Ein aggressiver Atheismus Der französische Philosoph Michel Onfray hat mit seinen platten kirchenfeindlichen Äußerungen in Frankreich eine Debatte ausgelöst

Der französische Philosoph Michel Onfray (geb. 1959) hat einen Generalangriff auf Judentum, Christentum und Islam eröffnet, der in Frankreich bereits zu heftigen Reaktionen geführt hat. Ziel des Verfassers ist die "philosophische Demontage" des Gottesglaubens. Zum Erwachsenwerden gehöre die "Gewöhnung an das Nichts", die Anerkennung der "Abwesenheit eines Sinnes mit Ausnahme dessen, den man selbst gibt." Ein grundlegender Mangel des Bandes ist bereits auf religionswissenschaftlicher Ebene die Weigerung, zwischen den einzelnen Religionen zu differenzieren: Alle Gottesvorstellungen bilden ein "Pantheon erfundener lustiger Gestalten", alle Göttererzählungen sind "fiktive Fabeln." Theologie und christliche Religionsphilosophie sind für den Verfasser "Antiphilosophie", die zu lange eine radikal antichristliche Philosophie verhindert haben. Neben die sehr oberflächliche Religionskritik tritt bei Onfray das Mittel der moralischen Diskreditierung des Gegners. Beständig werden die "Gewaltexzesse und Kriege gegen die Gottlosen" angeführt. Die zahlenmäßig in der Menschheitsgeschichte bisher unübertroffenen Massenmorde der dezidiert atheistischen und antichristlichen totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts werden verschwiegen. Als Beispiele für die Christenverfolgung durch die französische Revolutionsregierung werden manipulativ einzig die Umwandlung von Kirchen in Krankenhäuser und das Ersetzen der "Kruzifixe aus totem Holz durch lebendige Bäume" genannt. Im Kapitel über die philosophische Religionskritik werden Gemeinplätze aufgetischt, die nicht für die Abiturprüfung in Religion ausreichen würden. Vom Nihilismus möchte Onfray sich distanzieren, er postuliert einen Atheismus, der "neue, bis dahin unbekannte, weil nicht vorstellbare Werte" hervorbringen wird. Inhaltlich werden leider keine Angaben über diese "neuen Werte" gemacht. Durchgängig werden die Repräsentanten der Religionen gezielt verächtlich gemacht und respektlos herabgesetzt. So wird der Apostel Paulus als "der hysterische Handlungsreisende" bezeichnet. Mit alten Werten wie Sachlichkeit der Auseinandersetzung und Verzicht auf persönliche Verunglimpfung wäre man hier schon zufrieden. Ein Unterrichtsfach "Atheismus" müsse den Religionsunterricht ersetzen und die Erkenntnis durchsetzen, dass Religion "aus einer Art primitiver entwicklungsgeschichtlicher ... Rationalität hervorgeht." Nach wie vor bestehe eine "ontologische Verseuchung" ehemals christlich geprägter Kulturen zum Beispiel in der Rechtsprechung. Sie geht nämlich davon aus, dass es "einen freien, verantwortungsfähigen Menschen", dass heißt einen Menschen, "der schuldig werden kann" gibt. "Dieses heimliche Zusammenspiel zwischen dem freien Willen und der absichtlichen Bevorzugung des Bösen vor dem Guten, das Verantwortung, Schuld und damit Strafe legitimiert, setzt ein funktionierendes magisches Denken voraus." Ohne die Unterscheidung von Gut und Böse, Wahr und Falsch und ohne die Annahme eines freien Willens wird allerdings jede vernünftige Auseinandersetzung unmöglich, gibt es keine wahren Aussagen und wird auch jede Kritik am Verhalten anderer unsinnig. Auf dieser Basis ist das Projekt einer rationalistischen Religionskritik in sich völlig widersprüchlich. In der Tradition der Aufklärung stehend sieht der Verfasser auch keinerlei Sinn in der Gottesverehrung da sie nicht der Wissensvermittlung dient: "Die sonntägliche Messe hat sich noch nie als ein Ort ausgezeichnet, an dem hochgeistige Reflexionen und Analysen oder ein außergewöhnlicher Kultur- und Wissensaustausch stattfinden..." Nicht einmal die Herkunft der abendländischen Musik aus der Kirchenmusik kann Onfray als Kulturleistung anerkennen. Wenn Christen argumentieren, dann sind das "Sophistereien" oder "scholastische Haarspaltereien" aus dem "jesuitischen Waffenarsenal", geht es "weniger um ehrliche Argumentation als um die Apologetik". Folglich setzt sich Onfray auch an keiner Stelle mit christlicher Religionsphilosophie oder Fundamentaltheologie auseinander. Entweder Christen sind ungebildet, wissen eigentlich nicht was sie glauben oder sie sind "jesuitisch". So erspart sich diese Polemik jede sachliche Auseinandersetzung und geht gleich zur Säuberung Europas von letzten Resten christlicher Moralvorstellungen über, die eine "postchristliche laizistische Ethik" bisher verhindert haben. So nebenbei wird das Denken des französischen jüdischen Religionsphilosophen Emmanuel Levinas als nachchristlicher Wiederbelebungsversuch der christlichen Botschaft abgetan. Als ganz in der libertinistischen Tradition der Saint-Simonisten des 19. Jahrhunderts stehend zeigt sich Onfray, wenn es um einen Ausblick in die postchristliche Moral geht: "Eine Moral, für die der Körper keine Strafe mehr, die Erde kein Jammertal, das Leben keine Sünde, die Frauen kein Fluch, die Intelligenz keine frivole Anmaßung und die Wollust kein Grund zur Verdammnis." Aus der Psychoanalyse stammt die von Onfray bemühte These vom Ursprung der Religion aus dem Todestrieb. Ständig oszilliert der Text zwischen Peinlichkeit und billiger Polemik: So heißt es etwa "Auch das Christentum meint, die Bibel enthalte alles Wissen, das für das reibungslose Funktionieren der Kirche notwendig ist." Dies gilt zum Beispiel nicht für das Funktionieren der Kirchenheizung für die es in der Bibel keinerlei Anleitung gibt. Auf der anderen Seite meint Onfray: Religionen "tendieren eindeutig zu geistiger Finsternis, um so ihre Märchen aufrecht erhalten zu können". Da alle drei monotheistischen Religionen zusammen abgeurteilt werden, fallen notwendige Unterscheidungen hinsichtlich des Offenbarungsverständnisses, der Gotteslehre und des Menschenbildes vollständig weg. Dies führt dann etwa zu einer allgemeinen Aussage, die eben gerade für das Christentum nicht zutrifft: Für Gläubige sind die heiligen Schriften "nicht von Menschenhand geschaffen und deshalb seien auch für deren Entstehung keine näheren zeitlichen Angaben zu machen". Auffällig ist, dass einzig die katholische Kirche das völlig verzerrte Feindbild der atheistischen Kampagne von Onfray gegen das Christentum liefern muss, andere christliche Gemeinschaften werden fast gänzlich ausgespart. So steigern sich die unterstellten Gemeinsamkeiten zur behaupteten "Liebesheirat zwischen der katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus", über die kein Zweifel möglich sei auch aufgrund "Hitlers starker Bewunderung für das Christentum". Unverständlich, dass sich ein seriöser Verlag angesichts der Überfülle an gesicherten Forschungsergebnissen, die das Gegenteil beweisen, solche ungeheuerlichen Pauschalverurteilungen und Unterstellungen, die nur das Ziel verfolgen, heutige Katholiken und ihre Kirche ins moralische Abseits zu schicken, vorbehaltlos für den atheistischen Kirchenkampf instrumentalisieren lässt. "Die Öfen der Gaskammern (gemeint sind wohl die Krematorien, denn in den Gaskammern gab es keine "Öfen") konnten mit einem Funken des Johannesevangeliums gezündet werden" (S.258), da die Geißel bei der im Johannesevangelium geschilderten "Tempelreinigung" Jesu "zur Vertreibung der Ungläubigen, der Nicht- Christen, die Handel treiben und Wechselstuben unterhalten, kurz: zur Vertreibung der Juden" diente. Dies sei die "Losung, die das Dritte Reich und den Vatikan als Komplizen an einen gemeinsamen Tisch brachte." Onfray weitet seine Unterstellungen sogar noch weiter aus: "Die Zusammenarbeit zwischen der Kirche und dem Nationalsozialismus hatte auch die Ausrottung eines Volkes zum Ziel. Um dies besser erreichen zu können, wurde das Volk zu Gottesmördern erklärt. Sechs Millionen Tote. Hinzu kommt die hilfreiche Zusammenarbeit bei der Deportation und Ermordung von Zigeunern, Homosexuellen, Kommunisten, Freimaurern, engagierten Linken und Laizisten, Zeugen Jehovas, antifaschistischen Widerstandskämpfern, Gegnern des Nationalsozialismus und anderen Leuten, deren Fehler es war, keine hundertprozentigen Christen zu sein..." Solch völlig absurde Verurteilungen sollen das Christentum endgültig als Verwirklichung des Todestriebs entlarven und für alle Zeit diskreditieren. Ziel ist, die "Dechristianisierung" der westlichen Gesellschaft voranzutreiben. Dafür, meint Onfray, habe er die "effektivsten Waffen" in Anschlag gebracht. Wie unwahrscheinlich ist es, dass solche Theoretiker des aggressiven Atheismus einmal staatlicherseits die Gesinnungskontrolle übernehmen? Werden Christen einmal wieder wie in der Sowjetunion als Verrückte in die Psychiatrie eingeliefert werden? Autor: VON MICHAEL KARGER

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