Ruhe für das Kind

Warum das Grundbedürfnis nach innerer Ruhe vor allem von den Eltern befriedigt wird. Der VII. und letzte Teil der Bindungsserie. Von Maria Elisabeth Schmidt
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Foto: dpa | Je tiefer ein Kind an die Eltern gebunden ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es sich einmal zur vollen Reife entwickelt. Wer das bestreitet, sollte sich fragen, ob denn ein Baum zu tief verwurzelt sein kann.

Ruhe ist ein Grundbedürfnis des Kindes. Deshalb braucht es ein Ambiente, das ihm sagt, es ist alles in Ordnung. Das ist Aufgabe der Eltern. Doch viele Kinder hören häufig Worte wie: „Du machst mich wütend“, oder „ich bin enttäuscht“, „traurig“ oder auch: „Wenn du dich so verhältst, brauchst du dich nicht zu wundern, dass ich nicht gerne mit dir zusammen bin.“ Damit geben sie dem Kind die Verantwortung für ihre Gefühle. Aber wie kann man erwarten, dass ein Kind Verantwortung für die Gefühle der Eltern übernehmen kann, wenn schon die Erwachsenen das nicht hinbekommen? Es ist eine Überforderung, die die Kinder in innere Unruhe versetzt, und zwar nachhaltig, denn für sie zählt vor allem, ob Mama und Papa sie noch (oder wieder) liebhaben und bei sich haben wollen. Ein Kind kann anders nicht zur Ruhe kommen. Es braucht diese Bindungs-Ruhe, um reifen zu können.

Das gehetzte und rastlose Kind

Der bekannte Kinderpsychologe und Autor David Elkind befasst sich in seinem Bestseller The Hurried Child (auf Deutsch: Das gehetzte Kind) in beeindruckender Weise mit dieser Herausforderung, der immer mehr Kinder ausgesetzt sind. Sie sind rastlos und können nicht zur Ruhe kommen; das Gehirn bleibt im permanenten Arbeitsmodus.

Hinzu kommt bei Kita-Kindern oft der permanente, leichte Lärmpegel in den angrenzenden Räumen. Er verhindert das Versinken in die regenerierende Schlafphase. Das Kind döst mehr als es schläft und auch das verhindert das Wachstum des Gehirns. Das Gehirn kennt zwei Zustände: Den der Arbeit (sympathisches Nervensystem) und den der Ruhe (parasympathisches Nervensystem). Sobald letzteres aktiviert ist, kann die Entwicklung weitergehen.

Was können Eltern tun, um dem Kind diese Ruhe zu ermöglichen? Wovon muss es sich vor allem ausruhen können und dürfen? Es ist die Arbeit für und an Bindung. Bindung ist das größte Bedürfnis für Kinder, noch wichtiger als Hunger und Durst. Das erklärt ihr ständiges Streben nach Zuwendung, nach Zugehörigkeit, nach Liebe, Geborgenheit und Aufmerksamkeit. Wenn Bindung also das größte Bedürfnis ist, dann sind der Kampf und die Arbeit an und um Bindung genau das, wovon es sich am allermeisten ausruhen können muss. Übrigens: Auch bei der Nutzung der digitalen Medien sieht man, wie sehr Kinder an Bindung arbeiten; ihr Einsatz für mehr Likes bei Facebook bildet hier lediglich die Spitze eines gewaltigen Eisbergs.

Die Antwort auf die Frage, wie Eltern diese Ruhe für ihr Kind ermöglichen können, ist daher relativ leicht zu beantworten: Indem sie die Bindungsarbeit tun! Es gilt dem Kind zu vermitteln, dass nichts, aber auch gar nichts sie von der Liebe der Eltern zu ihnen trennen kann. Das Erfolgsrezept dafür ist einfach: Man mache das Angebot an Nähe und Bindung größer als die Nachfrage. Wenn Eltern dem Kind mehr Nähe, als es gerade braucht, mehr Wertschätzung, mehr Zugehörigkeit widmet, als das Kind sich wünscht, multipliziert sich die Wirkung! Dazu gibt es spannende Studien. In einer Studie gingen zwei Gruppen von Eltern mit kleinen Kindern, die schon laufen konnten, spazieren. Die Väter der einen Gruppe sagten sinngemäß zu ihren Kindern: „Schatz, du kannst ja schon alleine laufen. Alles, was du selber laufen kannst, läufst du auch, und wenn du nicht mehr kannst, nehme ich dich auf meine Schultern.“ Die Väter der anderen Gruppe sagten zu ihren Kindern etwas, wie: „Oh Schatz, ich liebe es, wenn du auf meinen Schultern reitest. Klar, ich weiß, du kannst alleine laufen, aber du kannst jederzeit auf meine Schultern!“ Die Kinder der beiden Gruppen reagierten sehr unterschiedlich. Die der ersten Gruppe waren besessen davon, auf Papas Schultern zu kommen, denn dieses Bindungsangebot war für sie sehr unsicher. Die Kinder der anderen Gruppe dagegen, die überzeugt waren, dass Papa sich sogar freuen würde, wenn er sie auf die Schulter nehmen darf, waren sich ihrer Bindung sicher. Sie konnten laufen und sich verausgaben, wussten sie doch, sie bräuchten im Grunde nur einmal mit dem Finger zu schnippen und schon würden sie getragen werden. Doch diese Kinder dachten gar nicht daran, sondern hatten viel Freude beim „selber Laufen“. Die anderen dagegen liefen nur wenig und gaben sich schnell erschöpft, um wieder auf die Schulter von Papa zu gelangen.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Großzügigkeit, das Angebot größer zu machen als die aktuelle Nachfrage es erfordert, nicht zwangsläufig gleichbedeutend ist mit extremer Mehrarbeit – oft ist sogar das Gegenteil der Fall. Denn wenn ein Kind sich der Liebe und Bindung sicher ist, muss es nicht länger wertvolle Energie damit verschwenden, immer wieder abzuchecken, wie es um die Bindung steht oder gar dafür arbeiten.

Es geht also nicht um die Frage, „Was muss ich tun, damit mein Kind...?“, sondern es geht um die Eltern selbst. Sie sind die Antwort auf seine Bedürfnisse, und sie können diese Bedürfnisse in den allermeisten Fällen am besten stillen! Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber wichtig ist: Die Eltern sollen diese innere Stimme in sich wiederfinden, die ihnen sagt: Du bist das Beste für Dein Kind. Eltern kennen ihre Kinder am besten und haben die größte Liebe für dieses Kind. Darum: Je weniger die gesellschaftliche Kultur Eltern bei dieser Aufgabe unterstützt und je mehr diese ihr Vertrauen in sich verlieren, umso stärker wird der Staat und umso unruhiger und unsicherer werden die Kinder. Kinder brauchen die Eltern! Sie brauchen diese Nähe und Liebe! Bindung ist das wissenschaftliche Wort für Liebe, für Beziehung, und die Bindungsmägen vieler Kinder knurren, bildlich gesprochen, ständig. Das ist ein häufiger Grund dafür, dass so viele Kinder nicht mehr zur Ruhe kommen können und in ihrer Entwicklung steckenbleiben.

Tiefe Bindung und volle Reife

Die tiefe Bindung an die Eltern brauchen Kinder aber auch noch aus einem weiteren Grund: Es kommt der Tag, an dem sie sich äußerlich von den Eltern trennen, sei es, weil sie zum Studium in eine andere Stadt ziehen, sei es, weil sie auf längere Reisen gehen oder heiraten. Wenn Bindung der entscheidende Faktor für Entwicklung ist, ist das Gegenteil von Bindung, die Trennung, bedrohlich. Wenn ein Kind räumlich von uns getrennt ist, wird es sich anderweitig binden und zwar in der Regel an seine Gleichaltrigen, mit denen es in Schule, im Verein und in der Freizeit zusammen ist. Bei zu viel Interaktion mit Gleichaltrigen entwickelt sich aus der Gleichaltrigen-Bindung eine Gleichaltrigen-Orientierung: Das bedeutet, dass seine Peers ihm wichtiger geworden sind als seine Eltern. Jetzt wird er ihnen folgen, ihnen ähnlich werden, ihre Werte, Sprache, Gesten, Meinungen übernehmen. Und er wird auf ihrer Seite sein und wertschätzen, was ihnen wichtig ist.

Oft fragen sich Eltern, ob ein Kind denn auch zu tief gebunden sein kann. Gegenfrage: „Kann denn eine Pflanze zu tief gebunden sein?“ Nein, ein Kind kann zu oberflächlich oder zu unsicher gebunden sein, aber niemals zu tief. Unsere Gesellschaft glaubt, dass ein Kind sich sozusagen abtrennen muss, um erwachsen werden zu können. Aber muss – um im Bild zu bleiben – eine Pflanze sich abtrennen, um reifen zu können? Die Bindungsforschung sagt eindeutig, dass je tiefer die Kinder und Jugendlichen an die Eltern gebunden sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich zur vollen Reife entwickeln werden. Wenn sie in richtiger Weise, also geborgen und tief an die Eltern gebunden sind, schenken sie Vertrauen und suchen bei den Eltern Rat, Orientierung, Trost. Sie werden Freunde der Eltern und das ist das schönste und wertvollste Ergebnis einer liebevollen Erziehung.

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