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Viele Menschen haben Sehnsucht nach Stille

Im Menschen scheint es ein Bedürfnis nach ergriffener Betrachtung des Erhabenen zu geben. Selbst die Aufklärung und alles Bemühen kalter Technokraten konnten das bisher nicht ausrotten. Und das ist schön so!
Tod von Königin Elizabeth II.
Foto: Dan Himbrechts (AAP) | 4 Milliarden Menschen verfolgten weltweit die Trauerfeierlichkeiten anlässlich des Todes von Queen Elisabeth II.

Was von den Trauerfeierlichkeiten für Elisabeth II. hängen bleibt? Bei mir sind es zwei Dinge. Zum einen die Kraft der Stille. Wer Londons Lärm kennt, der weiß, dass das, was da geschah, einem Wunder gleichkam. Als der Sarg der Königin in die Gruft der Sankt-Georgs-Kapelle hinabgelassen wurde und die letzten Klänge des königlichen Leib-Dudelsack-Spielers verklungen waren, war sie da. Die Stille.

„Es gibt ein ur-menschliches Bedürfnis nach Hochachtung,
ja sogar die nicht auszurottende Einsicht,
dass es doch so etwas wie Oben und Unten gibt“

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Freunde von mir, die an dem Tag in der Stadt waren, haben mir erzählt, wie geradezu unheimlich dieser Moment war. Wie dieser Moloch London plötzlich schweigend innehielt. Selbst der Flughafen Heathrow hatte den Flugverkehr kurz ausgesetzt. Kompletter Stillstand überall. Was für ein erhabener Moment! Und dann war da etwas, das uns allen zu denken geben sollte – auch den reformbegeisterten Kräften in unserer Kirche: Das Bedürfnis nach dem Majestätischen, dem Sakralen, nach dem Numinosen ist einfach nicht totzukriegen!

Wenn man sieht, wie sehr die Menschen weltweit – mehr als vier Milliarden verfolgten dieses Hochfest traditionalistischer Prachtentfaltung an den Fernseh-Bildschirmen – nach Ritus und Zeremoniell dürsten, dann wirkt der Eifer dumm und abwegig, mit dem wir seit Anfang der 1960er Jahre alles dafür tun, um unseren Zeremonien das Geheimnisvolle zu nehmen. Die allermeisten Handlungen, Rituale und Traditionen, die während der Trauerfeierlichkeiten für Elisabeth II. zu sehen waren, werden für die Milliarden Menschen vor den Bildschirmen ziemlich unverständlich gewesen sein. Aber liegt nicht gerade darin das Geheimnis ihrer Anziehungskraft?

Menschen wollen Mystisches erfahren, gemeinsam das Besondere erleben

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Gibt es „das Besondere“? Wenn es das Besondere gibt, dann muss es auch Erfahrungen geben, die es erlebbar machen. Gottesdienste zum Beispiel. „Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil“, lässt Goethe seinen Faust sagen, „ergriffen fühlt er tief das Ungeheure“. Ergriffenheit. Das Begräbnis der Queen sorgte dafür. Und unsere Gottesdienste? Ich verstehe das Bedürfnis, die liturgischen Handlungen verständlicher und begreifbarer zu machen. Aber wir haben ihnen damit eben auch weitgehend ihre Kraft genommen.

Und noch etwas hat dieser Tag in London gezeigt: Es gibt ein ur-menschliches Bedürfnis nach Hochachtung, ja sogar die nicht auszurottende Einsicht, dass es doch so etwas wie Oben und Unten gibt. Für die postmoderne Intelligenzia ist allein der Gedanke daran eine Provokation. Es darf diese Sehnsucht, seinen Blick „nach Oben“ ausrichten zu können, nicht geben. Aber es gibt sie. Verschleiern lässt sich die hierarchische Weltordnung, aber ausmerzen kann man den Sinn dafür wohl trotz aller Anstrengungen nicht.

Die Gegner werden es nie verstehen

Die Technokraten werden es weiter versuchen. Aber sie werden scheitern. Selbst der kluge Labour-Abgeordnete Clive Lewis musste das einräumen. In einem Meinungsbeitrag für die linksliberale Tageszeitung „Guardian“ seufzte er, dass ihm die Hochachtung für eine Institution wie die Monarchie ein Rätsel sei. Aber, seufzt er, solange die Linke das Gefühl nicht versteht, auf dem die Hochachtung für diese Institution fußt, wird sie die Menschen eben auch nie für deren Abschaffung gewinnen können.

 

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