Am Grabe des Heiligen Benedikts

St.-Benoit-sur-Loire birgt die Gebeine des Ordensgründers und Namenspatrons des Papstes

Eine Landschaft, fast wie an der Niederelbe: weit und flach, verträumte Dörfer schmiegen sich in den Schatten eines Deiches, erntegelbe Getreidefelder, grüne Koppeln mit schwarzbuntem Vieh. Doch unter dem tiefblauen Himmel leuchten riesige goldene Sonnenblumenschläge und verdrängen das Bild der norddeutschen Tiefebene. Dann klettert die einsame Straße plötzlich auf die Höhe des Deiches, der die Loire zähmen soll, die doch so seicht und friedlich dahinplätschert. Auf Inseln und Sandbänken lärmen Scharen von Wasservögeln. Und dann, auf einmal, wie eine Vision, an einer Flussbiegung eine gewaltige Kirche, wie eine mittelalterliche Kogge aus den Dächern des kleinen Ortes aufwachsend: St.-Benoit-sur-Loire. Der helle Stein des Vierungsturmes und des Westwerkes leuchtet im Schein der späten Nachmittagssonne. Einige Historiker vermuten hier das uralte kultische Zentrum der Gallier. Sicher ist jedoch, dass im damaligen Fleury, an der Grenze von Franken, Burgundern und Aquitanen, König Chlodwig II. im Jahre 651 ein Benediktinerkloster gründete.

Bereits sechzehn Jahre später werden die Gebeine des Ordensgründers, des heiligen Benedikt, aus dem durch Langobarden zerstörten Kloster Monte Cassino nach Fleury überführt, wo sie bis heute ruhen. Theodulf, ein Gefährte und Berater Karls des Großen, gründet als Abt von St. Benoit, wie Fleury schon bald genannt wird, eine Klosterschule. Die Abtei erlebt eine erste Blütezeit. Mehrfach wird das Kloster durch Normannen geplündert, die mit ihren flachen Booten die Loire heraufkommen, doch die Reliquien des Hl. Benedikt entgehen jedesmal der Verwüstung. Schon bald sind die Rückschläge überwunden und St. Benoit wird zum Ausgangspunkt einer Reformbewegung, die weit bis nach Deutschland und England reicht, vor allem unter seinem tatkräftigen Abt Gauzelin. Dieser ist es auch, der Anfang des 11. Jahrhunderts, voller Stolz auf die Grabstätte seines Ordensgründers, im Westen der Abteikirche die einzigartige, turmartige Vorhalle erbauen lässt. Nach dem verheerenden Brand von 1026 beginnt die Bauzeit des noch heute bestehenden herrlichen Kirchenkomplexes, die bis ins 13. Jahrhundert andauert.

Am 26. Oktober 1218 wird die feierliche Weihe vollzogen. Der Hundertjährige Krieg bringt mit Plünderungen und Brandschatzungen schwere Prüfungen für die Abtei und einen Rückgang des Klosterlebens. Eine Gedenktafel erinnert noch heute an die Wallfahrt von Jeanne d'Arc, die sie 1429 nach der Eroberung des nahen Orleans zum Grabe St. Benedikts unternahm. 1790, nach 1 139 Jahren einer wechselvollen Geschichte geht die Abtei in der Revolution unter. Die Klostergebäude werden verkauft und abgerissen. Die Klosterkirche wird Pfarrkirche und entgeht so mit knapper Not dem gleichen Schicksal. Doch anderthalb Jahrhunderte später zieht aufs Neue benediktinischer Geist in die alten Mauern ein: 1944 wird von Pierre-qui-Vire aus die Abtei wiedergegründet. Vom Westen her gesehen wird die Kirche fast verdeckt von Abt Gauzelins mächtigem, ursprünglich freistehenden Vorhallenturm, einem Bauwerk, zu dem es in der Romanik kein vergleichbares Gegenstück gibt. Das Erdgeschoss besteht aus sechzehn Pfeilern mit Halbsäulen, die auf jeder der drei offenen Seiten drei Rundbögen tragen. Diese Bögen wiederholen sich im Obergeschoss in Form von jeweils drei Rundbogenfenstern von doppelter Höhe. Im Erdgeschoss entsteht so ein "Hochwald" von sechzehn "Stämmen". Das Schönste und Wertvollste in diesem "Wald" aber sind die Kapitelle, die den ganzen Erfindungsreichtum frühmittelalterlicher Steinmetze offenbaren. Da flieht die Gottesmutter auf einem winzigen, dackel-langen Eselchen quer sitzend nach Ägypten, einen fast schon halbwüchsigen Jesusknaben auf dem Schoß haltend, da umarmen sich Maria und Elisabeth voller Innigkeit, da streiten sich Engel und Teufel um eine arme Menschenseele - ein unerschöpfliches Bilderbuch rührender mittelalterlicher Glaubensstärke. Das Innere der Kirche, einer Basilika mit Querschiff, ist erfüllt von Licht, Harmonie und Frieden. Sechs spätromanische Bögen trennen das Mittel- von den beiden Seitenschiffen. Das geschnitzte Chorgestühl von 1413 ist in die Vierung vorgezogen. Im linken Querschiff wird "Unsere Liebe Frau von Fleury" verehrt, eine wunderschöne Alabasterstatue der Muttergottes. Achtzehn Meter hoch ist der herrliche Chorraum. Auf zwei Ebenen stehen zwei Altäre. Hier befindet sich auch der schöne Sarkophag eines Königsgrabes; Philipp I. wurde 1108 hier beigesetzt. Aus der lichtdurchfluteten Kirche steigt man hinab in die kühle Dämmerung der Krypta.

In einem gewaltigen Haupt- und Mittelpfeiler, dem architektonischen und symbolischen Zentrum des ganzen Gebäudes, umgeben von einem strahlenförmigen doppelten Umgang, ruht der schlichte Schrein mit den Gebeinen des Heiligen Benedikts im Licht zahlloser Kerzen. Hier, in diesem weihevollen, meditativen Gemäuer sollte man innehalten. Man sollte sich wieder einmal klar werden über die Bedeutung der Persönlichkeit Benedikts von Nursia. Ohne ihn, den Begründer des abendländischen Mönchtums, den "Vater Europas", ist unsere heutige abendländische Kultur nicht denkbar. Die Mönche seines Ordens waren es, die im früher keltisch-germanischen Europa die geistigen Schätze der Antike bewahrten und in ihren Schulen weitergaben. Hier, im weltabgeschiedenen Fleury an der Loire, das stolz Benedikts Namen trägt, ruht er aus. Dankbares Erinnern ist das Mindeste, was wir ihm entgegenbringen sollten. Autor: VON SIGISMUND VON ZEDLITZ

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Angelo Acciaiuoli Carolus Magnus Frühmittelalter (500 - 999) Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Klöster Mutter Jesu Maria Mönche Mönchtum Päpste Äbtissinen und Äbte

Weitere Artikel

Warum in die Ferne schweifen? Ein Tagesausflug rund um das rheinische Düren führt tief in die Geschichte des christlichen Mittelalters.
23.07.2022, 07 Uhr
Andreas Drouve
„Das ganze Antlitz ist fröhlich und heiter“: Eine glanzvolle Schau in Münster feiert Kaiser Friedrich I. Barbarossa.
27.11.2022, 13 Uhr
Veit-Mario Thiede

Kirche

Kiew diskutiert ein Verbot der mit Moskau verbundenen Orthodoxie in der Ukraine. Ein gezieltes Vorgehen gegen Kollaborateure in ihren Reihen wäre dem Rechtsstaat angemessener.
09.12.2022, 19 Uhr
Stephan Baier
Bernardo Silvestrelli war von 1878 bis 1907 Generaloberer der Kongregation vom Leiden Jesu Christi.
09.12.2022, 05 Uhr
Claudia Kock