Die Vorsitzende des Vereins „Frau 2000plus“, der laut eigenen Angaben für eine „moderne, kinder- und familienfreundliche Frauenpolitik“ eintritt, spricht sich gegen eine Förderung von Frauen via Quote aus, denn, so Kelle: „Starke Frauen brauchen keine Quote.“ Sie sollten aufgrund ihrer Fähigkeiten eine bessere Position besetzen, und nicht als „Quotenfrauen“ aufsteigen, was für sie ein Synonym für „die können nichts“ sei. Gerade Mütter, auch wenn sie berufstätig sind, setzen andere Prioritäten. Sie wollen nicht unbedingt in Führungspositionen tätig werden. Als Beleg für ihre Aussage wertet sie den Umstand, dass der Grundschulbereich zwar fast ausschließlich von weiblichen Lehrkräften versorgt wird, die Leitung jedoch in der Regel in den Händen von Männern liegt, und das bei Hunderten von vakanten Stellen, die nicht besetzt werden können, weil sich niemand, auch keine Frau, darum bewirbt.

Kindererziehung als ein Zeichen von Freiheit

Statt Quotenregelung befürwortet Kelle eine Neugestaltung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen für Mütter. Statt von Frauen zu fordern, alles gleichzeitig leisten zu müssen – Mutterschaft und Berufstätigkeit –, solle ihnen die Freiheit gelassen werden, in Ruhe ihre kleinen Kinder aufzuziehen. Wenn sie es dann möchten, könnten sie zu einem späteren Zeitpunkt in Teilzeit arbeiten. Oder auch wieder voll in den Beruf einsteigen, wenn der Nachwuchs aus dem Haus ist. Dazu verweist sie auf eine europaweit geführte Studie, der zufolge Mütter genau diese Vorstellungen äußerten: Sechzig Prozent der Befragten möchten während der ersten drei Jahre ihr Kind zuhause selbst erziehen.

Für die vierfache Mutter, die eine stundenweise Betreuung ihrer Kinder teuer privat organisiert hat, Grund genug, ein höheres Betreuungsgeld zu fordern: statt 150 Euro sollten es 500 bis 600 Euro sein, um Müttern Wahlfreiheit zu garantieren, damit sie selbst entscheiden könnten, ob sie zuhause bei ihren Kindern bleiben. Wir sollten, so Kelle, die gesellschaftliche Situation den Wünschen der Mütter anpassen und nicht versuchen, den Menschen zu verändern.

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