Romantiker fanden in der Kirche ihre Heimat

Eine Tagung in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ aus Anlass des beginnenden Kleist-Jahrs. Von Anja Kordik
"Kreuz im Gebirge", Caspar David Friedrich
Foto: IN | Das „Kreuz im Gebirge“ von Caspar David Friedrich.
"Kreuz im Gebirge", Caspar David Friedrich
Foto: IN | Das „Kreuz im Gebirge“ von Caspar David Friedrich.

„Was ist Romantik? – Den kulturellen Reichtum einer Epoche erleben“ – zu Beginn des Kleist-Jahres lud die Katholische Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim-Ruhr zu einer mehrtägigen Tagung ein. Es ging dabei um ein Gesamtpanorama der Romantik, die Literatur, Musik und bildende Künste gleichermaßen umfasst. Im Wechsel stellten die promovierte Literaturwissenschaftlerin Ursula Heindrichs, und ihr Mann, der Musikwissenschaftler, Professor Heinz-Albert Heindrichs, die Entwicklungen in Dichtung – von der Frühromantik mit Hölderlin und Kleist bis zu Eichendorff – und Musik jener Epoche dar. Gegen Ende der Tagung gab die Kunsthistorikerin Anke Repp-Eckert, Mitarbeiterin am Essener Folkwang-Museum, einen Überblick zur Malerei der Romantik, um das Panorama abzurunden.

Wesentlich waren auch die gesellschaftlichen und geistig-kulturellen Hintergründe, vor denen sich die Romantik als neue, alle Kulturbereiche erfassende Bewegung entwickelte. Die Epoche begann an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert – in einer Zeit sozialer Umbrüche am Beginn der Industrialisierung. Geistig hatten Aufklärung und Französische Revolution tiefe Spuren hinterlassen.

So schildert der Dichter Jean Paul (1763–1825) in seiner philosophisch-theologisch inspirierten „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ die innere Verfasstheit des modernen Menschen: von Gott entfernt, Grauen empfindend angesichts dieser Gottferne, die ihn in geistig-seelische Heimatlosigkeit stürzt und die Welt ins Nichts versinken lässt – oder um es mit den Worten Jean Pauls zu sagen: „Und als ich aufblickte zur unermesslichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren, bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos, zernagte es und wiederkäute sich...“

Eindrucksvoll beschreibt Jean Paul das Lebensgefühl des modernen Menschen. Zugleich entlarvt er den Selbstbetrug der Moderne, die wähnte, die Loslösung vom Gottesglauben samt allen damit verbundenen moralischen Zwängen sei eine Befreiung. „Die Romantiker wollten den entstandenen Riss zwischen Verstand und Seele schließen“, so die Referentin Ursula Heindrichs. „Nicht zuletzt war die Romantik eine Reaktion, eine Gegenthese zur Aufklärung mit ihrer Überbetonung der Ratio.“ Viele Romantiker suchten neue Wege zum Glauben, fanden geistige Heimat gerade in der katholischen Kirche. Zu ihnen gehörten Clemens Brentano (1778–1842), der nach einem äußerst bewegten und von ihm als sündhaft empfundenen Leben zum Katholizismus zurückkehrte, und Joseph von Eichendorff (1788–1857), der schon früh von tiefer Gläubigkeit durchdrungen war. Sein Leben lang versuchte Eichendorff, seiner doppelten Berufung – als Christ und als Dichter – gerecht zu werden, literarisches Streben und Glaubenszeugnis in Einklang zu bringen.

„Die Romantik als Lebensgefühl umfasste nicht nur Literatur, Musik und Malerei, sondern auch Philosophie und Religion. Sie suchte, Verbindungslinien zu schaffen zwischen den verschiedenen Bereichen des Kultur- und Geisteslebens“, so die Literaturwissenschaftlerin. Sie zitierte dazu den Kulturphilosophen und Schriftsteller Friedrich Schlegel (1772–1829), einen der wichtigsten Vertreter der Jenaer Frühromantik. In einem theoretischen Traktat spricht Schlegel von der „romantischen Poesie“ als einer „progressiven Universalpoesie“: „Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen.“

Die Romantiker einte das Streben nach freier Entfaltung der schöpferischen Kräfte, nach Entgrenzung. Von den formalen Fesseln der Klassik wollten sie sich lösen, was bei einigen Vertretern der Weimarer Klassik, insbesondere bei Goethe, vehemente Ablehnung hervorrief.

Kennzeichnend für die Zeit war das Fragmentarische

„Die Romantik verstand sich als Ausdruck einer fortwährenden, nie ans Ende gelangenden geistig-künstlerischen Bewegung“, so Ursula Heindrichs. „Kennzeichnend für die Romantik war das Fragmentarische, Torsohafte – ein Gegensatz zur Klassik, die stets das vollendete Kunstwerk anstrebte.“ Als Beispiel für die Neigung zum Fragmentarisch-Unvollendeten nannte die Literaturwissenschaftlerin den zwischen 1800 und 1802 entstandenen Briefroman „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis' (1772–1801): „Dieser Roman blieb Fragment, musste es bleiben, weil Novalis darüber starb. Zugleich aber war das Fragmentarische für die Romantiker Programm. Denn der Anspruch, sich geistig ständig weiter ins Universelle hin auszuweiten, kann niemals zum Ende kommen.“

In der Musik entwickelte sich rasch die nationale Oper. In Deutschland waren Hauptvertreter dieser Gattung zunächst Carl Maria von Weber mit seinem „Freischütz“ und später Richard Wagner mit dem „Ring der Nibelungen“, in Frankreich Hector Berlioz mit den „Trojanern“, die er als Gegenentwurf zu Wagner konzipierte. In Russland galt Modest Mussorgskis 1870 fertiggestellte Oper „Boris Godunow“ als „musikalisches Volksdrama“. In der Musik der Romantik gab es jedoch nicht nur die große Oper, sondern auch das kleine Format, wozu insbesondere die sogenannten „Charakterstücke“ für Klavier – auch „lyrische Stücke“ oder „Genrestücke“ – gehörten. Ein solches „Charakterstück“ war ein kürzeres Musikstück und sollte einer Stimmung Ausdruck verleihen – diese wurde meist schon im Titel umschrieben: „Sehnsucht“ von Franz Liszt oder „Tristesse“ von Frédéric Chopin, „Erster Verlust“ von Robert Schumann.

In der Malerei gelten insbesondere Caspar David Friedrich (1808–1885) und William Turner (1775–1851) als führende Vertreter der Romantik. Auch auf dem Gebiet der bildenden Künste ist eine Rebellion gegen formale Zwänge festzustellen. „Im Aufbrechen des bis dahin gültigen klassischen Bildaufbaus – mit einem klar definierten Bildzentrum – fand diese Auflehnung ihren Ausdruck“, so die Essener Kunsthistorikerin Anke Repp-Eckert und präsentierte als Beispiel Caspar David Friedrichs um 1818 entstandenes berühmtes Werk „Kreidefelsen auf Rügen“: Die traditionellen Grenzen zwischen Bildvordergrund, -mitte und Bildhintergrund sind in diesem Gemälde weitgehend aufgelöst: Felsen, Meer und Horizont fließen gleichsam ineinander.

Bei vielen Malern der Romantik zeigt sich – wie in der Dichtung – eine verstärkte Hinwendung zur Religion: Bei Philipp Otto Runge (1777–1810), Franz Pforr (1788–1869), Friedrich Wilhelm von Schadow (1788–1862) und nicht zuletzt bei Johann Friedrich Overbeck (1789–1869), einem der bedeutendsten Protagonisten der Nazarenischen Kunst, zu Beginn des 19. Jahrhunderts von deutschen Künstlern in Wien und Rom begründet. Ziel war es, die Kunst aus der Wiederentdeckung der klassischen italienischen und deutschen Kunst im Geist des Christentums zu erneuern.

Wie hat die Romantik Entwicklungen in der Kunst bis heute beeinflusst? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage ist schwierig, konkrete Bezüge sind zumeist schwer festzumachen, wie die Tagung in der „Wolfsburg“ zeigte. In der Musik entwickeln Richard Strauß, Debussy, Ravel, Olivier Messiaen, Arnold Schönberg, Karlheinz Stockhausen und Hans Werner Henze die romantische Idee frei fließender Tonfolgen weiter. In der Literatur, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, bringen Lyriker wie Günther Eich und Ilse Aichinger eine neue, von der Romantik beeinflusste Innerlichkeit zum Ausdruck. Überraschend ist, dass in manchen Subkulturen der Gegenwart, etwa in der ab Anfang der 80er Jahre entstandenen „Gothic Szene“, der romantische Geist weiterlebt: die Sehnsucht nach Erlösung, Grenzenlosigkeit.

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