Roadmap für die Reise durchs Leben

Der Missionar Oskar Wermter SJ zeigt Wegweiser für Gläubige in der „Pilgerkirche“. Von Michael Gregory
Missionar Oskar Wermter SJ
Foto: IN | Unsere Berufung sei es, viele Orte zu durchwandern, schrieb bereits der heilige Ignatius von Loyola.

Bereits der Ordensgründer Jesuiten, Ignatius von Loyola, begriff sich als Pilger, der nach bewegten Zeiten beim Militär neue Wege ging und sich bis zu seinem Tod auf die Suche nach „Gott in allen Dingen“ gemacht hatte. Doch man muss nicht der Gesellschaft Jesu angehören, um das neue (schlanke) Buch von Pater Oskar Wermter SJ „Grenzen überschreiten. Der Glaube ist eine Reise“ mit Gewinn zu lesen.

Wermter kann auf einen großen Schatz an Erfahrungen zurückgreifen. Als Missionar in Simbabwe, dem früheren Rhodesien, führt er seit 50 Jahren ein Leben in Rastlosigkeit. Seiner Berufung und seinem Orden stets die Treue haltend, ist er Sendungen gefolgt, die ihn als Seelsorger, Publizist, Pressesprecher und Wissenschaftler in viele Teile des südlichen Afrikas geführt haben. Auch den Lesern der „Tagespost“ ist er seit rund zwanzig Jahren als Gastautor und verlässliche Informationsquelle aus einem Teil der Erde bekannt, der zu den politisch dynamischsten zählt.

Das gilt in ähnlicher Weise für die Entwicklung des Glaubens. Er wächst und blüht in vielen Ländern Afrikas südlich des Äquators. Wermter schreibt in diesem Zusammenhang, dass der lebendige Glaube, den so mancher Flüchtling aus Afrika nach Europa mitbringt, der teils fade gewordenen Glaubenspraxis in den europäischen Kirchen zu neuer Vitalität verhelfen könne – vorausgesetzt die neue Ressource wird erkannt und richtig genutzt. Glaube als Wanderschaft – bevor sich Wermter den Voraussetzungen widmet, die aus dem Weg eine gelungene Reise machen, hat die Theologie das Wort. Was bedeutet „Auf-dem-Weg-Sein“ für Christen? Welche Bezugspunkte haben sie? Schon Abraham ereilte der Ruf, sein Land zu verlassen. Moses führte die Israeliten aus Ägypten. Später sandte Jesus seine Jünger hinaus in die Welt, um das Wort zu verkünden. Die frühen Christen nannten ihr neues Leben „Der Weg“. Der heilige Ignatius schrieb in den Ordensstatuten „Nostrae vocationis est multa loca peragrare“ – es ist unsere Berufung, viele Orte zu durchwandern. Ein späterer Gefährte, Papst Franziskus, fordert die Gläubigen auf, „an die Ränder zu gehen“.

Wermter baut darauf seine zentrale Botschaft auf, die sich wie ein roter Faden durch das schmale, nur rund 90 Seiten starke Buch zieht: Die gesamte Kirche ist eine Pilgerkirche, die sich ständig weiterbewegen, wandeln und erneuern muss. Der Glaube sei ein Weg an der Seite Gottes, der „ein Gott der Überraschungen“ sei. Kurz: Es ist jederzeit mit allem zu rechnen. Langweilig wird es mit Gott also nie.

Sich einlassen auf einen „Gott der Überraschungen“ sei, so Wermter, eine zentrale Bedingung für eine erfolgreiche Wanderschaft durchs Leben. In „Crossing Border Lines“ – einer lebendigen, immer aufs Wesentliche konzentrierten Schrift – nennt er weitere Erfolgsfaktoren als Wegweiser und Leitplanken (und zugleich Herausforderungen!), die Orientierung auf der Reise geben können – nicht nur aus afrikanischer Perspektive.

Wegweiser Nr. 1: Vertrauen auf und in Gott. Wermter: „Das Gebet der Gebete ist: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Dieses Gebet bittet nicht um Geschenke, wie oft üblich, sondern bietet uns selbst in freier Entscheidung dem Herrn an.“

Wegweiser Nr. 2: Maria, die Mutter Gottes, steht als perfektes Vorbild für den Weg bereit. Maria, die in einem Akt völliger Freiheit und „umfassender Personalität“ die Botschaft des Engels angenommen hat. Maria als Beispiel für Frauen und Männer, vor allem aber als Leitbild für moderne Weiblichkeit – dies empfiehlt der Jesuit, der als Seelsorger das pralle Leben im Süden Afrikas genau kennengelernt hat, seine Höhen, aber auch seine Abgründe, in den Slums der großen Städte ebenso wie auf dem flachen Land. Wermter setzt jedoch keine überzogenen Standards, sondern orientiert sich an traditionellen afrikanischen Haltungen. Dazu gehören Offenheit gegenüber Glaubenserfahrungen, das Ja zur Familie, Gastfreundschaft und die besondere Fähigkeit, mit Krisen umzugehen. Wer einmal selbst eingetaucht ist in afrikanische Lebenswelten, weiß, worauf Wermter sich bezieht.

Wegweiser Nr. 3: Gewaltlosigkeit. Sie gehöre ebenfalls zu einer guten „Reise“, so Wermter. Der Priester nennt Erfahrungen aus der eigenen Kindheit: seinen Vater, der in russischer Kriegsgefangenschaft starb, die Vertreibung der Mutter und fünf Kinder aus Ostpreußen in die spätere DDR, später dann die Flucht nach Köln. Gewalt war es, die ins Elend führte und führt. Der Ordensmann nennt zahlreiche Beispiele aus afrikanischen Lebenswelten, vor allem in den Städten: häusliche Gewalt, die sich Männer als Recht herausnehmen, Aggressivität im Straßenverkehr (in Afrika zum Teil noch problematischer als bei uns), Herrscher, die über Leichen gehen, um ihre Macht zu sichern. „Wir müssen eine neue Haltung gewinnen und das Gebot der Feindesliebe ernst nehmen“, sagt Wermter, der mit der These vom gerechten Krieg wenig und mit einem Recht auf Abtreibung gar nichts anfangen kann. Gerade jene, die für den Erhalt der Umwelt stritten, sähen oft nicht den Wert des ungeborenen Lebens. Frauen, so Wermter, verdienten in ihrer Weiblichkeit noch mehr Respekt und Anerkennung als Männer. Sie seien mehr als Verfügungsmasse auf dem Arbeitsmarkt. Aber auch in der Kirche seien Frauen „die versteckte Kraft, von der noch nicht voller Gebrauch gemacht wurde“. Flüchtlingen zu helfen, sei christliches Gebot, ohne jedoch die Augen vor unfähigen Regierungen und Despoten in Afrika als Fluchtursache Nr. 1 zu verschließen.

Wer nach Wegweisern in einer globalen, beschleunigten und oft entgrenzten Welt sucht, wird bei „Crossing Border Lines“ fündig. Oskar Wermter ist eine kompakte Roadmap für die Reise durchs Lebens gelungen, die zugleich eine liebevolle Verbeugung vor seiner geistigen Heimat, der Gesellschaft Jesu, ist.

Wermter, Oskar: Crossing Border Lines. Faith is a Journey (Original in englischer Sprache). Harare 2018, 92 Seiten. Kostenlos (oder gegen eine kleine Spende) zu bestellen bei der Missionsprokur der Jesuiten in Deutschland, Königstr. 64, 90402 Nürnberg, Tel 0911/2 34 61 60, E-Mail: prokur@jesuitenmission.de

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