Schmerzhaft für Asiaten

Die Universität Harvard wird wegen Diskriminierung angeklagt. Von Alexander Riebel

Ist Harvard fair“? So fragen zurzeit Zeitungsartikel in Amerika, die sich auf den Prozess gegen die älteste Hochschule der Vereinigten Staaten beziehen. Der Prozess, der vor wenigen Tagen begonnen hat, wird als historisch bezeichnet, weil der Universität in großem Umgang Diskriminierung studentischer Bewerber vorgeworfen wird. Das betrifft in erster Linie die Amerikaner mit asiatischen Wurzeln. Sie haben bei den Aufnahmeverfahren wesentlich weniger Punkte bekommen, als die weißen Amerikaner oder sogar Schwarze. Wird die amerikanische Diskussion zur Diskriminierung auch bald nach Deutschland schwappen? Auch hier gibt es Auswahlverfahren der Hochschulen mit Punktesystemen.

Universitäten in Amerika steht ein Wandel bevor

Was derzeit aber in Amerika passiert, sieht aus wie eine Vorstufe zu dem Gedanken, der hier schon durch die Feuilletons geistert: Zeig mir Deine Gene und ich sag Dir, wer Du bist und was aus Dir wird. Nur, das Medizinische wird noch nicht beherrscht, das Ethnologische schon.

Es ist ganz normal, dass an amerikanischen Universitäten Punkte für die Aufnahme von Studenten vergeben werden, um einen Mix aus sozioökonomischen, geographischen und „rassischen Hintergründen“, wie das Magazin „The Atlantic“ ohne Anführungszeichen schreibt, herauszufinden. Dabei wird auch nach Interessen und der Persönlichkeit der Bewerber gefragt sowie nach dem Bildungshintergrund der Eltern; als asiatisch gelten auch Fähigkeiten wie Klavierspielen, Geige oder Badminton – doch diese Stereotypen sind bei den Entscheidern nicht gefragt. Trotz bester fachlicher Qualifikationen wurden die Diskriminierten in den weicheren Auswahlkriterien heruntergestuft. Asiatisch-stämmige Amerikaner gegenüber Weißen in den Kategorien „Integrität“ oder „Mut“ herunterzustufen, komme der Bezeichnung „hinterhältig“ oder „unergründlich“ gleich, kommentiert das Onlineportal von CNN.

Gegen die Diskriminierung hat die Vereinigung asiatisch-stämmiger „Studenten für faire Zulassung“ unter Leitung von Ed Blum bereits 2014 eine Klage eingereicht; Harvard musste inzwischen die Unterlagen offenlegen. Damals hatten die Kritiker von Harvard eine gesetzwidrige „rassische Balance“ bemerkt, wonach auch Schwarze und Hispanics zum Nachteil der Asiaten bevorzugt wurden. Ist es die Sorge vor Überfremdung in leitenden Positionen? Asiaten mögen nicht schlauer sein als andere, aber bekanntlich arbeiten sie besonders hart und diszipliniert – die Ethik des Konfuzius stellt die des Protestantismus in den Schatten, heißt es. Auch dass die meisten asiatischen Bewerber aus Mittelklassefamilien kommen, gefällt den Elite-Universitäten nicht. Kann sich an der Lage in Zukunft überhaupt etwas ändern? Die Voraussetzung des Problems ist der harte Konkurrenzkampf unter Universitäten und Studenten in Amerika. Wollten Ende der 60er Jahre die weitaus meisten Studenten noch eine für ihre Zukunft bedeutsame Lebensphilosophie verwirklichen, so zählen heute Geld, Ruhm und Image. Damit hat sich auch die Situation an den Elite-Universitäten verschärft. Das geht so weit, dass asiatisch-stämmige Amerikaner versuchen, als Asiaten nicht mehr aufzufallen, und es gibt sogar Beratungsunternehmen, die dazu verhelfen.

Doch das kann nicht die Lösung sein. Es gibt bereits Vorschläge, eine Mischung von Elite und offenem Hochschulzutritt, privat und öffentlich, anzustreben. Auch sollte es mehr Informationsaustausch über die Bewerber geben, um die kulturelle Fixierung zu überwinden. Harvard hat vor einigen Jahren ein Ausbildungsportal im Internet geschaffen, das frei zugänglich ist. Yale dagegen hat den Umfang der Anfängerklassen erhöht, wie CNN berichtet. Solange es den Wettbewerb gibt, ist jeder mit im Hamsterrad – ob Universitäten oder Studenten. Wenn dann noch die gefühlte Gefahr durch eine Gruppe der Fleißigen hinzukommt, ist das Unrechtssystem perfekt. Und genau darüber wird im Prozess gegen Harvard verhandelt, der zukunftsweisend für die amerikanischen Elite-Universitäten sein könnte.

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