Siegfried im falschen Film

Die Ring-Inszenierung von Frank Castorf auf den Bayreuther Festspielen lässt viele Fragen offen. Von Reinhard Nixdorf
Frank Castorf
Foto: dpa | Überall DDR: Frank Castorf.
Frank Castorf
Foto: dpa | Überall DDR: Frank Castorf.

„Kannst Du mir mal verraten, was die Isetta auf der Bühne soll?“ So klangen die Pausengespräche zu Frank Castorfs Inszenierung des „Rings des Nibelungen“ auf den diesjährigen Bayreuther Festspielen. Ratlosigkeit auch über die Leuchtschrift „Plaste und Elaste in Schkopau – VEB Chemische Werke Buna“ in der „Götterdämmerung“. Oder über die Aktionen des Regieassistenten Patric Seibert, der mal als Tankstellenpächter durch das „Rheingold“, mal als Bär durch den „Siegfried“ wuselte, um schließlich, in der Götterdämmerung, als Leiche die Zuschauer zu schocken.

Eine sehr freie Deutung der Wagnerschen Vorlage

Dabei steht Frank Castorfs Inszenierung des „Rings des Nibelungen“ nunmehr im dritten Jahr auf dem Programm der Festspiele, doch das Rätselraten nimmt kein Ende. Verfremdung ist Trumpf: Im „Rheingold“ ersetzt ein Swimmingpool den Rhein, Ort der Handlung ist eine heruntergekommene Tankstelle mit angeschlossenem Motel an der legendären Route 66 von Chicago nach Los Angeles. Heiß brennt die Sonne irgendwo im nördlichen Zipfel von Texas. Drei junge Frauen, spärlich bekleidet und wahrscheinlich käuflich, lungern zusammen mit einem Südstaaten-Proletarier im Unterhemd rund um einen Swimmingpool. Das sollen die Rheintöchter und der Zwerg Alberich sein. Sie trinken, eine grillt Würstchen, eine andere nimmt Dessous vom Wäscheständer. Alberich räkelt sich auf der Liege und schmachtet die Rheintöchter an. Die Frauen umschmeicheln ihn und werden schließlich ziemlich handgreiflich. Doch bieten sie dem Mann nicht, was er sich wünscht. Alberich hört etwas von Gold, Macht und Liebesverzicht, nimmt eine Senftube zur Hand und überspritzt, recht unappetitlich anzuschauen, seine Brust mit Senf. Man merkt: Hier verzichtet einer für alle Zeit auf die Liebe. Alle warten gespannt auf den Goldraub. Ein Sprung in den Swimmingpool und ein goldglänzendes Tuch wird herausgefischt. Den drei Frauen gefällt das natürlich überhaupt nicht. Hätten sie doch bloß weniger getrunken und gegrillt!

Im Stockwerk darüber wälzt sich ein schmieriger, ungepflegter Typ, Wotan, mit zwei Frauen, Fricka und Freia, im Bett. Zwei Schlägertypen mit Stemmeisen und Baseballschläger sorgen für Unruhe und wollen Schulden eintreiben: Fasolt und Fafner. Götter, Riesen und Zwerge werden als Halbwelt aus Schlägern, Nieten in Nadelstreifen, Zuhältern und Prostituierten dargestellt. Live-Kameras filmen alles und zeigen es auf großformatigen Videowänden – selbst das, was in den Nebenräumen vor sich geht. Dies verstärkt das Gefühl, in einem Film zu sein, aber wahrscheinlich im falschen. Parallel zum Geschehen auf der Bühne ertönt aus dem Orchestergraben Musik von einem gewissen Richard Wagner.

Aber die Lust an der Verfremdung weicht in der „Walküre“ einem ziemlich konventionellen Inszenierungsstil. Und im Gegensatz zum „Rheingold“ ist dort nachzuvollziehen, worum es in der Wagner-Oper geht: die Geschwisterliebe zwischen Siegmund und Sieglinde und den Verstoß der dem Paar zur Hilfe eilenden Walküre Brünnhilde durch ihren Vater Wotan. Eine Chronologie fehlt, die „Walküre“ spielt zu anderer Zeit und an anderem Ort. Mit dem „Rheingold“ verknüpft die „Walküre“ nur noch das Öl. Aber gerade der Rohstoff Öl ist es, der sich durch Castorfs ganze „Ring“-Inszenierung zieht: Von der Tankstelle über den Bohrturm, der nun auf der Bühne auftaucht, bis zu den Plastik-Krokodilen im „Siegfried“ dreht sich alles um diesen endlos formbaren Stoff. Offensichtlich ist das Öl für Castorf der eigentliche Ring des Nibelungen, der Macht und Herrschaft verleiht, aber seinem Besitzer Unglück bringt. Dieses Wechselspiel soll offenbar anhand des Aufstieg und Falls des Kommunismus gezeigt werden.

Tatsächlich spielt „die Walküre“ in einer russischen Ölförderanlage: Hundings Hof ist eine Holzhütte mit Bohrturm und liegt in Baku, in der späteren Sowjetunion: Wotan liest in der „Prawda“, kyrillische Schriftzüge erscheinen ebenso wie schwarz-weiße Sequenzen aus russischen Filmen. Schließlich leuchtet der rote Stern über dem Bohrturm. Am Ende der „Walküre“, das suggerieren Videoprojektionen, ist man im Jahr 1942 angelangt.

Brünnhilde ist in der „Walküre“ auf sowjetischen Ölfeldern zu einer Zeit in Tiefschlaf versetzt worden, als es noch so etwas wie kommunistische Aufbruchsstimmung gab. Seitdem hat Mime ein kommunistisches Gegenstück zu den vier Präsidenten aus Stein auf dem Mount Rushmore geschaffen und überlebensgroß die Köpfe von Marx, Lenin, Stalin und Mao in Stein gehauen. Wie bei den anderen Teilen des „Ring“ hat der Bühnenbildner Aleksandar Denic die Drehbühne des Festspielhauses für imposante Aufbauten genutzt: Ein heruntergekommener Berliner Alexanderplatz bildet die Kehrseite zu den hehren Säulenheiligen des Kommunismus: hier Theorie, dort Praxis. Und so erwacht Brünnhilde aus ihrem Schlaf, der von Wotan als Strafe gedacht war, mitten in der tristen Spätphase der DDR und der Held, der sie erretten soll, ist ein schmieriger Killer. Siegfried ballert Fafner mit einer Kalaschnikow nieder, schaut dem sterbenden Mimen beim Todeskampf ungerührt zu und säubert sich dabei mit der Mordwaffe die Fingernägel (was er wohl vom Großvater Wotan übernommen hat, der zu Alberichs Fluch dasselbe Verhalten an den Tag legte). Da müssen Walküre wie Zuschauer erst einmal schlucken. Aber ist das so falsch? Und deuten die gefräßigen Krokodile auf dem Alexanderplatz nicht schon an, dass auch dieser wenig attraktive Sozialismus sehr bald gefressen werden wird?

Aber so sehr der Bühnenbildner Aleksandar Denic dieses Ende prophezeit – in der „Götterdämmerung“ werden dazu die Leuchtschrift „Plaste und Elaste in Schkopau – VEB Chemische Werke Buna“ und eine verpackte Fassade der New Yorker Börse bemüht – Ort des Geschehens ist das Berliner Hinterhofmilieu mit Dönerbuden, Gemüsehandel. Und Siegfried, Hagen und die Gibichungen als Kriminelle aus der Unterschicht. Mit dieser Welt haben Staatskommunismus, US-Kapitalismus oder Finanzmanipulationen – allesamt Machtsysteme, die eine „Ring-Herrschaft“ widerspiegeln – wenig zu tun. Sie bilden höchstens so etwas wie ein „Rauschen im Hintergrund“. Es sind eben alle Gauner, Götter wie Gemüsehändler – will das Frank Castorf sagen? Am Ende stirbt Siegfried nicht durch Hagens Speer, sondern wird von ihm mit einem Baseballschläger totgeprügelt und verendet trostlos hinter Obstkisten. Sein Mörder darf in einer Videoprojektion als Toter auf den See fahren, während er gleichzeitig in die Ölfeuertonne stiert, in welche die Rheintöchter den von Brünnhilde zurückerhaltenen Ring geworfen haben.

Es geht nicht um Gralshüterei, nicht darum, zu Flügelhelm, Speer und Rauschebart zurückzukehren. Wer den Ring heute nach den Regieanweisungen des Meisters aufführen wollte, würde Wagner nichts Gutes tun. Dass aber Neuinterpretationen gelingen, zeigte die Inszenierung des „Fliegenden Holländers“ von Jan Philipp Gloger, die nunmehr im vierten Jahr auf dem Programm der Festspiele stand. Der Fliegende Holländer, in der Sage ein zu ewigem Herumirren auf dem Meer verfluchter Seemann, wird hier zur „Heuschrecke“, zum Kapitalisten, der für den Preis der Profitsteigerung bereit ist, sich selbst und alles um ihn herum zu zerstören. Bei Castorfs Ring hatte man dagegen den Eindruck, der Regisseur habe sein Heil allein in der Verfremdung und im Verwenden drastischer Bilder gesucht: Es ging einfach so schrill und klamaukhaft zu, Text und Musik standen in der Gefahr, erschlagen zu werden: Dabei waren die Leistungen von Sängern, Orchester und Dirigent beachtlich: Stefan Vinke glänzte als Siegfried vor allem, weil ihm die Deutung des so gar nicht sympathischen Helden gelang. Brünnhilde war mit Catherine Foster ebenso bestens besetzt, in ihrer Paraderolle fühlte sie sich erkennbar wohl. Und Kirill Petrenk, der Dirigent, schaffte ein musikalisches Konzept, das über die Inszenierung dieses Rings weit hinausragt. Das wird nachhallen.

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